Jour Fixe 12: Performative Kunst im LOT-Theater

Jour Fixe 12: Performative Kunst im LOT-Theater

Der Autor weiß gerade nicht, wieviele Menschen ins LOT-Theater passen – auf jeden Fall nicht mehr, als am 7. November 2013 um 19 Uhr auf Rängen, Treppen und Bühnenboden Platz finden. Am Ende muss wohl trotzdem niemand draußen bleiben; ein Ergebnis konsequenter und erfolgreicher “Nachverdichtung”, wie man im Städtebau sagt.

Logik, Kausalität, inhaltliche Konsistenz: Wie schnöde klingen diese Kriterien, wenn man sie an die Performative Kunst anlegt. An Kunst, die frei ist, höchstens eigenen Regeln folgt und im Auge jedes Betrachters neu entsteht. Andererseits ist es ja das HBK-Institut für Performative Künste UND Bildung, das diese Veranstaltung in Kooperation mit dem LOT-Theater zum 12. Mal durchführt. Und wer sich explizit der Bildung verschreibt, der muss mit seinen Arbeiten zwangsläufig verallgemeinerbare Aussagen treffen. Man darf also getrost auf Sinnsuche gehen. Aber auch wenn diese Suche teilweise scheitern muss – der Jour Fixe ist ein ganz besonderes Erlebnis!

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“macht Geld macht” – eine Performance von Michael Prakash

Geld und Transformation – darum geht es bei der interaktiven Performance von Michael Prakash. Sechs Gäste aus dem Publikum verwandeln sich zu Akteuren einer Castingshow: drei werden zu Kandidaten, drei andere zu Juroren, die anhand von mehr oder weniger aussagekräftigen Symbolkarten die kleinen Aufgaben der Probanden zu bewerten haben. Auch der Künstler wandelt sich: zunächst kritischer Denker, dann gnadenloser Showmaster. Ein interessantes Mini-Experiment, das mit Rollenverteilungen anhand von Macht und Geld spielt. Kostenpunkt: 100€.

Ohne Bild: “Dinner für Drei” – von Ina Katharina Sieling (Kurzfilm)

Eine Horrorfilmparodie, die sich an den Klischees der jüngsten Vampir-, Werwolf- und Zombiefilme abarbeitet. Der Protagonistin wird vor dem Ausgehen der nächtliche Tod angekündigt. In Vorfreude auf ein romantisches Date zieht sie trotzdem los und muss sich gegen Vampir-Lover, Werwolf und Zombie erwehren – am Ende ohne Erfolg. Die ohnehin holzschnittartigen Figuren und Plotts der allgegenwärtigen Kaputten-Lovestories überzeichnen zu wollen, ist nicht einfach. Dennoch bietet der Streifen einige Schmunzler und der filmische Aufwand dürfte beträchtlich gewesen sein. Highlights sind die putzig-krude Eingangsszene und die Schwarz/Weiß-Abspannsequenz im Stil der Munsters aus den 60ern.

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“Part 2″ – Kunst in Aktion-Modulprüfung zum Thema “Lachen” von Eileen Winkler, Marie-Delphine Rauhut, Selina Rössler und Niklas Senior

KIA ist hier keine Automarke (mehr), sondern bedeutet an der HBK “Kunst in Aktion”. Wir sehen eine Modulprüfung zum Thema “Lachen”, die sich dem Gegenstand szenisch als eine Art Slapstick-Element, autobiographisch als Gefühlsmedium und physisch-phonetisch als Klang und Teil von Körpersprache widmet. Eine facettenreiche Annäherung an ein Thema, das in den seltensten Fällen Objekt sondern vielmehr Werkzeug der performativen Kunst sein dürfte.

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“Bars” – von und mit Michelle Winter

Hier wird ein Zungenbrecher vorgetragen, der mit Barbaras Rhabarberkuchen beginnt und viele Silben später für den untrainierten Muttersprachler im Nirwana endet – von der Künstlerin aber in Text und Betonung virtuos vorgetragen. Freude im Publikum, auch aufgrund des mit der Vorführung verknüpften Spiels um zwei Flaschen Bier und ein Bild.

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“roundabout – you far, I there” – von Fromme Schimpansin (r.) und Arbeiter 11811

Wenn dem Autor bei einer Performance übel wird, ist die Vorführung entweder zum Kotzen schlecht oder vielleicht einfach mitreißend-genial – schlecht war der Auftritt des Künstlerduos sicher nicht. Sympathisch unbescheiden lobt der über Skype aus Kreta zugeschaltete Arbeiter 11811 erst einmal die letztjährige Performance und hebt dann zu einem endlosen Jesus-Monolog an. Dessen Relevanz geht mit der stark nachlassenden Übertragungsqualität eine stimmige Symbiose ein. Hinzu treten sich überlagernde Musik- und Geräuschsamples, die lokal von Fromme Schimpansin eingespielt werden. Als auch sie beginnt, sich sprachlich und räumlich im Kreis zu bewegen, ist das Werk komplett: eine fein inszenierte, audio-visuelle Kakophonie zum schwindlig werden.

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“Ein Musikstück” – mit Birte Opitz, Theresa Meidinger, Susi Rosenbohm und Tracy Stiehl

Der Autor kann im Dunkeln sein Programm nicht erkennen und weiß erst mal nicht, was Sache ist. Anfangs nervt das stumpfe “Sie so” – “Er so”. Dann wird klar, dass es hier in erster Linie um Bewegungsabläufe und Körperbeherrschung geht. Den vier beteiligten Tänzerinnen ist die Konzentration und Anstrengung deutlich anzusehen: hier wird ein Musikstück von der Partitur in Bewegungen umgesetzt, sauber und akkurat.

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“Unkraut geschluckt!” – von Affe und Schwein

Ein launiger Dialog zwischen einem Affen und einem Schwein am Esstisch, der auf heitere Weise die ökologischen Sünden der Menschheit durchdekliniert. Eine Fabel als Countdown zum totalen Kollaps des Planeten und ein Sinnbild für die Naivität des Menschen.

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“Abendfüllung” – Performance basierend auf Geralds Bisingers Gedicht “abendfüllend” von Rike Breier, Ina Katharina Sieling und Marleen Kristin Schwarz

Dem Autor ist Gerald Bisingers Gedicht “abendfüllend” nicht bekannt, das als Grundlage für die letzte Performance des Abends dient. Aber die Jane-Fonda-Darbietung in Verbindung mit einem Glas, das abwechselnd aus zwei Mündern bis zum Rand gefüllt wird, ergibt ein stimmiges Gesamtbild, das sogar als Veranstaltungsfazit taugt: anstrengend aber gehaltvoll!

Gut Gegossen

“Gut gegossen” – von Marlena Labuhn

PS: Der Autor war leider abgelenkt bei “Ohne Titel 1″ von Susi Rosenbohn und “Über Bienen + Menschen” von Kyra Mevert. Er hat den Faden verloren bei den zahlreichen “Fünf Vol. 1″-Intermezzi und er hat das LOADINGDOCK nicht gefunden (“Julia und die Sprache” – von Julia Weidner). Er unterschlägt außerdem die Ausstellung “Der letzte Blick” von Stefanie Ponndorf sowie die Skulptur “Vorher. Nachher.” von Sandra Berger, beides im Foyer.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

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