Coworking in Theorie und Praxis: Christian Cordes im Gespräch mit Kulturblog38.net

Coworking in Theorie und Praxis: Christian Cordes im Gespräch mit Kulturblog38.net

Coworking ist mehr als nur ein Modebegriff – es könnte die Zukunft der Kreativwirtschaft werden, und für viele ist es bereits jetzt Realität. Regionaler Vorreiter in Sachen Coworking ist die Stadt Wolfsburg. Hier gibt es nicht nur seit 2012 den Schiller40 Coworking Space – Wolfsburg ist auch Gastgeber der Coworking Konferenz Deutschland 2014 vom 7. bis 9. Februar im Alvar Aalto Kulturhaus. Wir haben uns mit Christian Cordes, Leiter des Schiller40 und Organisator der Cowork 2014 getroffen.


Coworking – Mehr als ein Modebegriff

Kb38: Christian, du bist Leiter eines Coworking Space und Organisator der bevorstehenden Cowork 2014 Konferenz – was ist eigentlich Coworking?

CC: Coworking ist eine Arbeitsform, die ihren Ursprung in den USA hat. Dort hat man herausgefunden, dass ein kommunikatives, teamorientiertes Umfeld die Produktivität und Leistungsfähigkeit des einzelnen erheblich steigert. Das gilt vor allem für Kreative, die ihre Ideen häufig parallel zum eigentlichen Arbeitsprozess – z.B. während eines Gesprächs beim Kaffee – nebenbei entwickeln.

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Christian Cordes, “digitaler Herbergsvater” im Schiller40 und Cowork 2014-Organisator

Kb38: Welche weiteren Vorteile hat Coworking als Arbeitsform?

CC: Selbst wenn ich als Freiberufler ein top eingerichtetes Büro zu Hause habe – wo empfange ich meine Kunden? Ich kann das bei mir im Wohnzimmer oder in der Küche machen oder alternativ in irgendeinem Café. Aber das ist kein wirklich professionelles Umfeld, da fehlt es häufig schon am Beamer, von einer angemessenen Gesprächsatmosphäre ganz zu schweigen.

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Kb38: Coworking ist also eine Arbeitsform, die besonders an den spezifischen Bedürfnissen von kleineren Start-Ups, Freelancern und Projektarbeit ausgerichtet ist?

CC: Genau, Coworking eignet sich hervorragend für Menschen, die zeitweise erhöhten Bedarf an Raum und technischer Infrastruktur haben. Ein Coworking Space stellt beides zur Verfügung und lässt sich tage- und wochenweise, aber auch für den Zeitraum eines ganzen Projekts buchen. Genau das machen wir im Schiller40.


Das Schiller40: “Schmelztiegel der Kultur- und Kreativwirtschaft”

Kb38: Was hat es mit dem Schiller40 auf sich, wie ist dieser Coworking Space entstanden?

CC: Vor drei Jahren haben sich die Stadt Wolfsburg und die Wolfsburg AG erstmals zum Thema Coworking zusammengesetzt. Dabei hat man festgestellt, dass es hier einen entsprechenden Bedarf gibt und dass der traditionelle Automobilstandort Wolfsburg durch einen zentral gelegenen Coworking Space mit Kreativwirtschaft optimal ergänzt werden kann.

Kb38: Wie ging es weiter?

CC: Wir haben uns dann auf die Suche nach weiteren geeigneten Partnern gemacht, die wir in der städtischen Wohnbautochter Neuland gefunden haben. Dann haben wir uns gemeinsam ein paar Coworking Spaces in Berlin angeschaut und definitiv entschieden “Ja, wir machen sowas in Wolfsburg”. Im April 2012 konnten wir offiziell die Eröffnung des ersten Coworking Space in Wolfsburg und der Region feiern.

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Die Schiller 40-Crew von filmpunktton.de

Kb38: Was unterscheidet euch von anderen Coworking Spaces, was verbindet euch?

CC: Es gibt einmal im Monat einen bundesweiten Google Hangout mit allen Spaces, und es gibt diverse Schnittstellen von verschiedensten Konferenzen und Projekten bis zur jährlichen Coworking Week. Alle fünf Coworking Spaces in Niedersachsen, zwei davon in Hannover, hatten darüber hinaus einen gemeinsamen Stand auf der letzten CeBit.
Unterscheiden tun wir uns insofern, als dass wir deutschlandweit der erste kommunale Coworking Space sind. Unser zweiköpfiges Team ist Teil der Stadtverwaltung, unterstützt werden wir von einem Freiwilligen im FSJ Kultur. Auf diese Weise können die Mieten für die Coworking-Arbeitsplätze niedrig gehalten werden, um als Alternative zum Home Office noch attraktiver zu sein

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Wobstories bei der Arbeit im Space

Kb38: Wie kommt der Coworking Space an, wer nutzt ihn?

CC: Bei der Dauerauslastung des Space liegen wir momentan bei 92%, d.h. wir sind fast komplett ausgelastet. Wobei natürlich immer noch freie Plätze für Tages- und Wochengäste vorgehalten werden, das ist ja fundamentaler Bestandteil des Konzepts.
Die achtzehn Arbeitsplätze werden von Designern, Web-Entwicklern, Fotografen, Textern, Autoren, Bloggern, Architekten genutzt. Wir haben hier auch einen Kulturverein, der sich um sozial Bedürftige kümmert. Wir haben aber auch eine Sprachschule und eine PR-Referentin für Sterne-Gastronomie, wir haben zwei Videoproduktionsfirmen usw. – wir sind eine ganz bunte Truppe. Ein Wolfsburger Künstler sagt, das Schiller40 sei der “Schmelztiegel der Kultur- und Kreativwirtschaft”.


Schiller40: Technisches Hightech- und kreatives soziales Netzwerk

Kb38: Stichwort Infrastruktur – welchen Service bietet das Schiller40 seinen Nutzern?

CC: Mitten im Wolfsburger Zentrum stellen wir unseren Nutzern auf insgesamt 343 m² zunächst mal eine hochwertige technische Infrastruktur zur Verfügung: Vom schnellen Internetanschluss über Telefon, Drucker, Scanner, Kopierer, Schneide- und Bindemaschinen bis hin zum 3D-Scanner und 3D-Drucker. Es gibt diverse Notebooks und Videokameras zum Ausleihen; es gibt Konferenztechnik, Flip Charts, Pinnwände – alles was man so braucht, um Meetings und Workshops abzuhalten. Eine kleine Werkstatt haben wir auch. Dieses Angebot ist übrigens nicht auf die Space-Mieter beschränkt, sondern steht auf Anfrage allen Interessierten zur Verfügung.

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Hightech im Schiller40: 3D-Drucker

Kb38: Aber das ist noch nicht alles?

CC: Richtig, es gibt auch noch den anderen, unseren organisatorischen Part. Als Team des Schiller 40 kümmern wir uns um die Vernetzung der Leute untereinander. Wir machen Netzwerk-Events für unsere Nutzer und holen externe Referenten und Impulsgeber ins Haus. Wir arbeiten auch mit Design-Agenturen und Medienrechts-Anwaltskanzleien zusammen, die sich z.B. mit dem Thema Urheberrecht beschäftigen. Das sorgt für zusätzlichen Input für unsere Nutzer.
Als Space-Betreiber sind wir natürlich auch beim Eventmanagement aktiv, von der Party bis zum Qualifizierungs-Workshop ist alles machbar. Wir führen darüber hinaus regelmäßig eine „Smartphone-Schule“ und den “Twitter-Tatort“ durch. Dieses ganze Spektrum an Leistungen unterscheidet uns von einer klassische Bürogemeinschaft oder einem Freelancer im Café: Hier kommst du in lockerer Atmosphäre in Kontakt mit Aktiven aus Kultur, Kulturförderung und Wirtschaft.


Cowork 2014: “Web Worker” zu Gast in Wolfsburg

Kb38: Jetzt steht die Cowork 2014 vor der Tür, die du nach Wolfsburg geholt hast. Was erwartet die Besucher?

CC: Die Cowork 2014 ist die dritte deutschlandweite Coworking-Zusammenkunft und die erste, die in Umfang und Titel über die bisherigen Barcamps hinausgeht. Die Coworking Konferenz Deutschland 2014 findet vom 7. bis 9. Februar im Alvar Aalto Kulturhaus Wolfsburg statt und richtet sich einerseits an die Coworking-Szene selbst, also Space-Betreiber und -Nutzer. Auf der anderen Seite sind Wissenschaftler angesprochen, die sich z.B. im Rahmen von Stadt- und Regionalplanung mit dem Thema auseinandersetzen. Und die Konferenz ist natürlich Anlaufstelle für alle, die sich allgemein für das Thema Coworking und zukünftige Arbeitsformen interessieren, klassische “Web Worker”, Freelancer usw.

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Kb38: Was sind die  Highlights der Konferenz?

CC: Neben spannenden Podiumsdiskussionen, Keynotes und dem traditionellen Barcamp wird es eine exklusive Vorab-Lesung mit Lena Schiller Clausen und Christopher Giesa geben. Sie stellen am Freitag ihr neues Buch “New Business Order” vor, das beschreibt, wie Start-Ups, junge Projekte und neue Arbeitsformen die Gesellschaft verändern. Es ist die erste Lesung zu dem Buch überhaupt und obwohl es erst Ende Februar in den Handel kommt, wird es bereits auf der Konferenz erhältlich sein. Dazu wird es mindestens einen musikalischen Live-Gig geben, ein Konferenz-Dinner und natürlich ein bisschen Meet & Greet mit Kulturprogramm (Infos zum Konferenzprogramm).

Kb38: Wie groß wird die Konferenz sein?

CC: Wir rechnen mit rund 80 Teilnehmern, unter ihnen einige bekannte Gesichter aus der Bloggerszene. Anmelden kann man sich offiziell bis zum 31. Januar. Persönliche Anmeldungen per E-Mail nehmen wir aber auch noch bis Sonntag entgegen (Infos zur Anmeldung)! Es werden übrigens auch viele Braunschweiger unter den Besuchern sein.

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Space-Nutzer drossmedia.com, Michael Drossmann

Kb38: Apropos Braunschweig – dürfen wir in Zukunft auch irgendetwas in Richtung Coworking Space erwarten?

CC: Es wird bald einen klassischen Coworking Space in Braunschweig geben. Im Herbst wird es soweit sein, soviel kann ich schon verraten.

Kb38: Christian, vielen Dank für dieses Gespräch!

(je/sd)

Fotos: Stephen Dietl

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