“Es bewegt sich endlich etwas” – Interview mit Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse

“Es bewegt sich endlich etwas” – Interview mit Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse

Frau Dr. Hesse, viele wissen nicht, dass Sie ursprünglich eine Laufbahn als Freie Künstlerin einschlagen wollten. Wie ist aus der HBK-Studentin Anja Hesse die Braunschweigische Kulturdezernentin geworden?

Ich bin 1981 nach Braunschweig gekommen, um an der HBK freie Kunst zu studieren, habe später jedoch zu Kunst für das Höhere Lehramt gewechselt und zusätzlich Geschichte studiert. Ich wusste, dass Freie Kunst – die nach wie vor meine Leidenschaft ist – mich nie würde ernähren können. Man muss sich irgendwann eingestehen, was man kann und was nicht. Für das Erste Staatsexamen habe ich eine Arbeit über den NS-Maler Werner Peiner geschrieben. Peiner hatte im “Dritten Reich” einen ähnlichen Status wie Albert Speer für Architektur oder Arno Breker für Bildhauerei, wurde bis dato aber kaum untersucht, weil die Malerei des Nationalsozialismus von der Kunstgeschichte nach 1945 weitestgehend ignoriert wurde. So habe ich mich Ende der 80er einem kunstwissenschaftlichen Thema gewidmet, das in hohem Maße Wellen schlug. Ich erhielt ein Stipendium des Landes Niedersachsen und habe mich schließlich an der HBK und am Historischen Seminar der TU mit diesem Thema promoviert und wollte Braunschweig verlassen. Dann aber wurde ich gefragt, ob ich eine dreimonatige Schwangerschaftsvertretung für die damalige stellvertretende Kulturamtsleiterin übernehmen wollte. Nach der Zeit habe ich mir mit meiner Kollegin für 18 Monate die stellvertretende Kulturamtsleitung geteilt. Dabei wurden wir höchst kritisch beäugt, ob zwei Frauen es überhaupt schaffen, sich eine Stelle zu teilen, ohne dass der Laden in die Luft fliegt. Doch das haben wir gemeistert. Und danach hat man mich nicht entlassen, sondern noch mal für ein Projekt eingestellt. Anschließend habe ich zwei Kinder zur Welt gebracht und bin immer noch nicht aus Braunschweig weggekommen. *lacht* Nach meiner Rückkehr wurde mir 1996 angeboten, die Leitung des Kulturinstituts zu übernehmen – und ich hatte meinen ersten festen Arbeitsvertrag. Später ist die gesamte Verwaltungsstruktur geändert worden, und 2001 hat man mich gefragt, ob ich den Fachbereich Kultur übernehmen möchte. Zum Fachbereich Kultur gehörten schon damals das Städtische Museum, die Stadtbibliothek, das Stadtarchiv und das Kulturinstitut. 2010 hat mich der damalige Oberbürgermeister schließlich “upgegradet”, wie ich das immer nenne, hat mich zur Kulturdezernentin ernannt. Aus den Versuchen, Braunschweig zu verlassen, ist also nie etwas geworden. *lacht*

Der Wiederaufbau des Residenzschlosses beherbergt auch das Kulturinstitut.

Der Neubau des Residenzschlosses beherbergt auch das Kulturinstitut. Foto: Steffen und Bach

Was ist die Aufgabe des Kulturinstituts?

“Kulturinstitut” ist quasi eine andere Bezeichnung für “Kulturamt”, wie es überwiegend in anderen Kommunen heißt. Es ist eine Abteilung des Fachbereichs Kultur. Die Aufgabengebiete sind extrem heterogen, denn dort ist alles zuhause: Grundlagen schaffen für das “neue FBZ” bis hin zu Kunst im öffentlichen Raum und dergleichen mehr. Die gesamte Beratung für Künstlerförderung liegt im Kulturinstitut.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Wenn ich hier morgens ankomme, weiß ich nicht, was im Lauf des Tages passiert. Ich weiß nicht, ob Anfragen aus der Politik oder der Presse kommen. Ich weiß nicht, wo gerade unerwartet irgendwas schiefgeht, bedacht oder bewerkstelligt werden muss. Der Posteingang im Büro des Oberbürgermeisters ist dabei nicht ganz unerheblich. Was dort in meinen Zuständigkeitsbereich fällt, bekomme ich umgehend hierher. Dann besteht so ein Tag oft aus Gesprächen und Sitzungen, Budgetpläne machen etc. Einen großen Anteil machen auch Dinge aus, die nur scheinbar nichts mit “Kunst und Kultur” zu tun haben. Z. B. Stiftungsangelegenheiten, Verträge usw. Es wäre natürlich schön, wenn ich immer nur den “Grußaugust” auf Vernissagen spielen könnte… Die Realität sieht aber anders aus. Wir sind vergleichbar mit einer Zeitung, wir müssen immer à jour sein. Ich kann nichts einfach so liegen lassen. Ganz stark determiniert wird die Arbeit auch durch die Ausschüsse, die Gremien und den Stadtrat.

Hat sich durch die Oberbürgermeisterwahl in Ihrem Arbeitsalltag etwas geändert?

Ich hatte mit dem Oberbürgermeister a.D. Dr. Hoffmann viel zu tun, und ich habe mit dem neuen Oberbürgermeister ebenso viel zu tun. Herr Markurth hat eine starke Affinität zur Kultur. Außerdem fällt das, was auf dem eben beschrieben Level ohnehin kontinuierlich anfällt, auch unter dem neuen Oberbürgermeister an. Da ändert sich nicht so viel.

Wir sind vor knapp zwei Jahren mit unserem Blog gestartet und haben das Gefühl, dass wir in eine relativ dynamische kulturelle Entwicklung geraten sind. Wie nehmen Sie die Kulturszene und ihre Entwicklung in letzter Zeit wahr?

Seit ich hier 1992 eingestiegen bin, ist viel Zeit vergangen. Ich habe erlebt, wie sich kulturelle Infrastruktur entwickelt hat und glaube auch, einen kleinen Anteil mit neuen Formaten daran zu haben, z. B. mit dem Lichtparcours oder der Kulturnacht oder auch mit experimentellen Dingen. Vieles hat bis heute Bestand, manches hat nicht überlebt. Es ist wahr, dass sich eine grundlegend neue Kulturszene entwickelt hat und ich würde mir wünschen, dass das, was Sie an Dynamik wahrnehmen, nicht nur vermehrt in die Öffentlichkeit kommt, sondern dass auch ich wieder vermehrt in den Kontakt mit diesen jungen Leuten treten kann.

Lichtparcours 2010 in Braunschweig:

(Fotos: Tomas Liebig)

Was wünschen Sie sich in dieser Hinsicht konkret?

Ich habe immer darauf gewartet, dass sich die alternative Stadtteilentwicklung einmal spürbar in der Stadt niederschlägt. Also eine andere Form der Quartiersbildung, die ja erst eine wirkliche Großstadt ausmacht. Ich will Braunschweig jetzt nicht mit Berlin vergleichen. Aber das Thema des Quartiers, das auf einmal hip wird, sich aus sich selbst heraus entwickelt, Leute anzieht und Anreize gibt für Experimente – das ist mein Traum für Braunschweig. Ich habe aber das Gefühl, dass sich hier langsam etwas entwickelt. Was ich mir wünsche, ist, dass sich diese Kultur manifestiert und auch von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Oder Menschen mit Risikobereitschaft, die sich sagen, ich mache in der Ecke mal `ne Galerie oder Kneipe auf. Ich glaube, wenn die erste Kneipe von jungen Leuten in der Jahnstraße eröffnet wird, dann hat Braunschweig es “geschafft”. Braunschweig ist eine aufstrebende Stadt. Doch dieser eine Aspekt, mit dem man auch High Potentials halten kann – dieses Undurchdachte, Unkonzipierte, atmosphärisch aber so dichte Leben, wie es in den Quartieren von Metropolen anzutreffen ist – das fehlt hier leider noch. Aber da bewegt sich endlich etwas, und das macht mich sehr glücklich.

Wäre das nicht Inhalt für einen Kulturentwicklungsplan, der Ziele setzt aber auch eine Bestandsaufnahme ist, um den Bürgern einen Standpunkt und eine Vision zu präsentieren?

Mit einem Kulturentwicklungsplan habe ich bereits 2002 begonnen. Er stand kurz vor der Veröffentlichung, ist dann jedoch eingestampft worden. Das einzige, was daraus das Licht der Welt erblickt hat, war eine Novelle der Förderrichtlinien. Kontinuitätsförderung, Konzeptförderung, Reisekosten für Künstler. Dabei blieb es dann aber auch. Der ursprüngliche Plan füllt drei große Aktenwagen. Viel verändert hat sich seitdem aber nicht, man könnte große Teile sicher auch heute noch gebrauchen. Ein Kulturentwicklungsplan ist natürlich erst mal eine Bestandsaufnahme, völlig richtig. Auf der anderen Seite: Was ist, wenn der Vision nicht auch finanziell das folgt, was man sich vorgenommen hat? Es müssen Taten folgen, und das heißt: Geld in die Hand nehmen. Ich würde mich freuen, wenn dem Entwicklungsplan Soziokultur, der jetzt gerade durch die Politik beauftragt wurde, auch noch ein Gesamtentwicklungsplan folgen würde. Allerdings glaube ich, dass sich Kultur abseits der großen Adressen nicht unter dem Dach irgendwelcher Entwicklungspläne entwickelt, nicht ausschließlich unter dem Vorbehalt oder der Zustimmung der Politik, nicht abhängig von finanzieller Förderung. Wie ebnet man der alternativen Kulturszene, die eine Stadt braucht, den Weg über einen Kulturentwicklungsplan?

Auf wessen Initiative ist dieser Plan entstanden?

Damals? Auf meine. Der jetzige zur Soziokultur aufgrund der Tatsache, dass wir einen Konflikt zwischen Verwaltung und Politik wegen der Nachfolgeinstitution des ehemaligen Freizeit- und Bildungszentrums hatten. Wir haben 2012 eine Vorlage zum Verbleib dessen, was ehemals im alten FBZ stattgefunden hat und wo sich was davon an anderen Orten der Stadt etabliert hat, erstellt. Das meiste, von Theater über Kunst bis hin zur Lesung, ist unmerklich woanders untergekommen. Unterm Strich waren es die Musikveranstaltungen, die zwar zum Teil, solange es noch geöffnet war, im Jolly Joker sowie in der Meier Music Hall einen Platz gefunden haben, aber es fehlt an einer Halle, die auch von Konzertveranstaltern angemietet werden und ebenso wie für Konzerte junger Bands genutzt werden kann. Wir hatten damals vorgeschlagen, um schnelle Abhilfe für Konzertveranstaltungen zu schaffen, einen Verein zu gründen und in die Millenniumhalle zu gehen. Aber dieser Vorschlag fand keine Zustimmung. Durch fast alle Fraktionen hindurch. Ich kann die Ablehnung nachvollziehen, dass keine Begeisterung aufkommt, wenn man zuvor ein FBZ hatte und die Milleniumhalle die Alternative sein sollte. Aber als Verwaltung musste ich das nüchtern sehen: Technik ist da, die Location funktioniert, es gibt genügend Parkplätze – man hätte sofort loslegen können. Die Politik aber hatte eine andere Auffassung und den Beschluss gefasst, noch einmal auf Null zu gehen und zu fragen, wie denn die Soziokultur in der Stadt aufgestellt ist. Weil das FBZ eben ein Soziokulturelles Zentrum war.

Können Sie skizzieren, wohin die Reise mit dem Soziokulturellen Zentrum geht?

Die Entscheidung, das Entwicklungskonzept Soziokultur auf den Weg zu bringen, war richtig. Und jetzt ist ein Konzept mit anständigen Ergebnissen erstellt worden. Wenn das tatsächlich verwirklicht wird, können wir alle zufrieden sein – und da wird die Politik wahrscheinlich auch nichts mehr umstoßen wollen. Also werden in einem ersten Schritt hoffentlich bald ein Gebäude und ein Betreibermodell gefunden. Und in einem zweiten Schritt wird dann der Frage nachgegangen werden, wie wir das Problem der fehlenden Veranstaltungshalle lösen. Aber oberste Priorität hat das Soziokulturelle Zentrum. Im November wurde dem Kulturausschuss das Entwicklungskonzept Soziokultur und eine Beschlussvorlage vorgelegt. Und bei der Konzerthalle hängt es davon ab, wie erfolgreich wir beim Finden eines Grundstücks oder einer Immobilie sind. Und es gibt rechtlich sehr vieles zu beachten; das fängt bei Parkplätzen an und hört bei Nachbarschaftsbelangen auf. Das gilt für beide Projekte. Die Topographie dieser Stadt ist schwierig. Es soll schließlich innerstädtisch sein, am besten fußläufig vom Rathaus erreichbar. Wer einmal bei Google Maps auf diese Stadt guckt, wird feststellen, dass es so viel unbebaute Fläche nicht mehr gibt. Wir haben jeden Stein umgedreht bei der Recherche. Es ist nicht damit getan, zu sagen, da ist frei, da bauen wir. Sondern man muss den Such- und Einparkverkehr, die Lärmemissionen, die Versammlungsstättenverordnung, die gesamte Infrastruktur beachten. Das ist ein Berg von Auflagen. Wir haben am Anfang 17 Grundstücke und Liegenschaften überprüft. Am Ende blieb kaum etwas übrig. Man kann den Leuten des Vereins “KufA e. V.”, die das Gebäude in der Kreuzstraße für ein Soziokulturelles Zentrum identifiziert haben, nur dankbar sein. Das sind Menschen, die ich sehr ernst nehme und deren Engagement ich schätze. Sowas ist nicht selbstverständlich, weder die Sucherei noch überhaupt den Schneid für so etwas zu haben – das ist schon eine enorme Leistung. Wir müssen abwarten, wie sich das Konzept des Vereins weiter entwickelt.

Vor allem in der sogenannten freien Kulturszene hört man öfter Vorwürfe, dass die Kulturförderung in Braunschweig nicht gerecht sei. Zugunsten großer Leuchtturmprojekte und zu Ungunsten der freien Kultur. Was würden Sie dem entgegnen, und wo gibt es vielleicht tatsächlich Verbesserungsmöglichkeiten?

Das ist interessant. *lacht* Erst mal würde ich mich freuen, wenn diejenigen, die mit der Kulturförderungspolitik nicht zufrieden sind, zu mir kämen. Ich kann ja zunächst nur das übersehen, was an Anträgen reinkommt. Und in den seltensten Fällen sehe ich da etwas, von dem ich sagen würde, es ist nicht förderungsfähig und bekommt keine Unterstützung. Dann wäre der Vorwurf ja wenigstens gerechtfertigt. Und ich sehe auch nicht die Leuchtturmprojekte. Ich sehe allerdings in den letzten Jahren beispielsweise kaum noch Anträge für Katalogförderung junger Künstler; die bleiben nahezu aus. Ich frage mich, ob es nicht mehr en vogue ist und man nur noch Online-Kataloge macht, die man an die Galerien und Ausstellungen verschickt. Wie kommt man als Künstler ohne einen Katalog aus? Ich sehe auch sehr selten innovative Projekte, bei denen jemand sagt “Sowas hat es noch nie gegeben!”. Aber ich höre auch, dass man mir nachsagt, die Kulturförderung sei ungerecht. Ich würde gerne erfahren, was “ungerecht” in diesem Zusammenhang heißt. Ist damit gemeint, dass das Staatstheater qua Staatstheatervertrag von 1956 einen Zuschuss von knapp neun Millionen Euro bekommt? Oder was ist ungerecht? Es ist keine Kritik, sondern nur ein Geraune hinter vorgehaltener Hand. Wenn man stattdessen offen Kritik üben würde, um etwas zu verändern, würde ich mich freuen.

Als Beispiel sei das Themenjahr 2013 genannt. Man sagt, dies sei eine reine Marketingveranstaltung gewesen. Es hätte in großem Ausmaß Zeit und Geld gebunden, und somit seien andere Projekte zu kurz kommen.

Dieses Thema ist vielschichtig. Ich gehe jetzt mal auf den allgemeinen Tenor ein und was ich auf bestimmten Internetseiten immer noch lese. Da ist von 1,8 Mio. Euro die Rede, die verausgabt worden seien. Fakt ist: 650.000 Euro waren über zwei Jahre im Haushalt für dieses Projekt eingestellt. Und dieses Geld ist natürlich auch für Marketing verwendet worden. Aber ein Großteil ist direkt in die Kulturförderung geflossen. Und ich kann Ihnen sagen, dass wir 99% aller Ideen gefördert haben. Es mussten nicht mal Anträge gestellt werden. Das war eigentlich eine “revolutionäre” Form der Förderung. Alle haben ihr Geld bekommen. Ich glaube, dass es eine ganz normale Reaktion von denjenigen ist, die sich nicht mit einem Thema identifizieren können, es erst mal pauschal abzuurteilen und zu sagen, das Geld hätte für anderes besser ausgegeben werden können. Ich will damit nicht sagen, dass das Stammtischgerede ist, aber mit Verlaub: Egal, was passiert, richtig ist es immer nur aus einem Blickwinkel, falsch ist es immer aus dem der anderen. Und damit muss man leben. Was ich nur schwer nachvollziehen kann, ist wenn Kritik nicht offen geäußert wird und man sich nicht auseinandersetzen kann.

Viele wünschen sich mehr künstlerische Präsenz der HBK-Studierenden in Braunschweig. Die Kunsthalle an der Hamburger Straße schien ein Schritt in eine solche Richtung, doch inzwischen ist sie wieder in Händen der Stadt. Wie ist es dazu gekommen?

Erlauben Sie mir, dass ich da ein wenig aushole: Als HBK-Studenten haben wir mehr oder weniger in geschlossenen Kreisen gelebt, die HBK war unser Mikrokosmos, im Fachlichen wie im Sozialen. Wir haben sie als unsere Ausbildungsstätte begriffen. Das liegt aber auch sicherlich an der Beschaffenheit der HBK, diesem UFO-ähnlichen Gebäude an der Broitzemer Straße. *lacht* Wir brauchten niemanden, es gab Kneipen, in die wir gingen, und das war’s. Über die hiesige Kulturszene, bis auf die Tatsache, dass man hin und wieder ins Theater oder Kino ging, wussten wir kaum etwas. Ich glaube übrigens, das ist für viele Studierende auch heute noch so.

Bei der Kunsthalle an der Hamburger Straße ging ein Wunsch der damaligen HBK-Präsidentin, Barbara Straka, voraus, ein “Schaufenster” zu haben, und das am liebsten mitten in der Stadt. Und damit hat sie nicht leerstehende Schaufenster gemeint, sondern eine kontinuierliche Lösung jenseits des Westlichen Ringgebiets. Diesen Wunsch haben wir sehr ernst genommen. Und da hat sich nur an der Hamburger Straße etwas gefunden. Die Halle war, wie sich später herausstellte, aus finanziellen Gründen für die HBK nicht bespielbar. Die HBK musste sich von Trabanten befreien. Eine Ausstellung mit Kuratierung, Aufbau, Katalog, Werbung kostet Geld und das war offensichtlich nicht ausreichend da. Ich würde mir natürlich auch wünschen, sie wäre präsenter, ihre Studierenden sichtbarer. Wir müssen sehen, ob sich die finanzielle Situation der HBK nochmal ändert und ob sie die Halle vielleicht zurückhaben wollen. Wir werden die Halle auf jeden Fall erst einmal halten.

Wäre das nicht eine Möglichkeit für Zwischennutzungskonzepte? Den Leerstand in der Stadt auch für HBK-Schaufenster zu erschließen?

Es gibt bei der Stadtmarketing GmbH ein Leerstandsmanagement. Und es gibt die Initiative “Galerie auf Zeit”, die wirklich Schätze an den verborgensten Plätzen präsentiert und das Mietnomadentum umdreht, indem sie leerstehende Räume so herrichtet, dass sie sich für manchen Vermieter hinterher besser darstellen als vorher. Es gibt niemanden, der kategorisch gegen das Bespielen von Leerstand ist. Und wenn es die HBK machen möchte, umso besser. Wir hatten auch schon Kontakte zwischen HBK-Professoren und Eigentümern hergestellt, die sich dann aber nicht entschließen konnten, diesen Leerstand so nutzen zu lassen, wie die Künstler sich das vorstellten.

Das Leerstands-Management des Stadtmarketing ist ja eher ein passives. Man kann Leerstände melden, aber viele tun das einfach nicht. Wäre es eine Option, es mit dazugehöriger Arbeitskraft auch aktiv zu gestalten?

Sicher ist das eine Option. Da muss man vielleicht einfach mal schauen, ob es Beispiele aus anderen Städten gibt, die auf Braunschweig übertragbar wären. Es kommt allerdings bisher auch niemand zu mir und sagt “Ich hätte gerne mal ein Schaufenster für vier Wochen”. Ich würde mir ja auch wünschen, dass mehr HBK-Absolventen nach ihrem Studium hier blieben. Aber das ist keine Sache, die die Stadt allein schultern kann. Die Begründung, dass viele gehen, ist, dass Braunschweig keine Galeriestadt ist und es hier keine günstigen Ateliers gibt. Wenn das eine aber das andere bedingt, werden wir das Problem der notwendigen Galerien nie lösen können. Wir können keine Galerie dazu bringen, sich hier anzusiedeln, nur weil Braunschweig ein HBK-Standort ist. Wir werden niemanden nur mit guten Worten dazu bringen, ein wirtschaftliches Risiko wie die Eröffnung einer Galerie einzugehen. Der andere Aspekt ist die Atelierförderung. Es wird tatsächlich Zeit, dass man sich diesem Problem zuwendet. Was ich mir aber wünschen würde, ist, dass nicht die Kommune allein Geld in die Hand nimmt und ein Atelierhaus subventioniert, sondern es vielleicht einen Investor gibt. Es wäre mein Traum, dass man ein Investorenmodell findet, bei dem im besten Fall die Stadt die Vermittlung übernimmt aber nicht ausschließlich kommunale Mittel für eine Landeseinrichtung wie die HBK aufwenden müsste. Aber natürlich geht die Stadt in ein Obligo, wenn sie wünscht, dass die hier Ausgebildeten den städtischen Reichtum – nicht im wirtschaftlichen sondern im bunten und vielfältigen Sinne – mitbegründen. Aber das heißt eben, mit der HBK gemeinsam zu eruieren und zu entwickeln. Vielleicht sind am Ende städtische Zuschüsse denkbar. Aber am Anfang stünde die Definition von Bedarfen.

Wäre die Ausrufung eines Preises eine Möglichkeit, um Öffentlichkeit herzustellen und gleichzeitig zu signalisieren, dass die Stadt gerne mit HBK-Künstlern zusammenarbeitet und Wert darauf legt, dass sie sich mit der Stadt beschäftigen? Wäre es sinnvoll, Braunschweig als Gestaltungsspielraum mit in die Lehrinhalte aufzunehmen?

Ich glaube, dass man die Gegenwart genau analysieren müsste, um herauszufinden, was hier das Beste wäre. Ist es ein Preis? Ist es die obligatorische Kooperation zwischen Stadt und HBK? Ist es die Bitte der Stadt an die HBK, Braunschweig als Lehrinhalt aufzunehmen? Die TU und die Architekten sind oft Partner der Stadt bei der Stadtplanung. Zwischen HBK als Kulturinstitution und Stadt hatten wir das über Jahrzehnte: Den Rudolf-Wilke-Preis. Der war dann aber plötzlich ein völlig überkommenes Instrument. Und als dieser Preis irgendwann der Haushaltskonsolidierung zum Opfer fiel, hat es niemanden gestört.

Wäre es nicht dennoch einen Versuch wert, Professoren und Studierende über einen Preis zur Gestaltung der Stadt zu motivieren?

Wenn man irgendwann ein funktionierendes Kooperationssystem hat, könnte ich mir vorstellen, dass ein Preis die Kirsche auf der Sahnetorte wäre. Sodass sich HBK-Studierende regelmäßig mit Stadtgestaltung beschäftigen und sich auch als Einmischende begreifen. Man muss zu einer neuen Gesprächskultur kommen und ausloten, was die HBK-Professoren, was die Studierenden wollen. Da muss natürlich auch eine Bereitschaft vorhanden sein, sich mit Stadtkultur auseinanderzusetzen. Vielleicht ist jetzt der Punkt gekommen, an dem das möglich ist.

Warum sieht man Ihrer Meinung nach im Alltag so wenig von der HBK, warum ist nicht an jeder Ecke Kunst, die Stadt viel bunter? Als Vorbild sei die Bushaltestelle am Johannes-Selenka-Platz genannt.

Sie glauben nicht, wie oft ich höre “Da könnten die HBK-Studierenden doch mal ein Logo entwerfen. Wir haben die doch hier!”. Die Vorstellung, was die HBK alles kann und sollte, nur weil sie hier vor Ort ist – das ist phänomenal. Warum sollte die HBK, die eine Hochschule ist, Wünsche erfüllen? Wo die Buntheit in der Stadt ist, frage ich mich allerdings auch. Mal abgesehen von der Frage, was die HBK als Ganzes überhaupt ist.

Sie sagen es ja selbst: Was ist überhaupt die HBK? Kann man denn von diesem zersplitterten Konglomerat verlangen, dass der Impuls von ihm aus kommt?

Wahrscheinlich nicht, aber das müssen Sie auch so sehen: Wenn die Stadt kommt und was will, dann ist eben auch die Frage, wer das bezahlen soll. Und die stellt Ihnen auch die HBK. Ich will Ihnen das mal vorrechnen: Sagen wir, der Preis wäre mit 10.000 Euro dotiert. Die Definition des Wettbewerbs muss von der Stadt kommen. Also muss sich jemand hinsetzen und es aufschreiben. Das muss aber auch Hand und Fuß haben. Dann muss es in der HBK betreut werden. Da sitzen Assistenten dran, Professoren müssen ihre Studenten betreuen, da werden Kolloquien gemacht, da wird abgegeben, gesichtet, ausgesiebt – das ist ein Heidenspektakel, bis es am Ende fertig ist. Mit 10.000 Euro ist es nicht getan. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Überlegung wert wäre und man sich Gedanken machen sollte. Aber wenn die Stadt auf die HBK zugeht, muss sie wissen, wie und mit welchem Rucksack.

Vielleicht ist es gar nicht mal nötig, konkrete Vorschläge zu machen oder einen Preis auszurufen, sondern das wichtigste ist der Dialog. Sich einmal gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu sagen “Wir haben Braunschweig, und das soll einfach mal bespielt werden. Wir sind die Stadt, wir können zwar nicht für alles sorgen, aber wir haben die Verbindungen und den Einfluss, um für euch Wegbereiter zu sein.”

Aber das funktioniert ja, sonst wäre z. B. die Haltestelle vor der HBK nicht, wie sie ist. Wir reden über ein Beispiel, das schon eine Vorgeschichte hat. Wo Kooperation funktioniert und wo die Bereitschaft da ist, etwas für die HBK zu machen, wenn sie denn will. Es ist doch immer wieder die Frage, wer schmeißt den Diesel das nächste Mal an? Und womit? Es ist ja nicht so, als gäbe es gar keine Strukturen. Das Problem ist gar nicht so groß. Wir hatten das Problem doch auch mit der freien Kultur- und Kreativszene: Jeder kocht sein eigenes Süppchen, keiner weiß vom anderen. Aber so schlimm ist es eigentlich gar nicht; man muss zu neuen Kommunikationsstrukturen kommen. Möglicherweise gibt es eine kontinuierliche Runde. Die Frage ist nur, mit wem? Mit dem Senat, mit den Studierenden? Aber ich finde gut, dass Sie so insistierend fragen. Ich nehme diese Anregungen mit und sorge tatsächlich dafür, dass es nicht dem Zufall überlassen bleibt, mit wem ich mich zusammensetze, sondern es muss eine Struktur bekommen.

Es wäre zu wünschen, dass diese Kommunikationsstrukturen – wenn sie denn zustande kommen – auch Bestand haben.

Genau. Da könnte als Instrument für ein solches Kontinuum ein Preis dann durchaus richtig sein. Nicht den Preis um des Preises willen, sondern um etwas in Gang zu halten. Ein Anreiz zum kontinuierlichen Dialog.

Der Schlüssel liegt letztlich wohl in der Studierendenschaft der HBK. Dass die Studierenden das Gefühl haben, Braunschweig ist eine coole Stadt, hier können wir frei etwas auf die Beine stellen.

Natürlich, aber wer von den Kunststudenten in Berlin ließe sich abhalten, etwas zu machen? Wer in Münster? Wo ist das Fallbeispiel, von dem ich sagen muss, da müssen wir uns als Stadt Braunschweig eine Scheibe abschneiden, weil wir hier so kleinkariert und blöde sind und dieses und jenes nicht genehmigen?

Klar ist aber, dass Sie sich hier in Braunschweig vermutlich etwas mehr ausdenken müssen, als in einer Stadt wie Berlin, wo so etwas ein Selbstläufer ist.

Inzwischen kommen in vielen Medien Beiträge über Urban Gardening. In Braunschweig scheint sich für diese inzwischen in fast jedem Kaff angekommene Szene niemand zu interessieren. Woran liegt das? Oder jeder erzählt von den behäkelten Brückengeländern, den behäkelten Fahrradständern oder was weiß ich. Hier finden sie so was nicht. Hier kommt es entweder zehn Jahre zu spät oder gar nicht. Natürlich sind die Studierenden nicht dafür zuständig, dass Trends aus anderen Städten nachgemacht werden. Aber auf der anderen Seite wäre es super, wenn sie selbst Trends setzen würden. Allerdings kann man das auch nicht verlangen. Was erwartet man von ihnen? Die haben sich nicht für die HBK entschieden, weil sie in Braunschweig liegt. Das sind die wenigsten. Sondern sie kommen hierher, weil Professor Kummer, Professor Ecker, Candice Breitz oder John Armleder hier lehren. Oder weil ihnen die Generation vor ihnen gesagt hat, dass man hier super studieren kann und eine gute Ausbildung bekommt. Die Beweggründe sind vielfältig. Daher würde ich mir nie anmaßen, von diesen jungen Menschen zu erwarten, dass sie irgendwas für die Stadt machen. Ich würde mich zwar wahnsinnig freuen, aber erwarten kann ich es nicht.

Zur Braunschweiger Kulturnacht wurde im Nachhinein Kritik von Künstlern bei Facebook laut, die ohne Gage aufgetreten sind und von den Veranstaltern nicht mal Getränke oder Snacks erhielten. Genannt wurde beispielsweise ein Geldinstitut. Haben Sie davon gehört und wenn ja, was sagen Sie dazu?

Nein, das hat mich nicht erreicht. Das ist zum Beispiel genau die Frage: Warum erreicht mich sowas nicht? Muss ich jemanden dransetzen, der die Facebook-Seiten dahingehend kontrolliert? Ähnliche Kritik gibt es aber nicht zum ersten Mal. Das ist in den Vorjahren schon häufiger passiert, während es auch oft super funktioniert hat: Dass die Veranstalter Getränke und belegte Brötchen hingestellt haben. Aber das bedeutet natürlich auch, dass sie von uns darum gebeten werden müssen. Es gibt für die Veranstalter keine Verpflichtung, das zu tun. Es basiert rein auf gutem Willen, und die Veranstalter müssen ja auch Personal bereitstellen und haben Vorbereitungsstress. Aber ich glaube, dass es keinem wirklich wehtun würde. Nur kann man vielleicht dennoch nicht verlangen, dass da alle von allein drauf kommen. Es muss in Zukunft wohl deutlicher darum gebeten werden. Wahrscheinlich liegt der Fehler also im Briefing von uns aus. Der Sache werde ich auf jeden Fall nachgehen.

Frau Dr. Hesse, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Stephen Dietl

Titelfoto: Martin Leclaire

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2 Kommentare

  1. Hallo Frau Dr. Hesse,

    tatsächlich ist es um das Urban Gardening etwas leise in Braunschweig. Ich denke dies begründet sich aber auch darin, dass es in Braunschweig ziemlich einfach ist einen Garten zu pachten. Was in Berlin meinetwegen die Prinzessinnengärten oder die Gärten auf dem Tempelhofer Feld sind, sind in Braunschweig (noch immer oder eher: wieder) die Kleingartenanlagen.

    Liebe Grüße
    Vera Keidel

  2. Braunschweig ist eine schöne Stadt. Doch etwas mehr “Farbe” würde ihr tatsächlich gut stehen. Es wäre also grandios und sicherlich der einfachste Weg, wenn Sie es schaffen, Studierende und Lehrende an einen Tisch zu bringen, und mit ihnen in den Dialog über die Gestaltung der Stadt zu treten.

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