Den Hip-Hop leben: Carlos Utermöhlen von “Rapflektion” im Interview

Den Hip-Hop leben: Carlos Utermöhlen von “Rapflektion” im Interview

Carlos Utermöhlen (30) ist Projektleiter, Künstler, Aktivist und unter dem Namen “Carlos Zamora” auch als Rap-Musiker aktiv. Geboren als Sohn eines deutschen Ingenieurs und einer ecuadorianischen Mutter verbrachte er seine Kindheit in Tansania, bevor es ihn zurück nach Deutschland zog. Hier gründete er die Initiative “Rapflektion”, mit der er auf einzigartige Weise Rap-Musik mit sozialem und politischem Engagement verbindet – inzwischen auch in weiten Teilen Mittel- und Südamerikas. Im Interview erzählt er von seinen ersten musikalischen Gehversuchen, wie er Jugendliche vom Ego-Trip herunterholt und warum er in Lateinamerika freiwilig sein Leben riskiert.

Hallo Carlos, wie bist du zur Musik gekommen?

Über meinen Schwager, den Mitbegründer der Braunschweiger Breakdance-Crew “Def Style Rockers”. Er besaß schon zu meiner Jugend eine riesige Plattensammlung und hat mir Mixtapes gemacht, die ich dann auf dem Schulweg gehört habe. Und irgendwann bekam ich Lust, selber zu schreiben. Also habe ich erstmal Gedichte verfasst und bin später bei Rap-Songs gelandet.

Wann und wo hattest du deinen ersten Auftritt?

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Carlos Utermöhlen in Braunschweig. Foto: Stephen Dietl

Das muss so 2002 in Braunschweig gewesen sein, anschließend folgten die ersten Jams in der Region. Ich war damals als Rapper aber noch gar nicht so aktiv, denn ich wollte immer auf mein “perfektes” Werk warten, bevor ich an die Öffentlichkeit gehe. Erst jetzt kann ich Musik veröffentlichen, hinter der ich auch wirklich stehe. “Zwischen zwei Welten” ist nun mein erster Release. Die letzten Jahre war ich hauptsächlich für Projekte unterwegs und hatte wenig Zeit für die eigene Musikerkarriere. Ich bezeichne mich daher auch eher als Aktivist, bin in Lateinamerika tätig und habe Kontakte zu dortigen Aktivisten. Rap ist für mich immer auch politische Arbeit, in Lateinamerika noch stärker als hier. Mich hat zunehmend gestört, dass Hip Hop oftmals sehr Ich-bezogen ist, nach dem Motto “Ich und mein Album”. Aber “auf dicke Hose machen” ist keine Aussage, das muss man nicht der Öffentlichkeit präsentieren. Also habe ich mich auf die Suche nach Menschen gemacht, die wirklich etwas zu sagen haben.

Welche Projekte hast du ins Leben gerufen?

Ich arbeite in Braunschweig viel mit Schulen, Jugendzentren und Kultureinrichtungen. So habe ich über die Stadt erst in Jugendzentren begonnen und später bei Schulen angefragt. 2006 habe ich “Rapflektion” in Braunschweig gestartet. 2010 war ich das erste Mal in Ecuador und habe sogleich Kontakte zu Studios hergestellt. Mittlerweile arbeite ich am dortigen Goethe-Institut und habe ein weites Netzwerk an Künstlern aufgebaut. Daraus ist dann “Rapflektion Ecuador” entstanden. Und inzwischen gibt es auch “Rapflektion Kolumbien” und “Rapflektion El Salvador”. Das geht nun um die ganze Welt als “Rapflektion Worldwide”.

Was steckt hinter dem Namen?

Der Name ist eine Kombination von “Rap” und “Reflektion”. Zu Beginn meiner Arbeit hatte ich viele Jugendliche in meinen Kursen, die einfach nur unreflektiert Gangster-Rapper kopierten. Ich habe dann geschaut, was wirklich bei den Jugendlichen abgeht, was sie fühlen. Warum schlüpfen sie in so eine Rolle und wollen unbedingt härter sein? Da habe ich gemerkt, dass es in Wahrheit eher um Probleme mit den Eltern oder in der Schule geht. Also versteckt man sich hinter einer Maske. Die dafür aufgebrachte Energie sollte man aber lieber anders nutzen.

Wie gestaltet sich so ein Kurs bei dir in der Praxis?

Zu Anfang lernen die Teilnehmer einfach erst mal Rhythmusgefühl und kleinere Texte zu schreiben. Ich arbeite sehr viel mit Drumsets. Ich zähle mit den Jugendlichen an, helfe ihnen beim Rhythmus. Beim Schreiben ist anschließend in erster Linie wichtg, ein gutes Thema zu finden. Da geht es dann um Leben, Liebe, Herzschmerz, Ghetto, Asphalt, graue Häuser… Das ist natürlich je nach sozialer Herkunft etwas anders. Am Ende gibt es dann ein Abschlusskonzert mit CD-Aufnahme. Ich versuche immer, auf die individuellen Stärken und Schwächen einzugehen. Es ist mir wichtig, das Beste aus den Jugendlichen herauszuholen, damit sie sich auch wohlfühlen. Ich würde niemanden auf die Bühne stellen, der den Takt nicht trifft.

Wie hast du das Projekt über die Landesgrenze getragen?

Mein Schlüsselerlebnis hatte ich 2010 bei einer Reise nach Ecuador: ich wollte eigentlich nur das Land kennenlernen und hatte noch gar keine weiteren Projektambitionen. Doch dann habe ich die Straßenkinder in der Hauptstadt Quito gesehen und war schockiert. Ich habe mich gefragt, wie sich so ein Straßenkind fühlt und habe beschlossen, mit ihnen zu arbeiten. Ich wollte unbedingt etwas tun. Also habe ich Kontakt zu einer Institution für Straßenkinder aufgenommen, deren Leiterin mir ihre Einrichtung zu Verfügung gestellt hat. Daraus hat sich schließlich die Gruppe “Rapflektion Ecuador” gebildet. Mittlerweile geben die Leute, die ich dort angelernt habe, selbst Workshops, wenn ich nicht vor Ort bin. So arbeiten wir inzwischen in allen beteiligten Ländern.

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Rapflektion-Workshop in Guasmo Sur, Guayaquil/Ecuador. Foto: Florian Röske

Was treibt dich an?

Ich möchte die Menschen dazu bringen, ihr Ego ein wenig zurückzustellen. Die Kinder und Jugendlichen sollen bessere Schüler sein als ich damals. Auf diese Weise kann man viel mehr Positives schaffen, als wenn man immer nur mit seinem Ego und gegen andere kämpft.

Du reist viel zwischen Deutschland und Lateinamerika. Vermisst du etwas, wenn du jeweils am anderen Ende der Welt bist?

In El Salvador und Honduras herrschen wegen der Straßengangs teilweise kriegsähnliche Zustände. Wenn man dann wieder zurück in Braunschweig im beschaulichen östlichen Ringgebiet ist, muss man sich erst mal umstellen. Da wird einem der Luxus bewusst, in Frieden leben zu können. Deutschland nutze ich daher, um kreativ zu sein und zu planen, um anschließend in Lateinamerika effektiv arbeiten zu können. Wenn ich stattdessen zwölf Monate in El Salvador arbeiten würde, wäre ich sicher nicht mehr so kreativ, da ich dort immer sehr angespannt bin. Wenn man dort auf der Straße arbeitet, kann man im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie geraten.

Worauf bezieht sich dein politischer und sozialer Aktivismus in Lateinamerika?

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Rapflektion El Salvador. Foto: Alvaro Cardona

In Lateinamerika herrscht eine Umbruchstimmung, die Jugendlichen erleben dort gerade, was Aufgeklärtheit bedeutet, ihr politisches Interesse wächst. So geht es mir erst mal darum, überhaupt Interesse an Politik und Sozialem zu wecken. Und viele Jugendliche haben erschütternde Dinge erlebt, können diese aber kaum in Worte fassen. Dabei helfe ich ihnen. Mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Gefühle transportieren. Und wenn es politisch ist, geht es hauptsächlich um soziale Arbeit und Aufbau in den Ghettos. Ich versuche, die Familien zu unterstützen, mit ihnen zusammenzuarbeiten und Menschen zu vernetzen: voneinander lernen und Begegnung schaffen.

Rap-Musik ist oftmals auch Sprachrohr von Gangs und Kriminalität. Werfen dir andere Rapper vor, zu “soft” zu sein?

Nein, in Lateinamerika geht man auch ganz anders mit dem Thema um. Dort erlebt man fast täglich Gewalt, daher wird sie nur selten in Songtexten verherrlicht, wie das bei uns leider oft der Fall ist. Man geht dort sehr viel vorsichtiger mit dem Thema um.

Wer sind deine musikalischen Vorbilder?

Jetzt im Erwachsenenalter sind es für mich hauptsächlich Menschen, die ich auch selber kenne. Zum Beispiel der Pastor in El Salvador, der dort mit Jugendlichen zusammenarbeitet und dabei täglich sein Leben riskiert. So jemand ist für mich ein Vorbild. Keine großen Künstler, die ich nicht kenne, sondern Menschen, die ich tatsächlich erlebe.

Erzähl uns von deinem neuen Album!

“Zwischen zwei Welten” ist ein Album, das ich auf meinen Reisen mitnehme. Darauf befinden sich vorwiegend lateinamerikanische Künstler mit Songs aus den vergangenen vier Jahren. Ich reise dieses Jahr mit dem Album durch Lateinamerika und spiele dort Konzerte mit meinen Freunden. Es ist ein starkes Album geworden, das sich auch kommerziell vermarkten ließe. Da ich aber gerade viele Projekte habe, möchte ich gar nicht so sehr in den Musikerbereich abdriften. Es macht mir am meisten Spaß, zu reisen, Dokumentationen zu drehen, in Ghettos einzutauchen, Aktivisten kennenzulernen und etwas zu bewegen – so lebe ich den Rap.

Wie siehst du die Braunschweiger Kulturszene – auch im Vergleich zu anderen Städten?

Es tut sich was. Sonst würden wir hier auch nicht gemeinsam sitzen, oder? *lacht* Ich würde mir aber wünschen, dass sich die Leute noch mehr vernetzen, zum Beispiel einen Hiphop-Stammtisch gründen. Die Kunst- und Kulturschaffenden müssen einfach mal zusammenkommen. Wenn ich das in anderen Ländern betrachte, z.B. in Chile: da trinken die Rapper auf der Straße gemeinsam ihr Bierchen und musizieren, der eine bringt sein neues Tape mit und so weiter. Das ist viel kommunikativer als bei uns, und man ist offener gegenüber der Kunst anderer Leute.

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Barrio in Guayaquil/Ecuador. Foto: Florian Röske

Was erwartet uns bei eurem Auftritt im Rahmen der Themenwoche Interkultur am 15. April?

Es gab im vergangenen Jahr mit dem Staatstheater das “Weststadt Story Projekt” in Anlehnung an das Musical “Westside Story”. Da haben wir einen Song für die Weststadt gemacht. Dieser wird nun mit dem Orchester des Staatstheaters im Rahmen der Themenwoche Interkultur aufgeführt. Das ist sehr spannend, da Jugendliche aus der Weststadt die Möglichkeit bekommen, zusammen mit diesem hochkarätigen Orchester zu spielen. Und zuvor am Abend werde ich gemeinsam mit “Rapflektion Ecuador” bei der Eröffnungsveranstaltung auftreten. Am 18. April spielen wir im B58 und am 25. April sind wir bei “Pop meets Classic” in der VW-Halle.

Was steht für dich 2015 noch auf dem Programm?

Neben einer Menge Workshops an Schulen in Braunschweig veranstalten wir Ende Juli ein “Summer Hip Hop”-Projekt mit den Kids in der Weststadt, bevor ich wieder nach Lateinamerika fliege. Da wird es auch ein kleines Konzert geben sowie Einblicke in die Workshops im Kulturpunkt West, wo die Kids produzieren und auch die Eltern eingeladen werden. Derzeit steht zudem der Reisegruppenaufbau im Fokus. Ich habe in Kolumbien eine Gruppe, in El Salvador, in Ecuador und in Deutschland, und möchte jetzt nach Peru, Bolivien und Chile. Ab 2016 wollen wir in den jeweiligen Ländern auch Studios aufbauen, in denen die Jugendlichen selber aufnehmen können, wofür wir noch auf der Suche nach Sponsoren sind. Die Studios müssen sich finanziell tragen und vor Ort meine Arbeit selbständig weiterführen können, damit das Ganze nachhaltig ist. Das ist letztlich Arbeit für die nächsten zehn Jahre.

Carlos Utermöhlen, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Stephen Dietl

Titelbild: Florian Röske

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2 Kommentare

  1. Deniz Keklik

    Hallo habe ihren Namen von meinen Sohn gehört der ist bald 17 und unheimliche verrückt nach deutschen rap.
    Er schreibt auch selber…
    Ich wollte ihm eine ubberaschung machen den er hat am Montag Geburtstag.
    Meine Frage an sie könnten sie ihm irgendwie weiterhelfen oder irgendwas in der Richtung…
    Ich wusste nicht wie man so etwas unterstützt…
    Wäre super wenn sie mir weiter helfen können..
    Vielen dank

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