Die Peiner Indie-Band “Schrottgrenze” überzeugt mit Werkschau

Die Peiner Indie-Band “Schrottgrenze” überzeugt mit Werkschau

Das Best-Of-Album “Fotolabor 1995-2015″ und die bevorstehenden Konzerte sind musikalische Highlights dieses Jahres!

Jeder tut es irgendwann: die alten Fotoalben wälzen und in Erinnerungen der Jugend schwelgen. Manche werden sentimental, viele freuen sich über die schönen Erinnerungen und wiederum andere nehmen es zum Anlass, wieder daran anzuknüpfen. Zu letzteren gehört die aus Peine stammende und jetzt in Hamburg ansässige Band Schrottgrenze. Zu Beginn dem feinsten Deutschpunk verschrieben, führte der Weg zur Independent-Musik mit scharfsinnigen deutschen Texten. Aber hier Musikschablonen und -schubladen anzuwenden führt – wie so oft – nicht zur richtigen Kategorisierung. „Es ist einfach Rockmusik“, wie der gleichnamige Tocotronic-Song es bereits in den 90ern beschreibt. Und diese Rockmusik wurde im letzten Jahr zum zehnjährigen Jubiläum der befreundeten Band Herrenmagazin nach einer längeren Schrottgrenze-Pause wieder einmal zelebriert – vermeintlich ein einmaliges Event…

Danach tauchten in regelmäßigen Abständen immerTR307_Schrottgrenze_CD_cover_rgb_sh wieder Fotos aus den alten Band-Alben auf der Schrottgrenze Facebook-Seite auf und irgendwann wurde bekannt gegeben, dass die Gruppe an einer Werkschau ihres Wirkens arbeitet, Titel: „Fotolabor 1995-2015“. Drei große Gala-Live-Shows in Hamburg, Köln und Berlin – parallel zur Veröffentlichung des Best-Of-Albums – waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Schrottgrenze hatten sich Ende der 90er und in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zahlreiche Fans erarbeitet, die dem „Comeback“ mit großer Freude entgegen sehen. Eine längere Pause, gefüllt mit zahlreichen Projekten der Bandmitglieder, war dem vorangegangen. Und jetzt ist die Fangemeinde gespannt, ob es bei der Werkschau bleibt oder bereits weitere neue Schrottgrenze-Songs geschrieben werden.

Einen gibt es bereits: „Zeitmaschinen“ ist gleich der zweite Song auf der Werkschau und hat durchaus Hitpotenzial. Klare Gitarren, ein eingängiger Rhythmus, ein emotionaler Text sowie ein gut gemachtes Video, das mit dem Motiv des Fotolabors spielt. Fotos sind zentrale Elemente der Werkschau. Der Titel „Fotolabor 1995-2015“, das Video zu „Zeitmaschinen“ sowie der Song „Fotolabor“ vom Klassiker „Chateau Schrottgrenze“ sind klare Anspielungen, die immer wieder das Motiv des Fotos in den Mittelpunkt stellen. So ist auch das Artwork der neuen Scheibe, die in verschiedenen Variationen (unter anderem als LP im Klappcover mit einer Bonus-CD verschollener Songs) am 15. Mai erscheint, mit zahlreichen Bandfotos der verschiedenen Besetzungen gestaltet.

Der Song „Zeitmaschinen“ ist in vieler Hinsicht für die Band prägend. Alexander Tsitsigias und Timo Sauer stammen aus der niedersächsischen Metropole Peine und eine virtuelle Fahrt mit dem DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ führt zurück zu den Anfängen der Band. Gegründet auf dem Schulhof des Peiner Gymnasiums am Silberkamps folgten erste Konzerte im Unabhängigen Jugendzentrum (UJZ). Ein Highlight dabei war sicherlich der gemeinsame Auftritt mit den bekannten Punkrockern von WIZO. Aus dieser Zeit stammen auch die auf der Werkschau zu findenden Songs „Deutschland erstickt an meinem Schuldenberg“, „Bitte melde Dich“ und die heute wohl nicht mehr so ganz ernst gemeinte Reminiszenz an die Heimatstadt „Hurenstadt“.

Den ersten, noch hart im Punk verwurzelten Songs folgte das eher poplastige Album „Super“ mit bundesweiten Touren, u.a. anderem mit Bands wie den Wohlstandskindern oder der Terrorgruppe. Die Hits der Platte wie „Skyscraper Ballad“ und „Sommerabend der 90er“ sind auch heute noch eingängige Lieder, die „Fotolabor 1995-2015“ prägen. Es folgten weitere Alben wie das bereits erwähnte „Chateau Schrottgrenze“, „Schrottism“, die EP „Belladonna“ und eine Sammlung von Demos und nicht veröffentlichten Songs. „Am gleichen Meer“, „Kreuzfahrt ins Nichts“ sowie „Achtunzwandig“ zeigen dabei deutlich den musikalischen Wandel – auch textlich greift die Band damit ernstere Themen auf: die Reflexion der eigenen Kindheit in der Kleinstadt und das Leben bis zum 28. Lebensjahr „ohne Kurzschluss“.

Schrottgrenze_4361_quadrat_01_shHighlights der Werkschau sind neben dem neuen Song „Zeitmaschinen“ dabei ohne Frage die Cover-Version des Münchener Freiheit Klassikers „Ohne Dich“ sowie der Rock-Klassiker „Gib mir Reibung“, der mit einem eingängigen Basslauf Bewegung in die Beine bringt. Auf der limitierten Zusatz-LP „Schnappschüsse 1994-2007“ zählen zu den besten Stücken zusätzlich der Song „Jörg Heiß ´neues Auto“ – eine Anspielung auf das neue Auto eines guten Freundes der Band – sowie der Klassiker „Das Jackett“. Zahlreiche Songs haben es leider nicht auf die Werkschau geschafft. Insbesondere das Fehlen von „Hinterland“ und „Hildesheim“, die wie kaum andere Songs die niedersächsische Provinzlandschaft treffend beschreiben, ist zu bedauern – bei einer Auswahl von 25 Liedern plus 16 zusätzlichen Tracks aber durchaus verständlich.

Bei den drei Gala-Abenden in Hamburg, Köln und Berlin wird die Frage der Song-Auswahl sicherlich eine der schwersten sein. Für alle, die keine Karten mehr bekommen haben, lohnt sich in jedem Fall der Kauf von „Fotolabor 1995-2015“. Außerdem spielen Schrottgrenze auch bald in unserer Region: am Tag der deutschen Einheit gibt es “Reibung” im Kulturzentrum Faust, in der großen Stadt auf der anderen Seite der A2.

Text: Anis Ben-Rhouma

Fotos: www.tapeterecords.de [©Chantal Weber]

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