Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt – Impressionen vom Braunschweiger Karneval

Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt – Impressionen vom Braunschweiger Karneval

Endlich ist es wieder so weit: Karneval in der einzig wahren Hauptstadt Niedersachsens, der glänzenden Metropole, in der die Menschen nicht nur Haare, sondern sogar einen roten Löwen auf der Brust tragen.

Ich erreiche das Narrenfestival und höre den Song, in den viele mit einstimmen: „Heute fährt die 18 bis nach Istanbul“ – gut, laut Fahrplan zumindest fährt sie nur bis zum Raffteichbad. Ein hinkender aber durchaus optimistischer Vergleich.

Der erste Wagen, den ich erblicke, ist jener der Coffeesisters. Also eine Versammlung aus Frauen, die ihre Selbstverwirklichung auf Tupperparties suchen und allem Anschein nach noch immer suchen. Alles in allem reizende Damen, die zwar 20 Jahre zu alt für Silvio Berlusconi oder Lothar Matthäus wären, aber die mit ihrer Ausstrahlung durchaus mit dem Swag Ursula von der Leyens konkurrieren könnten. In diesem Sinne: Yolo.

Während ich die Menschen, auch bekannt als „die Leute“, genauer unter die Lupe nehme, wirft sich mir die Frage auf, wer davon ein echter Narr ist…

Menschen die an Karneval fehl am Platz sind:

  • Ernährungswissenschaftler
  • Leute, die sich für Ernährungswissenschaftler halten
  • Vorsicht, das Hipsterparadoxon: Hipster, die sich ausnahmsweise nicht als Hipster verkleiden, um als Nichthipster hipper zu sein als die anderen Nichthipster
  • Menschen, die soviel Narr in sich tragen, dass sie anstatt zum Karneval zu gehen, lieber eine Online-Petition gegen Narren gründen
  • Markus Lanz

Menschen/Tiere, die an Karneval richtig am Platz sind:

  • Kinder, die so aussehen, als hätten sie vor dem Essen Weed bekommen
  • Eltern, die so wirken, als hätten sie ihren Kindern vor dem Essen Weed besorgt
  • Hunde, die so aussehen, als wären sie lieber in der Pfanne verrückt geworden
  • Menschen, die so betrunken sind, dass sie an einem Doppelklick scheitern
  • Leute, die so viel getrunken haben, dass sie sogar einem geschenkten Gaul ins Maul gucken
  • Markus Lanz

Traurige Gegebenheiten:

  • Zusammenstellungen von traurigen Gegebenheiten
  • alte Süßigkeiten
  • weniger Süßigkeiten als der Nebenmann mit aufgespanntem Schirm auffangen
  • keinen Schirm besitzen
  • weniger Bier als der Nebenmann, um das Süßigkeitenungleichgewicht zu kompensieren
  • Karnevalswagen, die im Fernsehen gegen die Abhöraktionen der NSA protestieren sollen, und deren dazugehörige Narren zugegebenermaßen nicht so aussehen, als hätten sie bei Google nach freien Diskussionsforen gesucht und wären dabei auf die Lehren der CDU gestoßen. Aber dagegen: So geht Revolution nach Braunschweiger Art.

…oder wie es Dr House sagen würde: Und alle sind fröhlich.

Hier ein Bild des überzeugendsten Karnevalswagens:

Kartons_webTitleIch habe bestimmt fünf Minuten vor dem Wagen „Brunsvig Helau“ geschrien, aber es flogen keine Süßigkeiten… zumindest nicht von deren Seite.

Hier noch ein Bild zum närrischen Gourmetdinner:

Lebensmittel_webWer sich das schmecken ließ, hat sich den Namen „Narr“ auch wirklich verdient. Titelverdächtig.

Trio_webSchleier_webÀ propos titelverdächtig: Während es sich für viele Menschen schwierig gestaltete, überhaupt ein Outfit zu finden, und sie vermutlich beschlossen, als Kuchenmann mit einem Vogel zu gehen (hier ist es wieder, das berüchtigte Braunschweigische Händchen für Kultur), wählten andere ziel- und stilsicher ihr Kostüm und stachen aus der Menge der Leute heraus. Aber entscheiden sie selbst!

Man beachte im Folgenden die süße Omi im Hintergrund, die liebevoll von ihren Enkeln Kevin, Justin und Robin, die mittlerweile eine Lehrstelle bei den Power Rangers ergattert haben, vor den Narren beschützt wird. Liebenswürdiger wäre nur eine kleine Katze. Oder eine noch kleinere Katze. Oder ein nüchterner Narr.

Power_webBesonders verwunderte mich der Wagen vom Haus der Braunschweiger Kultur. Ganz im Stil der weltbekannten Braunschweiger Kultur ist der Wagen mit winzig kleinen Pappmascheegebilden besetzt. Frei nach dem Motto: „Reden ist Silber, Schweigen ist Pappe, drum sei munter und fröhlich und halt die Klappe“, ertönt aus den Lautsprechern der Gesang – bzw. eher die Worte „Scheiß drauf, Karneval ist nur einmal im Jahr“. Um noch einen draufzusetzen und der Welt zu zeigen, was Braunschweiger Kultur so alles kann, spielen sie als nächstes „Schalalalalalalala, scheiß egal – besoffen“.

Ich habe grundlos anfangen müssen zu weinen, und vor Tränen der Rührung habe ich daneben geschossen. Mir ist das inzwischen auch alles vollkommen egal – wahrscheinlich oder gerade weil ich nüchtern bin.

(Jasmin Rychlik)

Fotos: Peter M. Glantz

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