Ausstellungseröffnung des IAK – DER BAU

Ausstellungseröffnung des IAK – DER BAU

Ausstellungseröffnung und Finissage in einem: Am 27. Mai fand im Architekturpavillon der TU Braunschweig die Ausstellung „Der Bau“ des Instituts für Architekturbezogene Kunst statt.

Kunst und Architektur für die Ewigkeit – von dieser Vorgabe hat sich die zeitgenössische Bildende Kunst längst verabschiedet. Aus guten Gründen: Sie zementiert Sichtweisen, gibt Deutungen vor, wird schnell vom Vorbild zum Dogma. Heute lauten die Schlagworte ephemere Architektur, Zwischennutzung, temporäre Installationen. Somit lag die rund halbstündige Ausstellung voll im Trend – allerdings unfreiwillig, denn die niedersächsischen Brandschutzrichtlinien forderten direkt nach der offiziellen Eröffnung der begehbaren Installation aus Pappe den sofortigen Abbau des verzweigten Gängelabyrinths.

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Reiner Maria Matysik (links).

Wer das Glück hatte, der Eröffnung beizuwohnen, dem bot sich nach den kurzen Eröffnungsansprachen der Künstler Reiner Maria Matysik und Bernd Schulz vom Institut für Architekturbezogene Kunst (IAK) ein Architekturpavillon, wie er ihn noch nie erlebt hat. Die Mitarbeiter von Prof. Azade Köker und ihre Studenten haben den Pavillon unter hohem gestalterischen Aufwand in ein phantasievolles Höhlensystem verwandelt, das sogar Treppe und Erdgeschoss integriert.

IMG_2756Ist dieses System betreten, zeugt nur noch spärlicher Lichteinfall von der Außenwelt, ohne dass ein direkter Blick nach außen möglich ist. Die schmalen Lichtschneisen an den Rändern der Pappsegmente sind teilweise als komplexe Lichtspiele ausgeführt und bieten gerade genug Helligkeit, um den Wegen folgen zu können und die Konturen des jeweiligen Raumes zu sehen oder zu erahnen. Der Besucher als Höhlenforscher bleibt jedoch im Unklaren über den folgenden Raum oder die nächste Abzweigung, die auch in Sackgassen und Hohlwege führt. Das erzeugt Hochspannung beim gebückt dahinschleichenden, manchmal kriechenden Besucher, kindliche Neugierde und Forscherdrang werden von steter Wachsamkeit und Vorsicht begleitet. Es erschließt sich ein ebenso faszinierendes wie unwirtliches Raumerlebnis: Man möchte jeden Weg erkunden, aber verweilen möchte man nicht. Man fühlt sich wie in einem planlos in den Fels getriebenen Bergwerksstollen oder noch passender, wie in einem unterirdischen Bau.

Allerdings geht es hier nicht um ein beliebiges Ganglabyrinth oder ein naturgetreues Höhlendiorama aus der Tierwelt. Es geht um Franz Kafkas „Der Bau“ und Aufgabe der Studierenden war es, das literarisch vermittelte Raumgefühl in Kafkas Erzählung von 1924 in den Räumen des Pavillons real zu manifestieren. Das ist auch gelungen, denn neben der kindlichen Freude am Entdecken verspüren nicht nur klaustrophobisch veranlagte Besucher gleichzeitig ein diffuses Unbehagen in dem engen Gängesystem, das sich bei Kafka zur paranoiden Angst vor der Außenwelt steigert.

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Bernd Schulz (rechts) und die Studierenden des IAK.

Bernd Schulz ist mit seinen Studenten bei diesem Projekt gleich auf zweierlei Weise ungewöhnliche Wege gegangen: Zunächst ist es ein literarisches Thema, das den Gestaltungsauftrag liefert. Bei einer Kafka-Lesung des Braunschweiger Literaten Tilman Thiemig (www.wortvorort.de) im Rahmen des Projekts konnten sich die Beteiligten vom Stoff inspirieren lassen. Unabhängig von Thema und Umsetzung verfolgt die Installation aber noch ein weiteres Ziel: „Wir wollen damit unser Institut nach außen, auf den Campus und zu den Studenten bringen“ meint Schulz, dessen Institut etwas abseits im Querumer Forst liegt – ein naheliegender und erfolgversprechender Ansatz, der manch zentraler Braunschweiger Hochschuleinrichtung auch gut zu Gesicht stünde.

IMG_2768Während der Autor wieder am Eingang des kafkaesken Baus angelangt ist und den Architekturpavillon über das Treppenhaus des Altgebäudes verlässt, hat der Abbau der aufwändigen Installation bereits begonnen und wird in weniger als einer halben Stunde abgeschlossen sein. Genaugenommen ist es ein Rückbau oder Abriss, denn die papierne Bausubstanz wird direkt der Verwertung zugeführt. In Anbetracht von fünf Monaten harter Arbeit an Konzept, Modellen und schließlich am Bau der diversen Segmente schleicht sich dann doch ein wenig Wehmut und Enttäuschung in die Gesichter von Schulz und seinen Studenten – auch wenn der Spaß selbst beim Abbau nicht zu kurz kommt.

Aber was kann eigentlich passender sein, als Franz Kafka, dem Apologeten des Scheiterns und der Vergeblichkeit, genau dieses bauliche Nicht-Denkmal zu setzen, das den Besuchern nicht nur ein außergewöhnliches Raum-, sondern auch Zeiterlebnis verschafft hat? – Im wahrsten Sinne des Wortes einmalig und einzigartig!

Text und Fotos: Jan Engelken

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