Süßes Gift aus Braunschweig

Süßes Gift aus Braunschweig

Callin Tommy rocken seit sechs Jahren die Bühnen der Republik. Nun erscheint mit “Sweet Toxin” der zweite Longplayer der siebenköpfigen Skapunk-Kombo, am morgigen Samstagabend spielen die Braunschweiger ihr Release-Konzert im Tegtmeyer. Im Interview verrät Frontfrau Inga, woraus das süße Gift der neuen Platte besteht, wie man die Interessen von sieben kreativen Köpfen erfolgreich zusammenführt und warum uns das Tegtmeyer unbedingt erhalten bleiben muss.

Hallo Inga! Mir drängt sich natürlich sofort die Frage auf: Wer ist überhaupt dieser Tommy und warum wird er gerufen?

Als die Band 2010 gegründet wurde, saß ein Thomas, Spitzname Tommy, an den Drums. Als dieser die Band verließ und ein Ersatz gefunden war, gab es den Running Gag zu rufen “Ey, spiel richtig, sonst rufen wir Tommy an!”, sobald sich der neue Drummer verspielte. So kam es zum Namen “Callin Tommy”. Von der Originalbesetzung sind mittlerweile nur noch André (Gitarre) und Szymmi (Bass) übrig. Seit einem Jahr sind wir in der aktuellen Besetzung unterwegs. Nie zuvor waren wir produktiver und hatten ein so gutes Gefühl beim Songwriting.

Du bist 2012 zur Band gestoßen. Wie kam es dazu?

Sängerin Inga Stang

Sängerin Inga Stang

Ich habe mit 14 meine erste Band gegründet, seitdem mit verschiedensten Menschen Musik gemacht und auf diversen Bühnen gestanden. Ende 2011 gab es in meiner damaligen Band einen großen Bruch durch den Tod eines Mitglieds. Das war für mich der Anlass zur Suche nach etwas Neuem. Wie es der Zufall so wollte, war die vorige Sängerin Danni gerade bei Callin Tommy ausgestiegen und die Band suchte online nach einem Ersatz. Ich meldete mich und wir stellten schnell fest, dass wir uns bereits durch die Musikerszene in Braunschweig kannten. In den folgenden Proben wurde mir klar, dass ich mega Bock hatte mit den Jungs zu arbeiten und ihnen ging es genauso. Inzwischen sind vier Jahren vergangen und ich bereue keinen Tag davon.

Am kommenden Samstag feiert ihr das Erscheinen eures zweiten Albums mit dem Titel “Sweet Toxin”. Woraus besteht das süße Gift dieser Platte?

Wie immer gibt es ein paar anständige Ska-Beats zu hören, gepaart mit Punkrock und Bläsersatz. Der Titel bezieht sich auf den Albumsong “Sweet Toxin”, der in viele verschiedene Richtungen interpretiert werden kann. Es geht um eine Leidenschaft aber auch um eine Sucht, für die Du Dinge aufgibst, der Du dich völlig hingibst und von der Du nicht mehr lassen kannst. Für uns ist diese Leidenschaft die Musik. Die ganzen Stunden Arbeit und die vielen Wochenenden die man im Studio verbringt, von der Kohle ganz abgesehen. Doch wir wollen und können auch gar nicht anders. Und vielleicht gibt es ja auch ein paar Leute, die nach dem Hören des Albums süchtig nach mehr Callin Tommy sind – aber bitte nur im positiven Sinn!

Welchen Song des neuen Albums empfiehlst du zum Reinhören?

Das Album ist ziemlich vielseitig geworden und da Geschmack ja immer subjektiv ist, fällt es schwer, nur einen Song als Referenz für den ganzen Albumsound zu wählen. Wer gerne abtanzt, hört wahrscheinlich am liebsten “Under the Sun”. Wer es rockiger mag, fährt auf “Sweet Toxin” ab. Bei mir steht “Heartbeat” ganz oben auf der Liste. Um vier Uhr nachts, völlig betrunken und mit 80er-Jahre Schlagzeug-Beats vom Keyboard haben wir letzten Winter auf der Strophenmelodie rumgejammed und mehr oder weniger ernsthaft begonnen, daraus einen Song zu basteln. Auf den spielerischen Anfang folgte monatelange Arbeit. Wir haben locker sieben Versionen ausprobiert und waren manchmal kurz davor, den Song zu verwerfen. Heute ist er für mich einer der gelungensten, vielseitigsten und autobiographischsten Songs des gesamten Albums.

Was inspiriert euch und eure Musik, wie entstehen die Songs, was sind eure Themen?

Manchmal hilft eine anständige Lebenskrise, manchmal tut es aber auch ein kaltes Bier. Inspiration kann man nicht finden, sie findet meistens dich, und das kann beim Rumspielen auf der Gitarre, beim Schlafen oder auf dem Klo sein. Was danach aus der Idee entsteht, ist bei einer Band unseres Ausmaßes von der gemeinsamen Arbeit und der Atmosphäre abhängig. Wir haben das letzte Jahr gute Erfahrungen mit gemeinsamen Bandwochenenden gesammelt, an denen wir uns eingeschlossen und intensiv an Songideen gearbeitet haben. Das ist anstrengend aber auch unheimlich produktiv und schweißt zusammen. Die Themen sind dieses Mal auch dementsprechend persönlicher geworden, weil einfach die Atmosphäre da war, um sich mehr zu öffnen und in Ruhe über die Themen zu schreiben, die einem auf der Seele brannten.

Euer Sound und eure Musikvideos wirken sehr professionell. Wie produziert ihr sowas?

Wir haben “Sweet Toxin” im Braunschweiger Studio von Simon Börner aufgenommen. Simon ist nicht nur ein guter Freund, sein Studio liegt praktischerweise auch direkt neben unserem Proberaum, weshalb er schon relativ früh als Produzent mit am Sound des Albums gearbeitet hat. Unsere Videos und Fotos hingegen stammen aus der Hand der “Brickstudios”, der Medienproduktionsfirma unseres Gitarristen André Elbeshausen. Ohne diese interne Manpower wären wir gar nicht im Stande, so aufwendige Videos zu drehen, geschweige denn zu bezahlen. André, seine Partnerin Lana und viele helfende Hände aus unserem Freundeskreis sind mit dafür verantwortlich, dass wir so tolle Ergebnisse produzieren können. Dafür sind wir sehr dankbar.

Was bedeutet für euch als Braunschweiger die Stadt für euren Schaffensprozess?

Wir sind nur deshalb die Band, die wir sind, weil wir auf ein Netzwerk von Freunden und Unterstützern bauen können. Die alternative Szene hier ist überschaubar. Das ist einerseits zwar schade, andererseits ist sie dadurch aber auch familiärer als in anderen Städten. Man trifft sich auf Konzerten oder Partys und weiß genau, wen man fragen muss, wenn es irgendwo mal brennt.

Wie funktioniert eine siebenköpfige Band? Kracht es bei so vielen Charakteren nicht öfter mal?

Wir sind nicht immer einer Meinung und haben nicht immer die gleichen Prioritäten – da kann es schon mal zu Spannungen kommen. Wir sind aber mittlerweile banderfahren genug um zu wissen, wie man damit umgehen muss. Wichtig ist, dass man auf persönlicher Ebene nicht verletzend wird.

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Ihr seid im Alter von 27 bis 51 und steht somit wahrscheinlich voll im Leben – wie lassen sich Arbeit, Familie und Bandleben vereinbaren?

Wenn es um Terminplanung geht, müssen alle an einem Strang ziehen. Das ist viel Aufwand und erfordert eine Menge Disziplin. Immer in den Kalender gucken, Termine Monate im Voraus planen und ständige Absprache via Mail und Messenger. Im Zweifel, wie kürzlich bei der unberechenbaren Schwangerschaft von Matzes Freundin (über die natürlich alle trotzdem glücklich sind) geht die Familie natürlich vor.

Was erwartet die Gäste bei eurem Release-Konzert im Tegtmeyer?

Mit Nitro Injekzia und den Evil ‘O Brians haben wir zwei fantastische Bands am Start, die anständig mit Punkrock einheizen werden. Danach folgen wir mit unserem neuen Set. Wir freuen uns tierisch darauf, die Stücke endlich live zu spielen! Alle Einnahmen gehen wie jedes Jahr bei unserer Benefizaktion an PROAsyl.

Das Tegtmeyer steht vielleicht kurz vor der Schließung. Was zeichnet die Location für euch aus, warum braucht Braunschweig einen Laden wie das Tegtmeyer?

Das Tegtmeyer gehört zu einem der wenigen alternativen Kulturorte in Braunschweig. Für uns ist es außerdem unsere alte Heimat, da es an seinem früheren Standort auf der Meile schon lange unsere Stammkneipe war. Außerdem ist Timo, der Inhaber, ein guter Freund von uns. Darüber hinaus ist es einfach wichtig, dass wir Läden haben, die Braunschweigs Kulturszene lebendig halten. Und das tut das Tegtmeyer mit Leidenschaft. Die Live-Szene in unserer Stadt muss einfach zusammenhalten.

Inga, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Stephen Dietl

Fotos: Callin Tommy

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