Das Ende der Befindlichkeit – holt den Hoodie wieder raus!

Das Ende der Befindlichkeit – holt den Hoodie wieder raus!

Marcus Wiebusch bläst auf seinem neuen Solo-Album „Konfetti“ zum Angriff auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten

Das Schicksal hat dieses Jahr gleich dreifach zugeschlagen: Erstens fiel das Album-Release von Marcus Wiebuschs Solo-Premiere „Konfetti“ ausgerechnet auf den vergangenen Karfreitag – angesichts der bisher eher befindlichkeitsfixierten und melancholischen Musik seiner Band Kettcar vielleicht ein Zeichen dafür, dass es mit jener Düsternis jetzt solo weitergeht? Zweitens konnte man das Werk folglich erst am Samstag vor Ostern im Plattenladen seiner Wahl erwerben, und der fällt dieses Jahr zufälligerweise – ein Schelm, wer dabei an Marketing denkt – auf den weltweit alljährlich stattfindenden Record Store Day: Der Tag, an dem hunderte Plattenliebhaber, Discoqueens und auch ältere Semester, die nach wertvollen Re-Issues von Creedance Clearwater Revival suchen, in die Geschäfte in ihrem Kiez pilgern, um sich neue und alte Schätze auf Vinyl zu sichern. Drittens kommt nach Karfreitag ja auch noch Ostern, also zwei lange Tage Zeit, um die wertvollen Kulturgüter in die heimischen Plattenregale zu sortieren, sich mit scheinheiligen Argumenten von der Familienfeier loszusagen oder der Freundin beim gemütlichen Osterfrühstück die Ohren voll zu dröhnen.

Marcus-Wiebusch_Konfetti

Ich habe mich – trotz aller Vorsätze, endlich von Befindlichkeitsmusik à la Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann, Tocotronic usw. wegzukommen – dennoch früh am Samstag bei 25 Music in Hannover eingefunden und mir zielgerichtet „Konfetti“ gekauft. Einige der Songs wurden vorher schon von einschlägigen Musikportalen bekannt gemacht. Auf der ersten 10inch-Platte von Marcus Wiebusch (veröffentlicht am Record Store Day 2013) gab es bereits drei auf Vinyl gepresste Eindrücke, wo die Reise hingeht. So sind „Nur einmal rächen“ mit einer wütenden „Ich-zeig-es-Euch-allen-Stimme“ von Wiebusch und das melodiös-eingängige „Das Böse besiegen“ von der 10inch auch feste Hitpfeiler auf dem Longplayer. Eine breite Mischung aus verschiedenen Genres – Hip-Hop („Jede Zeit hat ihre Pest“, etwas Elektro („Haters gonna hate“), fast opernartige Arrangements („Wir waren eine Gang“) oder rhythmischer Easy-Listening-Pop („Der Fernsehturm liebt den Mond“) – zeigt, dass sich das musikalische Spektrum auf dem Solopfad tatsächlich erweitert hat.
Die zentralen Hits des Albums sind dabei aber zweifelsohne die siebenminütige Hymne „Der Tag wird kommen“, in der Wiebusch mit einpeitschendem Stakkato-Gesang klar Position gegen die allgegenwärtige Schwulenfeindlichkeit im Profifußball bezieht sowie das zukunftsoptimistische „Was wir tun werden“, zu dem übrigens ein wirklich herzzerreißendes Tanzvideo produziert wurde. Hier kommt auch Wiebusch wieder zu seinen ureigenen Wurzeln zurück: „Wir werden reden, denn wir müssen es jemanden sagen, aber nicht zu denen werden, die nur ein Thema haben“: Eine Reminiszenz an Wiebuschs alte Band, die 90er Jahre-Punkband But Alive…, mit ihrem Song „die Menschen, die nur ein Thema haben“. Und das ist es auch, was bei mir nach einigem Nachdenken hängen bleibt: But Alive…

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Beim abendlichen Osterfeuerbesuch habe ich dann wieder mal einen Freund genervt mit: „Ey, ich habe mir das neue Marcus Wiebusch-Album gekauft“. Die Antwort: „Marcus wer?“. Ich: „Na Marcus Wiebusch, der Sänger von Kettcar. Jetzt solo“. Und dann die vernichtende Kritik: „Ach du Scheiße, hör doch endlich mal mit diesem Heulsusenkram auf!“.
Dann stellt man sich wirklich die Frage, was soll das? Über 10 Jahre die gleiche befindlichkeitsfixierte „Heulsusenmusik“ und jetzt auch noch solo? Muss das wirklich sein? Die Antwort für mich ist klar: Ja! Wiebusch knüpft an alte hochpolitisierte und auch wütende But Alive…-Zeiten an und projiziert sie in die Gegenwart. Wiebusch solo ist mehr But Alive… als Kettcar und das gefällt mir! OK, Kettcar gefiel mir auch, aber hier geht es mehr nach vorn und Wiebusch bläst in vielen seiner Songs zum Angriff auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, regt sich unheimlich subtil und intelligent über Hipster auf („Jede Zeit hat ihre Pest“) und drischt auf anonyme Internet-Aufmerksamkeits-Erhascher („Haters gonna hate“) ein. Man fühlt sich fast wie in den 90ern und ist kurz davor, den Hoodie wieder rauszuholen und die Kapuze tief ins Gesicht zu ziehen. Doch ganz so schlimm ist es dann doch nicht, wir haben schließlich 2014 und nicht mehr 1994.
So endet Wiebuschs Album auch mit erwachsenen und wieder etwas Kettcar-typischen kryptischen Worten: „Und die Flucht nach vorn ein ganzes Leben lang gepredigt. Die Hände im Sand kurz vor der Welle verewigt. Selbst die kleinsten Gedanken groß und weise gedacht. Schwarzes Konfetti rieselt leise herab.“ Ein bisschen „Heulsusenmusik“ ist es also doch noch. Aber ganz weg davon kommt man wohl auch nicht…

(Anis Ben-Rhouma)

Titelbild, Fotos: marcuswiebusch.de

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