• Die BBK-Künstler Sascha Dettbarn, Madeleine Gorges und Knud Balandis (v.l.n.r.) neben und zwischen dem Werk "-Paar- (2-teilig)" von Jürgen Neumann.

  • "Das Goldkind und die erdrückende Last der Langeweile"

  • Fehmi Baumbach: "Yo"

  • "Intensivstation" und "Blutbild" von Franziska Rutz

  • Ingo Lehnhof: "FLASH BACK"

„Das irritiert“ – Die Intensivstation des BBK Braunschweig ist eröffnet!

Am Donnerstag fand die Vernissage zur Jahresausstellung der Braunschweiger BBK-Künstler statt. „Intensivstation“ lautet der Titel der diesjährigen Ausstellung, die über 80 Werke von mehr als 50 Künstlern umfasst und bis zum 27. Juli im raumLABOR an der Hamburger Straße Nr. 267 zu sehen sein wird.

„Das irritiert“ – so BBK-Braunschweig-Vorstand Sabina Kaluza zu Anfang ihrer Begrüßungsrede. Gemeint war die neben ihr positionierte Video-Installation „Cockpit“ von Deborah Uhde, deren Sound umso vernehmlicher wurde, je mehr das Gemurmel im Publikum abnahm. Aber das war weder ein Problem – die Lautstärke wurde sogleich per Fernbedienung reduziert – noch war es das einzige, was an diesem Abend irritiert hat.

Dr. Thomas Wimmer

Dr. Thomas Wimmer

Denn nach dem folgenden Grußwort von Bianca Winter, Leiterin des Fachbereichs Kultur und des Kulturinstituts der Stadt Braunschweig, ergriff der Braunschweiger Klinik-Chirurg Dr. Thomas Wimmer das Wort und hielt seine Eröffnungsrede konsequent und bewusst aus der nüchternen Sicht eines Intensivmediziners. Das macht in Hinsicht auf den von den Künstlern selbst gewählten Titel der diesjährigen BBK-Jahresschau „Intensivstation“ natürlich Sinn, manche Erwartung an einen schöngeistigen Künstlervortrag wurde aber absichtlich enttäuscht.

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Sany Abdullah: „Röntgendbild“

Gut so, denn durch diesen ernsten Zwischenruf macht die BBK-Ausstellung deutlich, dass Bildende Kunst und Ästhetik keine in sich geschlossenes Systeme sind, sondern Teil unserer alltäglichen Lebenswelt. Das besondere Potenzial der Kunst liegt ja gerade darin, zu irritieren und gewohnte Wahrnehmungsmuster zu brechen. In Anbetracht dieser fachmännisch kuratierten Ausstellung von hochwertigen aber mehrheitlich durchaus gefälligen Kunstwerken waren die medizinisch-ethischen Exkurse zu den schwierigen Themen „Fortschrittsfalle“ und Patientenverfügung legitim und in einem komplementären Sinne absolut passend.

Eine gute Idee also von BBK Geschäftsführerin Julia Taut, einen themennahen, aber fachfremden Redner zu präsentieren. Darüber hinaus sorgt Taut konsequent und erfolgreich für intensiven Austausch zwischen BBK-Künstlern und Publikum, macht unermüdlich Leute miteinander bekannt und bringt sie ins Gespräch – so auch an diesem Abend; und uns bot sich die Gelegenheit, mehrere BBK-Künstler persönlich kennenzulernen.

Fehmi Baumbach

Fehmi Baumbach

So stellte uns eine gut aufgelegte Fehmi Baumbach das künstlerische Resultat ihrer Auseinandersetzung mit Science-Fiction-Ikone Stanisław Lem vor: Intensiv überirdisch, was sich dem Betrachter beim Blick auf „the most intense station beyond the earth / the most intense station ijon tichy’s behind the betelgeuse“ sowie „when you are alone in the rain with your ship of mindstations“ und „from station to station vol. 2 (fly to the moons)“ bietet – quasi eine dreiteilige Intensiv-Raum-Station. Mit seidenem Faden verbindet Baumbach in ihren filigranen Collagen die Sterntagebücher mit eigener aeronautischer Familiengeschichte, einen Hauch David Bowie mit den Sternstrahlen der russischen Avantgarde.

Knud Balandis' Werke (rechts) auf der Intensivstation.

Knud Balandis‘ Werke (rechts) auf der Intensivstation.

Dekonstruktion ist das künstlerische Stichwort bei Knud Balandis, Destruktion das Thema von „STRATEGIEN GEGEN ARCHITEKTUR“. Seine unter Verwendung von Zuckertusche geätzte Druckgrafik stilisiert die an 9/11 getroffenen New Yorker Wolkenkratzer. Indem Balandis die uns allen in Zeitlupe bestens vertrauten Bilder des Anschlags nochmals unendlich verlangsamt und mit zusätzlichen Motiven versieht, wird aus den verstörenden, chaotischen TV-Sequenzen mit den immer gleichen Motiven eine späte, stille Andacht in Erinnerung an die Katastrophe.

"Die Suche I & II"

„Die Suche I & II“

Weniger das Chaos, aber zumindest der Zufall ist für den gestalterischen Ursprung der beiden grafischen Kompositionen „Die Suche I & II“ von BBK-Routinier Michael Ewen verantwortlich: Ursprünglich wollte er eine Videoarbeit anfertigen, in dessen Verlauf eine Schachtel mit Stiften umfiel und willkürliche Kreisbögen auf dem Grund entstanden. Ewen verlängerte die diversen Bögen mit eigener Hand und fügte die entstandenen grafischen Spuren zu einer Collage zusammen, deren strenges geometrisches Arrangement die Dynamik der hellen Zeichenspuren besonders betont.

"Würfel" aus Zinkblech

„Würfel“ aus Zinkblech

BBK-Neuling und HBK-Absolventin Madeleine Gorges ist mit dem Objekt „Würfel“ vertreten. Dabei handelt es sich um komprimiertes Zinkblech aus der Schrottpresse. Das eigenartig saubere aber mit Schrammen und Dellen versehene Fundstück verweist stofflich und konzeptionell auf Gorges übliche Arbeitsweise – allerdings nicht formal. Gorges legt Zinkplatten an verschiedensten Orten aus, um sie nach 24 Stunden wieder einzusammeln und auf diese Weise – im plastischen Sinne des Wortes – „Eindrücke“ in das weiche Material – zusammenzutragen. Ein metallenes Reisetagebuch in einem handlichen und mobilen Format, dessen gebrauchtes Rohmaterial sich Gorges ebenfalls zusammensucht, und aus dem sie dann, angereichert durch 24 Stunden genius loci, Bilder macht. Dafür steht der „Würfel“ hier als dreidimensionales Ausrufungszeichen.

"Landschaften"

„Landschaften“ von Jens Isensee

Zum starken BBK-Nachwuchs gehört auch Jens Isensee, ebenfalls HBK-Absolvent. Er ist mit den Installationen „Landschaften“ und „Kanäle“ vertreten, zwei auf den ersten Blick unterschiedlichen Werken: Einem durch Hardwareeingriffe modifizierten, alten Kastenradio steht eine Art Baumhaus-Miniatur aus Pappe und Holz gegenüber, die über eine lange serpentinartige Treppe zugänglich erscheint. Allerdings enthält auch „Landschaften“ eine elektronische Komponente, nur weniger offensichtlich als die blinkenden Leuchtdioden bei „Kanäle“: In dem kleinen Haus an der Spitze der Treppe laufen Youtube-Videos von Massenevents. Isensee möchte mit dem „Reiz des Unzugänglichen und Unerreichbaren“ spielen, wobei elektronische und multimediale Elemente eine wichtige Rolle spielen. Auf diese Weise „betrachte ich kritisch, was Kunst sein und bedeuten kann“. So bestehen die „Sender“ des Radios aus gesammelten Audiobeiträgen zum Thema Kunst.

"Intensive Care"

„Intensive Care“

Andreas Greiner-Napp hat zuletzt schon mit seinen Erinnerungslandschaften in der BBK-Torhausgalerie beeindruckt. Auf der BBK-Jahresschau ist er mit der fünfteiligen Fotoserie „Intensive Care“ vertreten. Eigentlich sollten in einem S/M-Studio auf der Hamburger Reeperbahn hochwertige Fotos für die Website des Etablissements entstehen. Greiner-Napp fragte, ob er die Damen auch porträtieren dürfe. In den fünf großformatigen Bildern inszeniert er den zeitlichen Ablauf, zeigt Aspekte der „Behandlung“ und fokussiert gleichzeitig die Persönlichkeit der dargestellten Frauen – ohne dabei deren Intimsphäre oder die der Betrachter zu verletzen.

Die „Intensivstation“ ist eine spannende und sehenswerte Werkschau, wobei wir besonders auf die Künstlerführungen mit Ilse Hilpert (29.06. & 13.07.) und Knud Balandis (22.06. & 20.07.), jeweils um 14:00 Uhr, hinweisen möchten. Ein besonderes Kunsterlebnis verspricht auch die „Taschenlampenführung“ mit Julia Taut am 05.07. um 23:00 Uhr zu werden.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

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