Das Tonband der Anderen: „Unsere Geheimnisse“ beim Festival Theaterformen
Besuch von der Stasi. István (Zoltán Friedenthal) steht im Abseits.

Das Tonband der Anderen: „Unsere Geheimnisse“ beim Festival Theaterformen

Menschen auf der Suche nach Freiräumen. Ein skrupelloser Staat, dem die Kontrolle seiner Bürger über alles geht. Und die Unmöglichkeit, nicht mitschuldig zu werden. In „Unsere Geheimnisse“ bringt die Theatergruppe um Béla Pintér den Alltag im kommunistischen Ungarn der Achtziger Jahre eindrucksvoll auf die Bühne. Das macht zornig, ist aber auch oft zum Lachen.

Ein riesiges Tonbandgerät bildet den Hintergrund des Bühnenraums. Seine mannsgroßen Spulen drehen sich, wenn Musik erklingt. Dies ist häufig der Fall, meist zünftig-derbe ungarische Volksmusik (live vom Ensemble auf der Bühne gespielt und gesungen). „Unsere Geheimnisse“ spielt nämlich in der Tanzhaus-Musikszene, die seit den Siebzigern in Ungarn sehr viele Anhänger hatte. Das Tonbandgerät steht hier für die Freiheit, selbst Musik aufzunehmen, zu kopieren und zu hören, wann es einem passt. Die Tanzhausbewegung wurde zwar von Staat und Partei geduldet, aber zugleich misstrauisch beäugt. Schließlich war sie als einer der wenigen kulturellen Freiräume im ungarischen „Gulaschkommunismus“ auch ein Sammelbecken für Unzufriedene und Oppositionelle.

Keine gute Idee: István beichtet Elvira sein dunkelstes Geheimnis.

Keine gute Idee: István beichtet Elvira sein dunkelstes Geheimnis.

Die riesigen Spulen des Tonbandgeräts rotieren auch, als der Musikforscher István (Zoltán Friedenthal), der Protagonist des Stückes, sich in einer tiefen persönlichen Krise der Psychologin Elvira anvertraut: Er sieht seine Ehe in Gefahr und macht sich schwere Vorwürfe, weil er sich sexuell zu seiner siebenjährigen Stieftochter Timmy hingezogen fühlt. Elvira spricht die harte Wahrheit aus: Pädophilie. Was wie der erste Schritt auf einem harten Weg der Besserung scheint – schließlich möchte sich István behandeln lassen – wird im realkommunistischen Unrechtsstaat zum Beginn einer Eskalation aus Scham und Schuld. Denn das Rotieren der Tonbandspule ist nichts anderes als das Mitschneiden des Gesprächs durch die Staatssicherheit.

Besuch von der Stasi. István (Zoltán Friedenthal) steht im Abseits.

Besuch von der Stasi. István (Zoltán Friedenthal) steht im Abseits.

Die Stasi nämlich hat sich vorgenommen, Istvan als Spitzel in der Tanzhausszene einzusetzen. Und der Mitschnitt vom Psychologengespräch enthält genug kompromittierendes Material, ihm gegen sein Gewissen die Unterschrift zur Mitarbeit abzunötigen. Das folgende Drama aus Demütigung und Erpressung bewirkt beim Zuschauer ein emotionales Wechselbad aus Betroffenheit und Wut. Aufgrund des bissigen Humors driftet „Unsere Geheimnisse“ aber nie ins Lähmende ab. Es wird sogar viel gelacht. Das liegt an den karikaturenhaft gezeichneten und mit Inbrunst gespielten Figuren: Der fürs Zuckerbrot zuständige mopsig-untersetzte Parteikader György Paczél (Eszter Csákányi) ist ebenso eine lächerliche Gestalt wie der die Peitsche schwingende Szujó (Szabolcs Thuróczy). Dieser Aufdringling hat sich der Stasi offenbar angedient, um sich an seiner Volkstanzgruppe zu rächen, in der ihn niemand so recht ernst nimmt.

Bei der Stasi, weil ihn sonst keiner mag: Szujó (Szabolcs Thuróczy).

Bei der Stasi, weil ihn sonst keiner mag: Szujó (Szabolcs Thuróczy).

Ein großes Verdienst Pintérs liegt darin, wie er sich dem Thema Pädophilie nähert. Er wagt es nämlich, den Zuschauern immer wieder auch die Perspektive des Betroffenen, also des Pädophilen zuzumuten. Das bedeutet zum einen, die penetrant-lolitahafte Timmy ertragen zu müssen, und zum anderen, die Scham und den quälenden Selbsthass Istváns fast körperlich zu spüren zu bekommen. Das ist teils harter Tobak, aber erst so erschließt sich gänzlich die unheilvolle Wechselwirkung zwischen Istváns Schicksal und der Perfidie eines Staates, der das Unglück seiner Bürger für seine eigenen niederen Beweggründe ausnutzt.

Der Regisseur spielt auch mit: Béla Pintér.

Der Regisseur spielt auch mit: Béla Pintér.

Am Ende des Stücks kommt noch kurz die heutige Situation in Ungarn unter der zunehmend autoritären Regierung Viktor Orbán zur Sprache. Staatliche Förderungen für die unabhängige Theaterszene, der auch Pintérs Ensemble angehört, werden zusammengestrichen. Die Regierung unterstützt stattdessen Produktionen, die ins gewünschte konservativ-nationalistische Weltbild passen. Trotzdem, nein, gerade deshalb befindet sich die freie Theaterszene Ungarns heute im Aufwind und freut sich über großen Zuspruch des Publikums. Sie ist ein Freiraum vom staatlichen Einheitsbrei. Wie damals die Tanzhausbewegung.

Die letzte Gelegenheit, „Unsere Geheimnisse“ zu erleben, ist heute am 18.6. um 19 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters. Vor der Aufführung um 18.30 Uhr findet eine Einführung statt. Das Stück wird in ungarischer Sprache dargeboten. Über Kopfhörer gibt es eine gut gemachte Live-Synchronisation, die es ermöglicht, dem Schauspiel ohne lästiges Lesen von Übertiteln zu folgen.

Text: Andreas Eberhard

Fotos: Puskel Szolt (Pintér, Thuróczy, Kapelle), Meszaros Csaba (Psychologengespräch, Verhaftungsszene)

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