Der “Last Christmas”-Komplex Teil II

Der “Last Christmas”-Komplex Teil II

Im ersten Teil des “Last Christmas”-Komplexes habe ich Andreas Doraus neues Album und seine Karriere vor dem Hintergrund des Songs “Fred vom Jupiter” betrachtet. Ein Komplex ist laut Wikipedia “eine assoziative und psychoenergetische Einheit von Bildern und Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken”. Bezogen auf “Fred vom Jupiter” bedeutet dies, dass alles was mit Andreas Dorau zusammenhängt, mehr oder minder auf diesen Song reduziert wird. Man sieht ihn quasi immer in dem dazugehörigen Video vor sich – auch bei allen anderen Alben und Auftritten – und wird der gesamten Arbeit damit keineswegs gerecht. Ganz ähnlich – wenn auch nicht im gleichen Ausmaß – geht es wohl der Band “Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen” (DLDGG), die mit dem neuen Album “It´s OK to love DLDGG” erneut aus dem Schatten der eigenen Vergangenheit auszubrechen versucht. Die Vorgängerband “Superpunk” wurde in den 90er/2000er Jahren als Helden der alternativen Hamburger Szene gefeiert.

Während Andreas Dorau auf “Fred vom Jupiter” reduziert wird, stehen bei Superpunk doch ein paar mehr Songs zur Auswahl, die den “Last Christmas”-Komplex bestätigen. Dennoch hat sich neben den Gassenhauern “Wir waren Mods” und “Neue Zähne für meinen Bruder und mich” ein Song als der zentrale herauskristallisiert: Auch auf heutigen Konzerten von DLDGG wird immer wieder “Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen” gefordert. Wenn er gespielt wird, übersteigt die Stimmung des Publikums die bei jedem anderen Song der “Liga”. Superpunk hatten sich damit eine durchaus respektable Fangemeinde erarbeitet. So hat es das neue Album “It´s OK to love DLDGG” durchaus nicht einfach, hier anzuknüpfen.

Dabei ist es nunmehr es schon das vierte Album von DLDGG, und langsam denkt sich die Band wohl “Hey, es ist jetzt auch OK uns zu lieben”, wenn die Botschaft des Titels damit richtig interpretiert ist. “It´s OK to love DLDGG” knüpft dabei nahtlos an die Alben an und führt die Tradition der “Liga” fort: Alltagsgeschichten in rockigen Songs aufzugreifen, bei denen Ohrwurmqualität oftmals als Nebenprodukt mit verkauft wird.

Mit dem Intro stehen DLDGG in der guten Tradition der großen Blues und Rythm and Blues-Bands, die mit Bläsern, Chören und vielen Instrumenten ihre Konzerte und Platten eröffnen. Die Blues Brothers und die Menham Street Band des großartigen Charles Bradley stehen Pate hierfür. Auch im Outro “To love DLDGG: It´s OK” taucht dieses Motiv wieder auf. Untermalt mit Einspielern, die alle sagen, wie großartig diese Band eigentlich ist.

Auf der ersten Seite der Platte folgen der “Song für Eis-Gerd”, “Liebe wohnt hier nicht mehr” und die neue Single-Auskopplung “Die Welt braucht mehr Leute so wie Dich” – ein optimistisches und ermutigender Song, der in der Tradition von “You´re Great, but People are Shit” des letzten Albums “Rüttel mal am Käfig. Die Affen sollen was machen” steht und – wie im Video deutlich wird – durchaus tanzbar ist.

Es folgt der erste Knüller des Albums: “Eine Tragödie kommt niemals allein”. Ein Song über die angemessene Trauerarbeit eines Fans zum Tode seines Idols. In diesem Fall steht der im letzten Jahr verstorbene David Bowie Pate und “DLDGG” beschreibt, dass eine Tragödie immer einer anderen folgt: “Eine Tragödie kommt selten allein. Popstar ist tot und das T-Shirt zu klein”. Das Fan-Shirt zur angemessenen Trauerarbeit passt halt nicht mehr und das frustriert umso mehr. Diese Textzeilen sind es unter anderem, die den besonderen Charme der Liga ausmachen.

Auf der zweiten Seite folgen “Die Ballade von der Band”, “So primitiv” und der nächste Hit. “Der große Kölner Pfandflaschenbetrug” beschreibt die wahre Geschichte eines Mannes, der in einem Getränkemarkt einen Pfandautomaten manipuliert hat und immer wieder die gleiche Flasche zur Kassierung des Pfandes reinsteckte. Leider wurde er dabei verpfiffen und musste vor Gericht. Das sind die Menschen, die bei “DLDGG” immer wieder im Mittelpunkt stehen: Die irgendwie charmanten Loser dieser Welt, für die man durchaus Sympathien entwickelt. Ganz Ähnliches gilt für den Song “Und Pete kämmt die Haare zurück”. Ein Song über den Vorgängerdrummer von Ringo Starr bei den Beatles, der – so die Legende – aus der Band flog, weil er sich keinen Pilzkopf verpassen ließ.

Ein besonderes Highlight der Deluxe-Version der Scheibe ist die beigelegte Live-LP, die noch einmal Songs aller vier DLDGG-Alben beinhaltet. Die etwas teurere Investition lohnt sich allemal. Auch wenn “Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen” von Superpunkt hier nicht zu hören ist.

Wie in diesem Text mehrfach erwähnt, leiden Dorau wie auch “DLDGG” also irgendwie unter dem “Last Christmas”-Komplex. Zu wünschen ist ihnen, dass sie es mit David Bowie halten, dem “DLDGG” mit “Eine Tragödie kommt selten allein” die schon erwähnte Hymne widmete. Bowie hatte mit “Heroes” wohl auch in bestimmten Kreisen sein eigenes “One Hit Wonder” kreiert. Diesem gingen aber viele voraus und auf “Heroes” folgten bis zu seinem Tod im letzten Jahr zahlreiche Neuerfindungen. Andreas Dorau und “DLDGG” ist mit den neuen großartigen Alben Ähnliches zu wünschen.

Zwei Lektionen bleiben demnach am Ende, die man rausschreien möchte:

Man kann eine ehrliche Band nicht auf ihre Knie zwingen. Und die Welt braucht mehr Musiker wie Andreas Dorau und Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen!

Text: Anis Ben-Rhouma

Titelbild: Martin Morris, www.tapeterecords.de

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