Der “Last Christmas”-Komplex

Der “Last Christmas”-Komplex

Musiker schreiben sich oft mit einem einzigen Song in die Herzen der Menschen. Es gibt zahlreiche dieser “One Hit Wonder”. Wenn man an dieser Stelle auch nur den Song “Last Christmas” von “Wham!” erwähnt, hat eigentlich jede und jeder gleich selbigen als Ohrwurm im Kopf. Natürlich lässt sich anmerken, dass es ja auch “Wake Me Up Before You Gogo” gibt und George Michael zudem vor seinem viel zu frühen Ableben eine sehr beachtliche Solokarriere hingelegt hat. Aber wirklich alle – selbst Eltern und Großeltern – singen bei “Last Christmas” unterm Weihnachtsbaum mit. Ähnlich geht es wohl Andreas Dorau mit seinem 80er-Hit “Fred vom Jupiter”. Er leidet quasi auch unter dem “Last Christmas”-Komplex.

Fred vom Jupiter” meets “Ossi mit Schwan” (Teil 1)

Man fragt sich tatsächlich, warum ein Song mit einem derartig schlimmen Video, das alle Verbrechen der 80er Jahre in 3:06 min. repräsentiert, so viel Erfolg hatte. So hat es Andreas Dorau in der breiten Öffentlichkeit auch heute immer noch schwer auszubrechen und seine neuen Werke genauso erfolgreich an Frau und Mann zu bringen. Wenn man Freunde fragt, ob sie mitkommen wollen zu einem Andreas Dorau-Konzert, folgt meist die Frage: “Oh, ist das nicht der von ‘Fred vom Jupiter’? Spielt er das denn auch?”. Diese Frage wird später beantwortet. Wichtig aber für das Jetzt: Andreas Dorau hat wieder ein neues Album herausgebracht. Es trägt den Titel “Die Liebe und der Ärger der Anderen”.

Neben zahlreichen Kompilationen, Singles und EPs ist es das nunmehr zehnte Studioalbum Doraus. Die Masse an Output wird verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass der jetzt 53-jährige den Hit “Fred vom Jupiter” bereits mit 15 jungen Jahren komponierte. “Die Liebe und der Ärger der Anderen” bringt dabei Songs zusammen, bei denen immer wieder Doraus Stimme und vor allen Dingen seine Texte im Vordergrund stehen. Die Musik an sich ist guter und eingängiger Pop. Die Themen, die Dorau anspricht und diskutiert, sind aber nicht immer klassische Popthemen. So wird mit “Ossi mit Schwan” ein zuerst verstörend wirkendes Textarrangement präsentiert, in dem zwei Bayern einen Brandenburger mit einem Schwan verprügeln.

Was genau Dorau damit sagen will, ist Spekulation. Eine ist, dass es westdeutschen Musikern endlich gelingt, ein Gefühl davon zu geben, mit welcher Ignoranz und welchen Vorurteilen – auch heute noch – der Westen dem Osten gegenübersteht. Der Song hat die gleiche Stoßrichtung, die auch “Kettcar” mit ihrer neuen Single “Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)” eindrucksvoll und Gänsehaut einflößend vorgeben. Über 25 Jahre nach der deutschen Einheit wird es Dorau und “Kettcar” zufolge allerhöchste Zeit, das endlich zu überwinden.

Ansonsten stehen bei diesem Album dem Titel entsprechend die großen Gefühlsthemen im Mittelpunkt. “Liebe in Dosen”, “Liebe kaputt”, “So etwas Ähnliches wie Liebe” und “Liebe ergibt keinen Sinn” nehmen die großen Sinnkrisen des Zusammenlebens von Mann/Frau, Frau/Frau, Mann/Mann und allen anderen Beziehungsmöglichkeiten auseinander.

Der Name des Albums zeigt auch, dass es sich hierbei durchaus um ein Konzeptalbum handelt. Wenngleich auch andere Themen Doraus Augenmerk haben: So wendet er sich mit “Liebe Bürger” an die klassischen Wutbürger und ihre vermeintlichen Ängste, wünscht sich mit “Das Pseudonym” selbiges für sich selbst oder stellt mit “Sybilla Maria Merian” sein Faible für seltene Namen dar. Die am besten gelungene selbstironische Textzeile des Albums ist in “Radiogesicht” zu hören: “Die Leute sagen, ich habe eine Radiogesicht. Doch die Stimme dazu habe ich leider nicht.” Das kann man aber tatsächlich von Dorau nicht behaupten. Singen kann er. Dennoch bleibt “Die Liebe und der Ärger der Anderen” ein für den Mainstream nicht immer leicht zugängliches Album. 20 Songs unterschiedlichster Musikstile, die aber alle irgendwie im Pop anzusiedeln sind, verlangen dem Hörer etwas ab. Einzelne Stücke bleiben bei Dorau aber immer wieder im Ohr hängen. Ganz ähnlich wie auf seinem letzten, in Fachkreisen hochgelobten Album “Aus der Bibliotheque”.

Auch hier zeigten sich Doraus Vorlieben für Skurriles und teilweise auch Verstörendes. Auf “Aus der Bibliotheque” findet sich beispielsweise auf der einen Seite der textlich gewöhnungsbedürftige, aber musikalisch sehr eingängige Mid-Tempo-Song “Tannenduft”, der das Leben des Hamburger Frauenmörders Fritz Honka thematisiert – quasi der Soundtrack zur literarischen Aufbereitung des Themas durch Heinz Strunks “Der goldene Handschuh”. Auf der anderen Seite finden sich jedoch auch lebensbejahende Mitsingsongs wie das Lied über die Hamburger Bibliothek am “Hühnerposten” oder das auch als Kinder-Mitsing-Lied geeignete “Flaschenpfand”. Tatsächlich einer der besten Dorau-Songs überhaupt.

Auf “Aus der Biliotheque” hat bereits die Hamburger Band “Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen” (DLDGG) mitgespielt und mitgesungen (deutlich erkennbar im Background-Gesang von “Flaschenpfand”). Zwischen den letzten Andreas Dorau-Alben haben beide ihre Zusammenarbeit intensiviert. Herausgekommen ist eine DLDGG-7inch mit einem Track, bei dem Dorau mitsingt. “Gegen den Strich” ist eine Coverversion des alten Tocotronic-Klassikers. Das Original erschien vor zehn Jahren auf “Pure Vernunft darf niemals siegen” – einem der besten Tocotronic-Alben.

“Eine Cola muss es sein!” wiederum ist ein DLDGG-Kinderlied, das parallel zur Single auf dem zweiten Teil des äußerst erfolgreichen Indie-Kinderlieder-Samplers “Unter meinem Bett” erschienen ist. Gerade für junge Familien lohnt es sich, in beide Sampler zu investieren. Das Gleiche gilt auch für das neue Andreas Dorau-Album und sicherlich auch für seine Konzerte. Auch wenn man “Fred vom Jupiter” hier wohl nicht immer hören wird.

Wie mir ein mit Dorau befreundeter Musiker vom Hamburger Label “tapete records” anvertraute, zeigt sich Dorau von der immer wieder zu hörenden Forderung nach dem Song schon leicht genervt. Er solle immer “Fred vom Jupiter” singen, doch höre man dabei ja fast nur Frauenstimmen! Dorau und auch “DLDGG” scheinen den “Last Christmas”-Komplex in ihrer Karriere zu erleben.

Mehr dazu nächste Woche im zweiten Teil.

Text: Anis Ben-Rhouma

Titelfoto: Sönke Held, www.bureau-b.com

 

flattr this!