Keine Angst vor Wölfen – Das “Enrico Rava New Quartet” verblüfft im LOT-Theater

Keine Angst vor Wölfen – Das “Enrico Rava New Quartet” verblüfft im LOT-Theater

Das Haupthaar trägt er immer noch offen und lang, ungezähmt, nunmehr aber angegraut. So auch sein Schnurrbart. Leicht gebeugt geht er zur Bühne, der Leitwolf Enrico Rava, 76jähriger Startrompeter aus Italien, oft in einem Atemzug mit Miles Davis und Chet Baker genannt. Und hinter ihm seine drei Jungwölfe. Ein Generationenprojekt, so scheint es. Alter Mann, erfahrungssatt, wehmütig-altersweise trifft auf ungebändigten Lebenswillen. Folglich: ein Abend mit kontrollierter Musik und einigen Eskapaden, letztlich von Melancholie umflort. Wirklich?

Falsch, völlig falsch. Der Opener ist schon Programm. Eine ostinate Bassfigur, cleane Gitarre im frisellschen Schwebesound, dezentes Schlagwerk. Heraus schält sich in bestechendem Unisono eine wundervoll leichte Melodie. Sie wird wiederholt, hierhin, dorthin transponiert und – kaum entfaltet – nach allen Regeln der Jazzkunst verwandelt, verfremdet, zerstört. Das alles in einem beinahe freien, sehr druckvollen Improvisationsteil mit viel Gestaltungsspielraum. “Cornette”, eine hintergründige Hommage an Ornette Coleman, endet wieder mit der strahlenden Melodie, die anfangs zu hören war.

Kontraste, das Zusammenführen ganz unterschiedlicher Traditions- und Gestaltungselemente war die Devise für dieses Konzert. “Wild dance”: Eine theatralische Eröffnung mit Trommelwirbel, Crescendo und Tusch wird fortgeführt mit einem orchestralen Gitarrenpart, der sich zu einem fetten Metal-Klang mausert. Dann ein nahezu bruchloser Übergang in swingenden Jazz, Zitate aus dessen Frühphase. Oder “Space Girl”: Ein vager, martialischer Rhythmus zunächst, dann Anklänge an Melodien des “Great American Songbook” mit schönen lyrischen Flügelhorn-Passagen. “Not funny”: eine ganz zurückgenommene Erinnerung an den Popsong und späteren Jazzklassiker “My funny Valentine”. Eher gelegentlich wird die Melodie berührt, sie bleibt vielmehr ein Hintergrundkontext.

Rava 1

Gewissermaßen war das Konzert eine gelungene Irreführung. Es lag ja nahe, zu meinen, dass Ravas “New Quartet” eine Live-Version der jüngsten Studioproduktion “Wild Dance” abliefert. Feiner ECM-Sound, ausbalanciert, eher dezent, wehmütig, hier und da Ausbrüche, aber voller Affektkontrolle.

Morallo 2Eben das geschah nicht, und das lag an der losen Leine für die “jungen Wilden”. Ravas Trio konnte sich spielerisch frei bewegen, allen voran Gitarrist Francesco Diodati. Packend seine Arbeit am Griffbrett, absolut überzeugend der Einsatz der elektronischen Effekte. Was Gabriele Evangelista am Kontrabass leistete, war schon rein physisch unglaublich. Die rasend schnelle Begleitung nicht nur bei “Happy Shade”, insgesamt seine Art des Zusammenspiels auf der rhythmischen Ebene war beeindruckend. Und schließlich Enrico Morello am Schlagzeug: elegante Leichtigkeit, ein Dynamikexperte und Kenner aller möglichen Spielvarianten in der Geschichte seines Instruments,: bewundernswert.

Es war eine kluge Entscheidung Ravas, als Harmonieinstrument das bei ihm übliche und stets hochrangig besetzte Piano durch die Gitarre zu ersetzen. Gitarristen können ihre Akkorde eben nicht mit 10 fingern spielen, wie Rava mehr oder weniger scherzhaft bemerkte. Der musikalischer Raum wird einfach transparenter, lässt mehr Luft für den spielerischen Atem, wenn man es denn so beherrscht, wie Diodati. Andererseits wird durch die intelligente Verwendung ausgeklügelter Elektronik eine ganz neue Soundpalette bereit gestellt. Das gibt neue Farben, neue Klänge, neue dynamische Möglichkeiten bis hin zur Genreaufsprengung.

Diodati 2

Und Ravas Flügelhornspiel? Es ist intensiv, elegant: von Leichtigkeit geprägt, aber auch von Eruptionen reiner Expressivität. In den Höhen merkt man die anstrengung mitunter. Aber ansonsten bleibt er nicht hinter seinen jungen Leuten zurück. Man spielt auf Augenhöhe, nirgends ein Anflug von Übervater. Woher Rava in dem Alter noch das Standing, vor allem die Luft für das intensive Trompetenspiel nimmt, wissen die Götter.

Insgesamt ein Sonntagabend mit einer tollen Mixtur aus Kraft, Eleganz, einem Blick in sehr unbestimmte ferne Gefühlswelten und auch Grandezza. Das Publikum im ausverkauften Haus war sichtlich beeindruckt.

Text: Klaus Gohlke

Fotos: K.C. Amme

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