Es rauscht im Ayranbrunnen: Einladend, erfrischend, gelungen!

Es rauscht im Ayranbrunnen: Einladend, erfrischend, gelungen!

ES RAUSCHT IM AYRANBRUNNEN 12.2013-01.2014 ONLINEBANNER © Susann Dietrich

Ayran ist das traditionelle türkische Erfrischungs- und Willkommensgetränk und steht Pate für eine neue Ausstellung an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, die genauso erfrischend und einladend daherkommt wie der gesunde Joghurt-Mix aus Kleinasien.

Entsprechend groß ist der Andrang zur Ausstellungseröffnung am 10. Dezember in der Galerie der Hochschule für Bildende Künste. 14 Studierende und drei Lehrende der HBK aus den Bereichen Gestaltung und Freie Kunst präsentieren die Ergebnisse ihres gemeinsamen zehntägigen Arbeitsaufenthalts in Istanbul.

Noch bis zum 10. Januar werden die Arbeiten, die aus dieser Reise hervorgegangen sind, in Galerie und Montagehalle der HBK zu sehen sein.

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„Es rauscht im Ayranbrunnen“: Ausstellungseröffnung – die HBK-Galerie füllt sich (Foto: Stephen Dietl)

Schon beim Betreten der Galerie wird klar, dass die Ausstellung „Es rauscht im Ayranbrunnen“ nicht nur Erlebtes darstellen möchte. Sie möchte den Besucher auch an den persönlichen Eindrücken der Reisenden teilhaben lassen: Mit einem orientalisch gestalteten Pigmentteppich im Eingangsbereich („ohne Titel“ von Friederike Jäger), der seine Farbbestandteile nach und nach an die Fußsohlen des Besuchers heftet, wird er selbst zum Exponenten dieses kreativen Reiseberichts.

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Friederike Jäger: „ohne Titel“ – ein orientalisches Farbenspiel „zum Mitnehmen“ (Foto: Stephen Dietl)

Das künstlerische Ziel der Reise im August 2012 bestand für die TeilnehmerInnen darin, ohne thematische Vorgaben einen individuellen Zugang zur fremden Umgebung zu finden und mit ihren Arbeiten darauf zu reagieren. Herausgekommen ist ein abwechslungsreicher Mix aus Foto-, Video-, und Toninstallationen, zwölf davon zu erleben in der Galerie, die restlichen sechzehn in der Montagehalle um die Ecke.

Um die Besucherschaft in die externe Montagehalle zu leiten, findet sich vor dem Galerieausgang zum einen der Cliffhanger „Männer“, der zur Fortsetzung  der Fotoserie von Prof. Gosbert Adler im anderen Gebäude überleitet. Zum anderen weist der Vizepräsident für Internationales, Prof. Wolfgang Ellenrieder, in seiner Begrüßungsrede gleich zu Anfang darauf hin, dass sich der obligatorische Getränkeausschank (inklusive Ayran) im anderen Gebäude befindet.

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Cäcilia Antonia Holtgreve: „3 Socken“ & „Komposition mit Kette“ (Foto: Stephen Dietl)

Hier hat sich jemand nicht nur künstlerisch, sondern auch logistisch seine Gedanken gemacht: Susann Dietrich ist Co-Kuratorin der Ausstellung und war als Studierende der HBK auch selbst in Istanbul dabei. Die Stadt am Bosporus hat die Kommunikationsdesignerin und Meisterschülerin der Freien Kunst  bereits während eines dreimonatigen Aufenthaltsstipendiums im Jahr 2011 kennen und schätzen gelernt.

Ich lerne Susann in der Montagehalle kennen. In diesem Moment denke ich gerade darüber nach, ob ich ihr filigranes Wachs-Holz-Objekt „ohne Titel“ berühren sollte, das – wie schon ihr titelloses Werk in der Galerie – ob seiner Materialität zu haptischem Feedback einlädt.

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Susann Dietrich: „ohne Titel“ (Foto: DiJa)

Wir verabreden uns zu einer informellen Nachbesprechung beim Mittagessen. Der Autor hat vor, dem Ayranbrunnen mit fachkundiger Hilfe investigativ auf den Grund zu gehen. Denn im Augenblick surft er eher an der Oberfläche, auf einer Welle von schaumig gerührtem Joghurt, Wasser und drei Flaschen Efes-Bier.

Zwei Tage später erklärt Susann dem Autor dann die Hintergründe von Arbeitsbesuch und Ausstellung, unter anderem, dass es ein gemeinsames Projekt von KünstlerInnen und DesignerInnen an der HBK ist.

Während die Riptide-Küche den Autor mit der Süßkartoffel kulinarisch versöhnt, berichtet Susann davon, dass sie für die Ausstellungseröffnung den besten Ayran und die besten Simits Braunschweigs organisiert hat. Das passt, denn die Ausstellung wirkt tatsächlich bis ins Detail schlüssig und durchdacht. So findet beispielsweise auch die Audio-/Videoinstallation „Yerebatan Sarayı“ von Grzegorz Zgraja eine ebenso praktische wie humorvolle Entsprechung hinter dem Tresen in der Montagehalle.

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Alexander Lehmann: „ohne Titel“ (Foto: Stephen Dietl)

In Anbetracht der jüngsten Unruhen in der Türkei – am prominentesten auf dem Taksim-Platz in Istanbul in das internationale Bewusstsein gerückt – kommen wir auch auf die gesellschaftspolitische Dimension der Ausstellung zu sprechen. Zumal mit der Fotostrecke „Machtübernahme“ von Frank Sperling in der Ausstellung explizit ein politisches Thema angesprochen wird.

Auch wenn der Arbeitsbesuch schon im Sommer 2012 und damit ein Jahr vor den Unruhen in der Türkei erfolgte, wird die Ausstellung dieses Thema aufnehmen. In der ersten Januarhälfte wird im Rahmen der Ausstellung der Film „Ecümenopolis – Stadt ohne Grenzen“ (2011) von Imre Azem gezeigt werden. Der Film setzt sich kritisch mit dem Themenkomplex Baupolitik, Stadtentwicklung, Ökonomie sowie den sozialen Dimensionen von Wohn- und Lebensraum in Istanbul auseinander.

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Frank Sperling – „Machtübernahme“: Atatürks Kinder? (Foto: Stephen Dietl)

Zum Zeitpunkt des abschließenden Espresso ist der Autor nicht nur im Bild über die Ausstellung, sondern auch einmal mehr über die lebendige Kunstszene in Braunschweig, die Susann seit Jahren aktiv begleitet.

Ich lege unseren LeserInnen daher nicht nur diese Ausstellung ans Herz, sondern auch einen abendlichen Besuch im Kunstverein Jahnstraße e.V.!

(je)


„Es rauscht im Ayranbrunnen“

Ort: HBK, Galerie, Johannes-Selenka-Platz 1 + Montagehalle, Broitzemer Straße 221 | Öffnungszeiten: 11.12.2013 – 10.01.2014 | Mo–Fr: 13–18 h | 21.12.– 5.1. geschlossen

Kunstverein Jahnstraße e.V. (Galerie) | Jahnstraße 8a | geöffnet Do. von 19:00 – 22:00 | noch bis 16.01.2014: Anna Kautenburger – „Mein Name ist Regina“ | Winterpause vom 20.12.2013 – 08.01.2014