Fahrenheit 199 – Michael Nitsche in der Galerie einRaum5-7

199° Fahrenheit ist nicht die Selbstentzündungstemperatur von Papier, das wissen wir unter anderem von Ray Bradbury. 199° F oder 93° C ist die Schmelztemperatur des Spezialparaffins, das Künstler Michael Nitsche für seine Plastiken verwendet. Auf ihre ganz eigene Art und Weise wirken sie im Übrigen ähnlich bizarr und befremdlich wie Bradburys Dystopie Fahrenheit 451 – aber das nur nebenbei, denn der Braunschweiger Bildhauer und Maler Michael Nitsche, der zurzeit mit seiner Ausstellung „Ein kleines Stück von mir ist ein kleines Stück in Dir“ in der Galerie einRaum5-7 zu Gast ist, hat nichts mit Ray Bradbury zu tun.

061Außerdem wirft Nitsche seinen Blick eher in Richtung Vergangenheit und nicht in die Zukunft. Nitsches Thema ist die Vergänglichkeit, aber nicht nur: „Mein Thema ist der gesamte Kreislauf des Lebens“, so Nitsche, und der „memento mori“, die Reflexion über den Tod, gehöre einfach dazu. Besonders offensichtlich wird das an einer hängenden Plastik („This prayer is for you my friend“, 2013), die ein schrumpfkopfähnliches, bräunliches Objekt mit Augen und Zähnen zeigt, während zwei farbenfrohe australische „Lovebirds“ an gleicher Stelle unbeeindruckt mit dem Liebesspiel beschäftigt sind.

In Nitsches Plastiken werden Präparate, Tierknochen oder naturnahe Tierdarstellungen zusammen mit anderen Materialien mit Hilfe von Wachs zu neuen Objekten und Arrangements verschmolzen. Die häufig maskierten Objekte erinnern an Inka-Mumien oder indianischen Schamanismus. „Das Drastische, das ich in den Arbeiten formuliere, kennen wir von den sogenannten primitiven Kulturen, aber auch vom Reliquienkult des Katholizismus“, erklärt Nitsche. Durch das Wachs werden Nitsches Objekte ebenfalls haltbar und überdauern die Zeit, sein Spezialwachs verändert nicht die Farbe und bleibt – im Gegensatz zur Haushaltskerze – auch bei Wärme in Form. „Paraffin ist ein hervorragender Konservierungsstoff, dessen Robustheit man zum Beispiel von antiken Fresken in Pompeji kennt“, erläutert Nitsche.

101Neben den Plastiken stellt Nitsche in der einRaum-Galerie Zeichnungen aus, die er als „Ideenableiter“ bezeichnet und nutzt, beispielsweise als Skizze für nicht realisierbare Skulpturprojekte. Eröffnungsrednerin und Kunstvermittlerin Pia Kranz nennt Nitsches Formensprache „das letzte Bild eines Alptraums, wenn man aufwacht“. Man sollte sich von Nitsches morbiden Szenen nicht im Schlaf verfolgen lassen, aber seine Werke hinterlassen dennoch einen bleibenden Eindruck beim Betrachter – Gefälligkeit ist eben noch nie ein Maßstab für künstlerische Qualität gewesen.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

„Ein kleines Stück von mir ist ein kleines Stück in Dir“ von Michael Nitsche
Noch bis zum 13. Dezember im einRaum5-7
Dienstags bis freitags von 17–20 Uhr und samstags von 14–19 Uhr

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