Freie Zebristik: „Goethes Zebra“ beim Festival Theaterformen
Schmöker. Schallplatte. Holzzebra. In „Goethes Zebra“ hängt alles miteinander zusammen.

Freie Zebristik: „Goethes Zebra“ beim Festival Theaterformen

1784 traf Goethe in Braunschweig zum ersten Mal auf ein lebendes Zebra. Das ist verbürgt. Über die Folgen ließ sich bisher streiten. Jetzt leistet Hans-Peter Litscher Aufklärung. Führungen des Schweizer Künstlers durch die Ausstellung „Goethes Zebra“ sind im Programm der „Theaterformen“ und noch bis Mitte Juli im Standort Hinter Ägidien des Landesmuseums und im Konsumverein zu erleben.

Hans Peter Litscher erläutert den Zebra-Bra von Josephine Baker.

Hans-Peter Litscher erläutert den Zebra-Bra von Josephine Baker.

Schummerig ist es im Ausstellungsraum des Landesmuseums im alten Ägidienkloster. „Kommen Sie, kommen Sie!“ domptiert Hans-Peter Litscher mit schweizerischem Zungenschlag sein Publikum von einer ältlichen, schwach beleuchteten Vitrine zur nächsten. Texttafeln und Multimedia-Schnickschnack sind Fehlanzeige in diesem staubig verwunschenen Heimatmuseum aus Zebratrophäen, alten Grafiken, pikanten Fotos und antiquarischen Büchern. Litscher, in einen wehenden Frack gewandet und mit antikem Zeigestock bewaffnet, führt nach alter Art durch die Ausstellung. Es handelt sich um die Sammlung von Bruno Bruns, ausgestellt nach den genauen Maßgaben von Bruno Bruns, im Auftrag der Bruns’schen Familienstiftung. Merkwürdig, dass man von diesem Bruns vorher nie gehört hatte. Aber für Zweifel dieser Art ist keine Zeit: „Kommen Sie, kommen Sie!“.

Mehr als nur schwarz-weiß: Zebrazerlegung nach Goethes Farbenlehre.

Mehr als nur schwarz-weiß: Zebrazerlegung nach Goethes Farbenlehre.

Es hagelt knallharte Fakten, die bisher weitgehend unbekannt – oder nur unbeachtet? – waren: Die manische Zebra-Leidenschaft Goethes und dutzender weiterer historischer Persönlichkeiten (Mozart, Gary Cooper, Josephine Baker, um nur einige zu nennen). Die Goethe-Leidenschaft von Che Guevara. Die Bedeutung des Zebrastudiums für die Tarnung von Guerillakämpfern und Kampfschiffen. Die wahren Ursprünge des brasilianischen Kampftanzes Capoeira. Ebenfalls neu erscheint die Tatsache, dass Zebras keineswegs nur schwarz und weiß sind, sondern in Wirklichkeit rot, blau und gelb zugleich.

Die scheinbar unzusammenhängenden Histörchen rund ums gestreifte Tier werden eloquent, nonchalant, mitunter schnoddrig zu einem großen Bild verknüpft: Alles erscheint mehr oder weniger als Folge von Goethes Zebra-Erlebnis in Braunschweig. Dass diese Querverbindungen mitunter etwas bemüht herbeigestrickt werden, ändert nichts daran, dass die unterhaltsame Lehrstunde in freier Zebrologie (oder Zebristik?) viel Vergnügen bereitet. Und en passant, nicht dass es darauf ankäme, wird tatsächlich ein gutes Stück Kulturgeschichte des Zebras vermittelt.

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Doppelte Buchführung am Arbeitsplatz von Bruno Bruns.

Nach dem Gang vom Ägidienkloster zum Allgemeinen Konsumverein, wo die Führung weitergeht, entsteht allerdings der Eindruck, dass Litscher ein wenig die Lust verlässt. Oder fällt ihm plötzlich ein, dass er längst fertig sein wollte? Noch eine Stippvisite in „Bruno Bruns‘ Arbeitszimmer“ mit den zwei Schreibmaschinen für (simultanes?) zweisprachiges Tippen, ein Blick in die Kellerbar des Hauses, ein knappes „Tschüss!“, und schon ist der Meister wehenden Haares aus dem Raum. Die zahlreichen kinetischen Skulpturen und der gestreifte Konzertflügel bleiben unkommentiert. Am Ende ließe sich noch etwas feilen.

Goethe. Zebra. Maske. Noch Fragen?

Goethe. Zebra. Maske. Noch Fragen?

Trotz des abrupten Schlusses: Wie Litscher die nicht immer weltbewegende Braunschweiger Geschichte – Goethe soll es hier „sterbenslangweilig“ gefunden haben – aus dem Heute heraus aufmischt und mit schwarz-weißen Streifen bemalt, macht großen Spaß. Und wer weiß… Vielleicht bleibt es ja nicht bei „Goethes Zebra“. Eine Freistil-Geschichtskolumne „Zebramaul“ in einem der hiesigen Blätter fände bestimmt interessierte Leser. Auch für das Stadtbild hat Litscher frische Ideen: „Eine Zebra-Camouflage-Fassade für das Schloss – das wäre doch etwas.“ Die Bruns’sche Familienstiftung dürfte er dabei hinter sich wissen.

Führungen finden während des Festivals Theaterformen (bis 22.6.) täglich außer montags statt. Die Ausstellung ist nur gemeinsam mit dem Kurator zu besichtigen. Der Ticketverkauf erfolgt an der Theaterkasse. Im Gartenhaus Haeckel im Festivalzentrum der Theaterformen ist zudem täglich außer montags von 14 bis 20 Uhr die letzte Wohnstätte Bruno Bruns’ zu besichtigen. Der Allgemeine Konsumverein e.V. und das Braunschweigische Landesmuseum führen das Projekt noch bis Mitte Juli fort.

Text: Andreas Eberhard

Fotos: Theaterformen (Blick in Vitrine), Andreas Eberhard (Litscher in Aktion, Farbzerlegung, Arbeitszimmer Bruns), Hans Peter Litscher (Arrangement mit Goethe-Büste)

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