Glamourös und unhygienisch

Glamourös und unhygienisch

GOLDSAHNE ist das neue Projekt von Sascha Dettbarn und Malte F. Kettler, in dieser trauten Zweisamkeit dem Publikum bis dato hauptsächlich bekannt durch die Indiefolk-Band Deerwood. Doch statt hymnischer Gesangseinlagen zu Akustikgitarre und Banjo rappen die beiden nun mehrschichtige Gesellschaftskritik auf schnelle Electro Beats nach bester Deichkind-Manier. Was soll das Ganze, und wer ist überhaupt dieser Volker? Im Interview mit Kulturblog38 verrät Sascha Dettbarn so einiges.

Hallo Sascha. Jetzt mal ehrlich: GOLDSAHNE…?!

Malte F. Kettler und Sascha Dettbarn

Malte F. Kettler und Sascha Dettbarn

Yeah! GOLDSAHNE ist ein experimentelles Projekt, das wir mal von einer ganz anderen Seite angehen, als wir es bisher mit Deerwood getan haben. Mit über 30 Jahren noch mit deutschem Sprechgesang und Rummelbuden-Techno anzufangen, lag so dermaßen weit außerhalb unserer Komfortzone, dass wir dem Sog des Unsinns einfach nicht widerstehen konnten. Und der Name klingt sowohl glamourös als auch unhygienisch. Ein klarer Gewinn.

Und der Sound ein bisschen wie Deichkind…

Elektronische Musik mit deutschen Texten und Anarcho-Attitüde – da bietet sich der Vergleich natürlich an; zumindest als Punkt im Koordinatensystem. Wir gehen dann aber in ganz verschiedene Richtungen. Da GOLDSAHNE auch eher ein (Achtung, böses Wort) “Spaßprojekt” ist, fühlen wir uns keiner musikalischen Tradition verpflichtet, und sind in der Lage, zu tun und zu lassen, wonach uns gerade ist. Diese spielerische Offenheit ist sehr befreiend.

Bei eurer Indiefolk-Band Deerwood steht auch inhaltlich vor allem Spaß und Selbstironie im Vordergrund. Bei deinem Soloprojekt KOLIBRI_GHOST schreibst Du intime Lieder zwischen Singer/Songwriter und Electronica. GOLDSAHNE-Songs sind elektronisch begleiteter Sprechgesang, heißen “Kauf  das Produkt” und enthalten Zeilen wie “Wir gegen die / Du gegen mich / Alle gegen Alle und Jeder für sich”. Ist der neue Ansatz ein dezidiert konsum- und gesellschaftskritischer?

Irgendwie hat sich das alles von selbst ergeben. Es ist Wahnsinn, wie viel neue Ideen zusammenkommen, wenn man bewusst etwas grundlegend anderes macht, als gewöhnt: Synthies und Beats statt Banjo und Gitarre, Rhythmus über Melodie, Deutsch statt Englisch, Inhalt über Form und so weiter. Da fühlte es sich nur konsequent an, auch textlich schärfer und plakativer ranzugehen. Beim Schreiben haben wir auch gemerkt, dass wir, trotz mittlerweile drei Deerwood-Alben, noch eine Menge loswerden möchten.

Wie kam es zu diesem Ansatz? Ist er eine bewusste Antwort auf das derzeitige gesellschaftspolitische Klima?

Das Brummen im Bienenstock wird immer lauter und Menschen machen merkwürdige Dinge, was uns natürlich beschäftigt. Aber wir wollen nicht mit dem Finger auf irgendwen zeigen und sagen “Der ist böse!”, sondern versuchen einen Charakter zu schreiben, aus dessen Blickwinkel wir dann Einblicke in die jeweilige Welt geben. So ein bisschen wie “method acting”. Wobei Songs wie “Kauf das Produkt” auch von ihrer Simplizität und überspitzten Penetranz leben.

Ihr schreibt mit GOLDSAHNE erstmalig auf Deutsch statt auf Englisch. Ist der kreative Entstehungsprozess ein anderer, wenn man in seiner Muttersprache textet?

Oh ja, komplett. Ich wurde mit englischsprachiger Musik sozialisiert, von daher war es für mich immer selbstverständlich, auch auf Englisch zu schreiben. Solo oder mit Deerwood würde ich auch nie auf die Idee kommen, plötzlich deutsch zu singen. Aber bei GOLDSAHNE drängt sich das fast auf. Es geht hier weniger um wohlklingende Harmonien oder Poesie; GOLDSAHNE ist gradliniger, weniger musisch. Wir wollen direkt verstanden werden. Und es macht großen Spaß, in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen. Das hat etwas Hörspielartiges.

Wie geht es nun weiter, sind Konzerte in Planung?

Wir spinnen gerade an der Idee herum, GOLDSAHNE zu einem Live-Erlebnis zu machen: Eine bunte Tüte aus Songs, Performancekunst, Spoken Word, Standup Comedy, absurdem Theater mit Kostümen, vielleicht noch Videoclips, Bauchrednerpuppen, Donkey Shows und was auch immer. Irgendwas zwischen Andy Kaufman, Helge Schneider, Studio Braun und den Einstürzenden Neubauten.

Sascha, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Stephen Dietl

Bilder: GOLDSAHNE

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