Home Street Home – Braunschweiger Künstler rocken das Haus

Am 30. Oktober holen 20 Künstler und Kunstwissenschaftler der Hochschule für Bildende Künste an zwölf Standorten die Stadt zu sich nach Hause – buchstäblich bis in die eigene Wohnung!

Wie kann ich meine Kunst der Öffentlichkeit präsentieren – ohne Kunstgalerie, außerhalb der Hochschule und jenseits einer musealen Werkschau, die eh nur den Stars der Kunstszene vorbehalten ist? Ganz einfach: Man verwandelt den eigenen, privaten Raum in einen öffentlichen. Und da es genug Nachwuchskünstler ohne Atelier und Galerievertrag, aber mit eigenem Wohnraum gibt, tut man sich zusammen und erreicht damit auch noch eine größere Reichweite für sein eigenes Projekt. Dann noch einen Audiowalk konzipiert und fertig ist der künstlerische Gang von Tür zu Tür am 30. Oktober, dem Vorabend von Halloween. Fertig ist HOME-STREET-HOME, die selbstorganisierte Gruppenausstellung von HBK-Studierenden, die nicht an der Türschwelle haltmacht und dennoch fette kreative Beute verspricht.

Das hört sich alles schlüssig und simpel an, aber ganz so einfach ist es natürlich nicht, mit der eigenen Kunst an die Öffentlichkeit zu treten. Genau das zu vermitteln und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, ist das Anliegen von Künstlerin und Projektkoordinatorin Alice Musiol. Die Dorothea-Erxleben-Stipendiatin an der HBK beschäftigte sich kürzlich in ihrem Seminar „Ich, allein, Künstler sein“ mit der Frage, wie man als freischaffender Künstler nach dem Studium leben und überleben kann – eine Frage, die im Studium häufig viel zu kurz kommt.

Für die erfahrene Künstlerin Musiol ist der Prozess der künstlerischen Selbstfindung lediglich ein Teil des Künstlerdaseins. Das sei zwar wichtig, aber in diesem romantischen Sinne „allein“ Künstler zu sein, funktioniere eben nicht, warnt Musiol. Daher dient das Projekt HOME-STREET-HOME ebenso wie das vorausgegangene Seminar, aus dem das Projekt entstanden ist, der Professionalisierung der Studierenden: „Wie kann man sich organisieren, wie kann man ein Ausstellungsprojekt auf die Beine stellen, wie kann man sich auch unabhängig von seinem Professor präsentieren“, da fängt für Musiol die freie Kunst wirklich an. Wer das nicht rechtzeitig lerne, der verliere seine künstlerische Handlungsfeiheit unter dem Druck des Marktes. Freiheit ist für Musiol ein pragmatischer Kompromiss aus Leben, Job und Kunst, mit dem Ziel der größtmöglichen Autonomie auf dem Kunstmarkt. Erfolgreich Ausstellungen machen und als Künstlerin trotzdem eigenständig bleiben – bei der Kölnerin Alice Musiol funktioniert das.

Diese Autonomie ist auch fester Bestandteil ihres Projekts: „In diesem Team bringt jeder seine eigenen Denk- und Arbeitsweisen ein. Im Gesamtkontext dieses Seminars ergibt das einfach eine runde Sache“. Vom Pressetext bis zum Plakat: „Alles, was wir in die Öffentlichkeit tragen, ist von den Studierenden selbst gemacht. Ich habe nur dabei geholfen, die Leute zusammenzuführen, indem ich dieses Seminar angeboten habe“, so Musiol.

Wie es nach dem Studium eigentlich weitergeht, beschäftigt auch Nils Peter, der Malerei studiert und nebenbei als Tätowierer arbeitet. Deshalb ist er bei Musiols Seminar dabei gewesen, bei HOME-STREET-HOME natürlich auch: „Ich persönlich finde es sehr interessant, fremde Leute einmal in mein Leben einzuladen“, erläutert der 23-jährige Nils, der Zeichnungen und Drucke in seiner WG zeigen wird. Bei seinen Arbeiten stehen vor allem „Männer mit Bärten“ im Vordergrund, verrät der junge Künstler, dessen Gesicht selbst ein akkurat gestutzer Vollbart ziert.

Carolin Steinkamp ist bei HOME-STREET-HOME dabei, weil es sie reizt, Kunst außerhalb von Kunsteinrichtungen, jenseits des beleuchteten „white cube“, zu präsentieren. Zusammen mit Sven-Julien Kanclerski hat sie eine Wohnung in der Jahnstraße besetzt, die seit zehn Monaten nicht mehr betreten wurde. Dort beschäftigt sie sich mit Tradition als zentralem Kulturmoment: „Ich benutze die Überreste gelebter Tradition, um mit ihnen und den Mitteln der Malerei einen Raum zu schaffen, in dem über kulturelle Phänomene in unserer Zeit nachgedacht werden soll.“

Marlene Bart, Mitbegründerin der HBK-Studierenden-Zeitschrift Kristel, ist eher zufällig auf das Ausstellungsprojekt gestoßen. Sie findet spannend, dass hier alles selbst organisiert wird. Da Marlene nicht in Braunschweig wohnt, nutzt die freie Mitarbeiterin des Kunstvereins Braunschweig einen Raum in der Villa Salve Hospes. Mit diesem Raum und jenen Teilen der Einrichtung, die zur Originalausstattung des 1805 fertiggestellten Bauwerks gehören, hat sie sich fotografisch auseinandergesetzt und mit großformatigen Doppelbelichtungen und unterschiedlichen Negativen neue Raum- und Bildraumkonstruktionen geschaffen.

Den Raum teilt sich Marlene Bart mit Timo Hoheisel, der in seiner Installation maßstabsgetreue Pappmaché-Repliken von Büchern präsentiert. Außerdem ist auf dem Johannes-Selenka-Platz eine weitere Installation von Hoheisel zu sehen, die das Projekt HOME-STREET-HOME selbst reflektiert, eine idealisierte, im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbare Inszenierung des „white cube“. Warum er mit dabei ist? Hoheisel: „Ich finde es interessant, was man im Team erreichen kann. Ich glaube, dass in solchen freien Gruppen und Projekten die Zukunft des Kulturbereichs liegt. Das hier ist quasi der Prototyp.“

Aber zum Team von HOME-STREET-HOME gehören nicht nur freie Künstler, sondern auch mehrere Kunstwissenschaftler. Zu ihnen gehört die 21-jährige Junia Thiede. Sie begleitet das Projekt redaktionell, hat z.B. für die beiden Künstler Aaron Alexander Israel und Sarah Schoberth Begleittexte verfasst und war am Audiowalk beteiligt, der mit dem Smartphone vor Ort abrufbar sein wird und den Ausstellungsbesuchern die Kunst erschließen und Denkanstöße liefern soll.

Ganz wichtig für alle beteiligten Studierenden auf dem Weg zur Ausstellung: Das Timing. Projektkoordinatorin Alice Musiol hat besonders darauf geachtet, dass Termine und Zeitpläne eingehalten werden: „Wir haben versucht, das ganze Projekt so strategisch wie möglich zu organisieren.“

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Auch für die Besucher von HOME-STREET-HOME sollten Planung und Timing am 30. Oktober stimmen: Die Türen sind von 11:00 Uhr bis 20:00 Uhr geöffnet, um 17:00 Uhr findet eine Besucherführung statt, Treffpunkt hierfür ist die Bushaltestelle am Johannes-Selenka-Platz. Für die Führung wird um Anmeldung gebeten unter .

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

Ausstellung HOME-STREET-HOME
Am 30. Oktober zwischen 11 und 20 Uhr an 12 Standorten in Braunschweig
Alle Infos unter: homestreethomebs.de

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