Hype um Jeppe Hein im Kunstmuseum Wolfsburg – wir machen mit!

Hype um Jeppe Hein im Kunstmuseum Wolfsburg – wir machen mit!

Denn die aktuelle Ausstellung “Jeppe Hein. This Way” im Kunstmuseum Wolfsburg wird völlig zu Recht bundesweit gefeiert. Christiane Heuwinkel, Leiterin Kommunikation am Kunstmuseum Wolfsburg erklärt, warum: “Diese Ausstellung funktioniert ganz anders. Normalerweise wird dem Besucher eine Richtung durch die Ausstellung vorgegeben. Wir tun das nicht, jeder kann seinen eigenen Weg gehen.” Gleichzeitig hat Heuwinkel bisher “wenige Ausstellungen gesehen, die so aus einem Guss sind, wie diese.”

IMG_1136Zu dieser Ausstellung kann und soll jeder Besucher seinen eigenen Zugang finden: welcher Eingang zum Ausstellungsraum gewählt wird, entscheidet der Besucher und die labyrinthartige, aber helle und großzügige White-Cube-Raumgestaltung im Innern gibt keinen Weg vor. Auch die Art der Wahrnehmung bleibt dem Besucher überlassen: die Installationen, die jeweils unterschiedliche Sinne ansprechen, sind unkommentiert. So fordert Jeppe Heins Kunst zwar stets alle Sinne des Betrachters, Ertasters, Erspürers, bietet ihm aber gleichzeitig eine nahezu uneingeschränkte Assoziationsfreiheit.

Mit Beliebigkeit hat das jedoch nichts zu tun. JeppeIMG_1196 Heins Thema ist die Entschleunigung, ein kontemplativer Lebensentwurf, den der gebürtige Däne seit seinem Burnout vor sechs Jahren konsequent mit seiner Kunst transportiert. Wer in seinen Erfahrungsräumen den Wunsch nach Einfachheit, oder gar Technikskepsis sucht, der wird allerdings überrascht sein: kein “simplify your life” und keine Esoterik – zum Glück! Seine Visionen von Spiritualität realisiert der Berliner mit Mitteln moderner Technik, mit filigraner Mechanik und ausgefeilten Arrangements.

IMG_0950Den Gedanken der Entschleunigung mit Hightech-Mitteln künstlerisch umzusetzen, erscheint zunächst widersprüchlich, aber es macht Sinn: nicht nur, weil Jeppe Heins subtile kinetische Kunst ohne Feinmechanik, Stellmotoren und Sensoren gar nicht denkbar wäre; nicht nur, weil diese höchst unterhaltsame und dennoch anspruchsvolle Kunst auch Menschen ohne spirituelle Neigung und Technikfreunde begeistert – sondern weil er diesen Widerspruch auflöst, indem er Technik und Naturwissenschaft in den Dienst des Menschen, seiner Sinne und Bedürfnisse stellt. Jeppe Hein optimiert die Technik im Sinne des Menschen und der Menschlichkeit. Ein klares Votum gegen den Mensch als Maschine, die rationale Optimierung des Menschen, wie sie uns z.B. im Arbeitsalltag begegnet – und so in der Tat ein stimmiges Plädoyer für Entschleunigung.

Es bleiben also keine Fragen offen? Doch, und das istIMG_1122 auch gut so! Denn diese Ausstellung ist so gelungen, dass sie sich auch vor kritischen Fragen grundsätzlicher Natur nicht zu verstecken braucht: schränkt hier vielleicht das Ausreizen des technisch Machbaren den Spielraum künstlerischer Gestaltung ein? Kann die besondere Betonung der technischen Funktion zu einem Diktat für die Form werden? Und ist interaktive und damit explizit anwenderorientierte Kunst überhaupt noch Kunst oder handelt es sich nicht vielmehr um Design oder Architektur?

Es sind spannende Fragen, die diese Ausstellung aufwirft, aber Jeppe Hein lässt sie nicht nur im (Erfahrungs-)Raum stehen, sondern bietet eine Vielzahl konstruktiver Denkansätze. Und wer sich nicht (oder noch nicht) mit solchen Fragen auseinandersetzen möchte, für den ist “Jeppe Hein. This Way” im Kunstmuseum Wolfsburg ganz einfach ein sinnlich ansprechendes und technisch anspruchsvolles, großes Erlebnis.

Text und Fotos: Jan Engelken

“Jeppe Hein. This Way”
15.11.2015 – 13.03.2016
Kunstmuseum Wolfsburg
Dienstag – Sonntag, 11 – 18 Uhr

flattr this!

Hinterlasse einen Kommentar