Ich kaufe, also bin ich

Ich kaufe, also bin ich

Cool, überlegen und etwas gefährlich schaut Jörn Höpfner den Leser vom Foto des Buchcovers aus an. Zuerst muss man an einen Türsteher denken, der nur jene reinlässt, denen er zutraut, mit dem klarzukommen, was hinter der Tür auf sie wartet. Das mag theatralisch scheinen, ist aber gar nicht so unpassend. „Sag mir, was du kaufst, und ich sag dir, wer du bist“ heißt sein Machwerk populärer Wissensvermittlung, und tatsächlich ist dieses Buch wie der Eintritt in eine Disco, nämlich den privaten Club der Soziologen.

Jörn Höpfner

Der Braunschweiger Soziologe und Science-Slammer Jörn Höpfner

Wer hier eingeführt wird, erhält Zugang zu Kenntnissen, die andere nicht haben. Denn hier lernt man, seine Mitmenschen zu lesen wie ein Buch. Der Schlüssel dazu sind „Zeichen“, kleine, oft unauffällige Merkmale an Kleidung, Sprache, und Habitus. Sie verraten einem viel über das Leben und das Selbstverständnis dieser Menschen. Welchen Job sie haben, was für ein Auto sie fahren, wie ihr Wohnzimmer aussieht und wohin es für sie im Sommerurlaub geht. Warum man aus solchen Kleinigkeiten ganze Lebensumstände ableiten kann, liegt an „Mustern“. Man ist nämlich in seinen Vorlieben und Eigenschaften niemals allein – Individualität, so der Autor, sei eine Lüge. Egal, wo man wohnt, wie viel man verdient, was man schön und was hässlich findet, es gibt immer noch andere, die ebenso gestrickt sind wie man selbst.

Wenn Zeichen sich verdichten, ergibt sich ein Muster. Und wenn Muster größer und deutlicher werden, ergibt sich ein gesellschaftliches Milieu. Das Sinus-Institut hat davon zehn verschiedene entdeckt und ausdifferenziert, zum Beispiel das sozial-ökologische Milieu (ethisch korrekt gebügelt) oder die bürgerliche Mitte (idyllisch-langweilig). Diese Typologie legt Jörn Höpfner wie Butterbrotpapier über die Bundesrepublik und paust davon eine gesellschaftliche Landkarte ab.

Wenn man sich selbst nun in diesen Milieu wiederzufinden versucht, kann es passieren, dass man sich gleich drei Milieus zugehörig fühlt. Das liegt daran, dass die jeweilige Beschreibung nie hundertprozentig treffend für eine konkrete Person ist. So wie ein Gemälde von Rembrandt immer undeutlicher erscheint, je näher man herantritt, sollte man auch die Milieubeschreibungen aus einer gewissen Distanz betrachten. Es geht schließlich um Typen, nicht um konkrete Schicksale.

Warum schreibt man ein Buch über Supermärkte?

Die Gesellschaft beobachten, analysieren und interpretieren, das kann man an vielen Orten, nämlich überall dort, wo viele Menschen aufeinander treffen und Muster sichtbar werden. Jörn Höpfner hat zum Beispiel mit seinem Vortrag über die Soziologie im Regionalexpress bereits einen Science-Slam gewonnen. Doch die Königsdisziplin für ihn ist der Supermarkt, nach seinen Worten die „Petrischale der Gesellschaft“. Nirgendwo sonst könne man so genau die Menschen unters Mikroskop legen und beobachten, was sie für ein Leben führen. Und in den Supermarkt müssen wir schließlich alle. Keiner kann Jörn Höpfner entkommen.

In 15 unterhaltsamen wie kenntnisreichen Kapiteln steigt er den Menschen nach, wenn sie in den Edeka, Aldi oder Basic gehen. Wer kauft wann was wo und um welche Uhrzeit? Was passiert, wenn der Hipster beim Bio-Gemüse auf die Sozial-Ökologin trifft und der Konservativ-Etablierte den überforderten Hedonisten vor der Auswahl an Energy Drinks mustert? Seine Eindrücke erzählt der Autor aus der Ich-Perspektive, oft im inneren Dialog mit seiner zynischen inneren Stimme. Intelligent und etwas versnobt, voll von Ironie und nicht selten Selbsthass, das ist Höpfners Humor.

Gewitzt und geschult analysiert er die Einkaufskörbe seiner Mitmenschen, führt mit ihnen fiktive Gespräche in der Gemüseabteilung, interviewt sie an der Fleischtheke und schlichtet Streit am Kassenband mithilfe von Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns. Eine kluge wie intelligente Lektüre.

Höpfner sagt, ihm gehe es nicht um Wahrheit. Dafür müsse man sich eher einen dieser ekelhaft smarten Philosophen suchen. Ihm gehe es ums Verstehen. Wie setzt sich die Gesellschaft zusammen, wie hat sie sich im Laufe der Zeit verändert und in was wird sie sich in der Zukunft verwandeln?

Wer einmal die Soziologenbrille aufgesetzt hat, wird Dinge sehen, die vorher unsichtbar waren. Er gewinnt einen neuen, klareren Blick für seine Mitmenschen. Wie ein Türsteher eben.

 Text: Johannes Engelke

Jörn Höpfner: Sag mir, was du kaufst, und ich sag dir, wer du bist: Der Supermarkt als Petrischale der Gesellschaft, Goldmann Verlag, 224 Seiten, 12,- Euro