Cristina Antonelli-Ngameni und Petra Ulbrich vom Haus der Kulturen im Interview

Cristina Antonelli-Ngameni und Petra Ulbrich vom Haus der Kulturen im Interview

Das Braunschweiger Haus der Kulturen ist ein Ort der internationalen Begegnung. Seit zwei Jahren finden im ehemaligen Nordbahnhof regelmäßig Veranstaltungen und Kurse statt, die Einheimische und Migranten zusammenführen und so die Integration erleichtern.

Darüber hinaus können die über dreißig internationalen Mitgliedsvereine im Haus der Kulturen Braunschweig e.V. ihre kulturellen Traditionen pflegen und sich austauschen. Das interkulturelle Handlungsfeld des Vereins findet seine Entsprechung in einer internationalen Geschäftsführung: Ishak Demirbag ist erster Vorsitzender und geschäftsführender Vorstand, er ist als Gastarbeiterkind aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Adama Logosu-Teko stammt aus Togo und leitet die Bereiche Verwaltung, Finanzen und Technik. Cristina Antonelli-Ngameni hat italienische Wurzeln und kümmert sich um das Projekt „Weltgeschmack“ sowie den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, den sie sich mit Petra Ulbrich teilt, die darüber hinaus für das Programm verantwortlich ist.

Wir haben mit Petra Ulbrich und Cristina Antonelli-Ngameni gesprochen – über das Haus der Kulturen und die Ziele des Vereins, aber auch über BRAGIDA und Fremdenfeindlichkeit.

Guten Tag Frau Antonelli-Ngameni, guten Tag Frau Ulbrich. Welcher persönliche Hintergrund hat Sie zum Haus der Kulturen geführt und was sind hier Ihre Aufgaben?

Cristina Antonelli-Ngameni. Foto: privat

Cristina Antonelli-Ngameni. Foto: privat

Antonelli-Ngameni: Ich bin zum Teil hier in Braunschweig groß geworden und bin insofern persönlich mit der Integrationsgeschichte Braunschweigs verwachsen. Die Italiener haben hier in den 70er Jahren die erste Begegnungsstätte mit aufgebaut. Meine Eltern waren sehr engagiert dabei und so habe ich das quasi mitgelebt. Meine Eltern waren Gastarbeiter, mein Vater war erst in Wolfsburg tätig, später kamen wir nach Braunschweig. Hier entstanden bald die ersten Ausschüsse von Bürgern für Migrationsfragen, in denen die Migranten Mitspracherecht hatten. So wurde Braunschweig international, so nahm es langsam Form an, dass die Internationalen Vereine hier das Leben, das Bürgerbild durchwuchsen. Meine Aufgaben im Haus der Kulturen sind der Öffentlichkeitsbereich und das Projekt „Weltgeschmack“.

Petra Ulbrich. Foto: privat

Petra Ulbrich. Foto: privat

Ulbrich: Ich sage immer, ich habe eine eigene Migrationsgeschichte – nicht weil meine Eltern Migranten sind, sondern weil ich selber viel umgezogen bin innerhalb Deutschlands und ich auch im Ausland gelebt habe. In dieser Zeit habe ich sehr viele Lernerfahrungen gemacht, die im Lauf der Zeit dazu geführt habe, dass ich eine Coaching-Ausbildung und eine Ausbildung zur Interkulturellen Trainerin gemacht habe. Früher war ich bei der Stadt Braunschweig für die interkulturelle Öffnung der Verwaltung zuständig. Als hier dann jemand gesucht wurde, um Bildungsarbeit im Haus zu machen und ein Programm zu entwickeln, passte das sehr gut, weil ich eben vorher schon in der Erwachsenenbildung tätig war: in Süddeutschland habe ich eine Volkshochschule geleitet. Auch Süddeutschland ist ein Kulturschock (lacht).

Wie ist das Projekt Haus der Kulturen entstanden?

Antonelli-Ngameni: Im Jahr 2007 hat die Stadt Braunschweig im Rahmen des Lokalen Aktionsplans (LAP) die internationalen Vereine in der Stadt mit ins Boot geholt, um zu sehen, welche Situation wir in der Stadt haben und welchen Bedarf es gibt, die Integration anderer Kulturen und Nationalitäten in Braunschweig voranzubringen – was macht in Zukunft Sinn? Da kam dann die Idee eines Hauses der Kulturen, als ein Gebäude, das für die Zwecke der Internationalen Vereine zur Verfügung steht, ins Rollen. Eröffnet hat das Haus dann im Mai 2013 nach einer langen Vorbereitungsphase.

Welche Ziele verfolgen Sie und welche Idee steckt hinter dem Projekt?

Antonelli-Ngameni: Im Grunde genommen war es erstmal eine Bestandsaufnahme dessen, was internationale Vereine brauchen und ob es überhaupt einen gemeinsamen Nenner gibt. Von den 80er Jahren bis 2007 hatte man auch schon viele Erfahrungen gesammelt. Einen eigenen Verein und einen eigenen Ort mit Leben zu füllen ist nicht einfach. Daher gab es von vielen Vereinen das Bestreben, etwas Gemeinsames hinzubekommen, das für alle passt: dass man sich treffen kann, um seine eigene Kultur zu pflegen, aber durch die Organisation, die wir hier übergeordnet leisten, Unterstützung darin zu bekommen, diese Kultur auch als Brücke zu nutzen. Die Ziele des Vereins sind ganz klar die Pflege dieser Kompetenzen und dessen, was die Kulturen nach Braunschweig mitbringen, Sprachen, Essen, etc. Das Alles soll ausgebaut werden und nicht als Randnotiz in Braunschweig untergehen.

Wie viele Vereine und Nationen waren an der Gründung beteiligt?

Antonelli-Ngameni: Wie haben in Braunschweig derzeit 140 verschiedene Nationalitäten. Die polnische und die russlanddeutsche Gruppe sind sehr stark vertreten, gefolgt von der türkischen Gruppe, dann folgen Italiener, Tunesier, usw. Bei der Bestandsaufnahme wurden sechzig Vereine angesprochen, über dreißig sind mittlerweile Mitglieder im Haus der Kulturen e.V. Wenn aus diesen Vereinen oder auch von Einzelpersonen interessante Ideen kommen, helfen wir dabei, hier etwas daraus zu stricken. Letztendlich sind wir bemüht, zu vernetzen, so dass es eben in beide Richtungen geht und auch die Braunschweiger Bürger eingebunden werden. Wir machen beispielsweise eine Reihe mit Brunch, setzten den Fokus auf eine Kultur, bringen die Küche mit rein, Lesungen.

Das Haus der Kulturen hat im alten Nordbahnhof seinen Platz gefunden. Wie ist es zu diesem Standort gekommen?

043bUns wurde der Ort auch erst dann bekanntgegeben, als die Sache feststand. Im Rathaus wurde lange Zeit im darüber nachgedacht: wo finden wir auch ein passendes Gebäude, das nicht zu weit außerhalb liegt, das auch einen gewissen Charakter hat und irgendwie dazu passt? Und wir waren dann auch sehr erfreut, denn es ist ein Bahnhof und damit Symbol für die gesamte Migrationsgeschichte. Es hätte kein besserer Ort sein können.

An wen vermieten Sie ihre Räume und was für Veranstaltungen finden darin dann statt?

Ulbrich: Es kann sich hier theoretisch jeder einmieten, sowohl Vereine als auch private Personen, die hier ihren Aktivitäten nachgehen möchten. Seien es Feiern, wie z.B. das persische Neujahrsfest jetzt im März, oder die Sprachkurse des Deutsch-Polnischen Hilfsvereins. Und dann gibt es natürlich unser eigenes Programm. Inzwischen bieten wir auch jeden Donnerstag einen Mittagstisch an. Dafür wurde hier von Kochbegeisterten die Gruppe „Weltgeschmack“ gegründet. So können wir hier eine Küche anbieten, die ständig wechselt: von italienisch über türkisch und mexikanisch bis hin zu vietnamesisch oder koreanisch. Das wollen wir in Zukunft noch weiter ausbauen.

Antonelli-Ngameni: Wir haben hier im ersten Stockwerk kleinere Räumlichkeiten, die sich sehr gut für kleinere Kurse eignen. Die beiden Räume im Erdgeschoss bieten Platz für größere Gruppen. In erster Linie ist das Haus für die Vereine zur Verfügung gestellt worden. Aber letztendlich hatten wir bisher sehr wenige Anfragen, die nichts ins Haus gepasst haben. Unser Haus soll politisch und religiös neutral bleiben, es darf nicht zu Konflikten führen. Und bislang fahren wir ganz gut damit.

Gibt es Auflagen und Kriterien, was veranstaltet werden darf?

Ulbrich: Es wird natürlich erst mal immer beraten, wer überhaupt Mitglied wird. Zweifelhafte Gruppierungen politischer Couleur sind da natürlich schon mal ausgeschlossen. Und wer zu welchen Zwecken die Räume nutzen darf, wird auch immer individuell geklärt. Was wir ausschließen sind religiöse und politische Veranstaltungen, gerade wenn damit auch Propaganda gemacht werden soll.

Mit welchen Themenfeldern beschäftigt sich Ihr Programm?

Ulbrich: Ein Schwerpunkt ist die Ermöglichung von Begegnung, um die verschiedenen Kulturen in Kontakt zu bringen. So hatten wir gerade einen finnischen Brunch, und die Reihe setzt sich fort mit einem indischen, französischen oder auch indonesischen Brunch. Da geht es über das Essen hinaus darum, dass die Menschen über ihre Kultur berichten, aber auch darüber, welche Schwierigkeiten sie in Deutschland haben – und umgekehrt: welche Herausforderungen kämen auf eine deutsche Familie zu, wenn sie ins entsprechende Ausland reisen würde? Weitere Schwerpunkte sind Verständigung und Dialog, beispielsweise über Lesungen. Den Blick nicht immer auf das Trennende zwischen den Kulturen richten, sondern auf die Gemeinsamkeiten, um Perspektivwechsel zu ermöglichen. Gleichzeitig möchten wir die Kompetenzen der Menschen stärken. So bieten wir neben Deutschkursen auch die Möglichkeit, sich als Tandempartner mit Braunschweiger Muttersprachlern zu treffen. Darüber hinaus sprechen wir auch immer wieder kritische Themen an, im Sommer wird es eine spannende Ausstellung zum Thema Menschenhandel geben.

Es gibt ja häufig die Befürchtung, dass dort, wo viele Kulturen zusammentreffen, Konflikte vorprogrammiert sind. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Ulbrich: Es gibt kaum kulturübergreifende Konflikte. Wenn es Konflikte gibt, sind es fast immer rein menschliche Konflikte, die innerhalb einer Kultur stattfinden. Es gibt innerhalb jeder Kultur sehr viele Strömungen – auch in der Deutschen – und das ist auch vollkommen normal. Das sind manchmal Konflikte, die wir mitbekommen.

Aus welchem Umfeld kommen Ihre Mitglieder hauptsächlich?

Antonelli-Ngameni: Im Gegensatz zu Wolfsburg ist Braunschweig in dieser Hinsicht nicht an ein einziges Unternehmen gebunden, das viele Arbeitskräfte aus dem Ausland anzieht. Hier in Braunschweig ist es sehr gemischt. Da spielt sicherlich die Universität eine große Rolle, wir haben das international besetzte Staatstheater und vieles mehr.

Ulbrich: Wir haben alle Alters- und Bildungsschichten hier vertreten, das macht es sehr spannend. Die können sich hier begegnen und tun das auch. Wir sind natürlich auch ein wichtiger Anlaufpunkt für das International Office der TU, z.B. für ausländische Wissenschaftler und Doktoranden.

Wie international ist Braunschweig eigentlich?

Ulbrich: Natürlich ist es hier nicht wie in Berlin, aber in Braunschweig leben 140 verschiedene Kulturen, das ist nicht wenig. Das Besondere an Braunschweig ist, dass sich die Stadt nicht erst jetzt mit dem Thema Integration auseinandersetzt. Wir sind hier schon lange auf dem Weg, wirklich alle Menschen mitzunehmen und es ernst zu nehmen, dass Braunschweig eine internationale Stadt ist. Wir sind hier mit dem Haus der Kulturen definitiv weiter als viele andere Städte und in dieser Form deutschlandweit einzigartig – da werden wir auch von anderen Städten beneidet.

Macht sich die Flüchtlingsthematik bei Ihnen bemerkbar?

Antonelli-Ngameni: In der Vernetzung, die wir hier haben, bewegt sich dann etwas. Es finden dann beispielsweise Tagungen und Veranstaltungen zu diesem Thema statt, um neue Ansätze zu finden. In der Regel haben wir aber mit Menschen zu tun, die hier auch ansässig sind.

Wie gehen Sie mit Bewegungen wie PEGIDA oder BRAGIDA um, spüren Sie davon auch hier im Haus etwas, gibt es Ängste seitens Ihrer Mitglieder?

Antonelli-Ngameni: Hier im Haus spürt man es nicht. Aber es ist allgemein ein Thema, über das allerorts diskutiert wird. Die Demos waren bei uns ein Thema, und bei der Gegendemo waren wir auch dabei. Wir haben uns viel damit auseinandergesetzt und uns gefragt, wie wir damit umgehen und darauf reagieren sollen. Zum einen ist es natürlich eine Entwicklung, die es in ganz Europa gibt. Italien hat es beispielsweise noch viel stärker, denn dort gibt es tatsächlich eine riesige Flüchtlingswelle, mit der sie vollkommen überfordert sind. Problematisch wird es, wenn man anfängt, pauschal zu verurteilen. Da würden wir auch wirklich gerne mal analysieren, warum es überhaupt zu solchen Gruppierungen kommt. Die wichtigste Frage ist wahrscheinlich, wie wir intelligent damit umgehen können und keine früheren Fehler wiederholen.

Ulbrich: Ich denke, dass es bei Gruppen wie BRAGIDA in Wahrheit um sehr viele verschiedene Themen geht, sich gar nicht alles um fremde Kulturen dreht. Das Wichtigste ist, sich dieses Konstrukt erst mal genau anzusehen und zuzuhören. Wir hatten daher schon überlegt, diese Gruppe einzuladen, aber ohne das medial groß aufzumachen. Allerdings ist es bisher nicht dazu gekommen, auch weil die Bewegung in Braunschweig offenbar wieder stark abgeflaut ist. Wir werden hier einfach weiterhin auf Begegnung setzen.

Haben Sie oder Ihre Mitglieder in der jüngeren Vergangenheit eine Verhaltensänderung innerhalb der Bevölkerung Ihnen gegenüber verspürt, treffen Sie auf Skepsis oder Alltagsrassismus?

Ulbrich: Tatsächlich haben manche unserer Mitglieder mehr Angst als früher, aufgrund ihrer Herkunft Opfer von Fremdenfeindlichkeit zu werden. Einen Übergriff hat es leider auch schon gegeben, der angezeigt und an die Öffentlichkeit gebracht wurde.

Wie kann ich mich im Haus der Kulturen einbringen?

Antonelli-Ngameni: Jeder kann sich hier einbringen, kann mit Ideen herkommen und gemeinsam etwas mit uns daraus machen. Man kann hier Räumlichkeiten mieten, eigene Kursideen anbieten, eine Kunstausstellung machen, usw. Oder Sie können ein Sprachtandem anbieten, um Menschen mit Migrationshintergrund alltagstaugliches Deutsch zu vermitteln. Sie können auch in unserer internationalen Bibliothek mitmachen. So entwickeln sich häufig tolle Sachen. Jemand, der Ideen hat, ist hier immer sehr gerne gesehen.

Was ist die internationale Bibliothek?

003Das ist ein Projekt, was von einem Mitglied unseres Hauses ins Leben gerufen wurde, der polnischen Gruppe. Wir haben im März 2014 beschlossen, damit zu starten und mittlerweile verfügen wir über 2000 Bücher aus 23 Sprachen. Und sie wird von internationalen Fachleuten, nämlich Bibliothekarinnen, betreut. Die haben sich zusammengetan und jeder hat ja unterschiedliche Vorstellungen, wie sich so eine Bibliothek entwickelt. Da muss sich eben verständigt werden und das ist ganz wunderbar. Wir sind jetzt nicht mehr in der Not, neue Bücher zu sammeln, dafür ist die Bibliothek zu klein. Aber bitte, nutzt diese Bibliothek, sie ist ein wirklich schönes Beispiel interkultureller Arbeit!

Welche Pläne und Ideen haben Sie für das Jahr 2015?

Antonelli-Ngameni: Wir arbeiten derzeit an der Eröffnung der internationalen Bibliothek. Die wird nach und nach aufgebaut, steht im Grunde schon und es Veranstaltungen dazu. Im Projekt „Weltgeschmack“ sind wir dabei, ein Buch fertigzustellen. Ein Buch, das nicht nur ein Kochbuch ist, sondern über Esskulturen an sich spricht. Im Rahmen von „Weltgeschmack“ denken wir auch gerade über interkulturelle Hauswirtschaftskurse nach. Es gibt auch noch mehr Ideen, die gehen uns nicht aus (lacht).

Welche Veranstaltungshighlights erwarten uns demnächst?

Ulbrich: Am 23. April gibt es ein Benefiz-Konzert und eine Lesung für Leonard Peltier, einen indianischen Menschenrechtsaktivisten, der in den USA zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Am 25. April gibt es einen indonesischen Kulturabend mit der deutsch-indonesischen Gesellschaft. Ab 3. Juni wird es dann eine ganz besondere Ausstellung im Haus der Kulturen geben: an der Hochschule für Bildende Künste wurde ein Poster-Designwettbewerb zum Thema Menschenhandel durchgeführt. Die Studierenden haben zu diesem Thema unglaublich berührende Plakate entwickelt, die wir ausstellen werden. Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung werden wir umfangreich über das Thema Menschenhandel informieren.

Frau Antonelli-Ngameni, Frau Ulbrich, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

Haus der Kulturen Braunschweig e.V.
Am Nordbahnhof 1
38106 Braunschweig
Bürozeiten
montags, dienstags, mittwochs, freitags 10:00-12:00 Uhr
donnerstags 15:00-17:00 Uhr
Öffnungszeiten KulturCafé
dienstags – donnerstags 11:00-19:00 Uhr

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