Merkel-Pop vs. AFD? – Das neue Kettcar-Album “Ich vs. Wir”

Merkel-Pop vs. AFD? – Das neue Kettcar-Album “Ich vs. Wir”

Kettcar sind neben Tocotronic und Die Sterne wohl einige der wenigen “Feuilleton-Bands” in deutscher Sprache, die vor allem mit ihren Texten die Gedanken kreisen lassen. In dem Satz “Es ist immer noch besser im Taxi zu weinen, als im HVV-Bus, oder nicht?” aus dem Song “Im Taxi weinen” aus dem im Jahr 2002 erschienenen Debut-Album “Du und wieviel von Deinen Freunden” steckt wohl eine treffendere Analyse unseres aktuellen kapitalistischen Systems als im gesamten Kommunistischen Manifest. Die Messlatte für ein weiteres Album liegt daher immer hoch.

Die Interpretation der Kettcar-Songs könnte eine Wissenschaft für sich sein. Oftmals kryptisch, manchmal direkt, aber immer irgendwie intellektuell, lässt sich stundenlang über Sinn und Unsinn der Ergüsse von Sänger und Bandleader Marcus Wiebusch philosophieren. Kettcar, die mit der Vorgängerband “…but Alive” eine klare Punkvergangenheit haben, stehen immer wieder in der Kritik der “Befindlichkeits-Musik” und des “Punk-Verrats”. So what? Damit hat man sich arrangiert und hält das als Fan aus. Die Band selbst singt sogar selbstironisch darüber.

Ein Kommentar auf der Facebook-Seite der Band hat jedoch etwas Neues herausgebracht: Das neue Album sei “Merkel-Pop”. Auf die Frage, was das denn sein soll, keine Antwort. Daher bleiben nur zwei Interpretation zu den Gedanken des Nutzers, die das erklären können: Entweder sei “Ich vs. Wir” wie eine Merkel-Rede. 45 Minuten viel reden, aber irgendwie gar nichts sagen. Oder, und das ist wohl leider wahrscheinlicher, wird kritisiert, dass Kettcar auf der Platte ein klares Bekenntnis zu einem weltoffenen Deutschland abgeben. Letzte stimmt, und wenn der “Merkel-Pop”-Kritiker das kritisch sieht, bleibt nur zu sagen: Dann ist Kettcar garantiert nicht seine Band. Klare Statements zu gesellschaftlichen Themen sind immer zentrale Triebfeder von Kettcar gewesen. Sehr deutlich wird das in der ersten Single, die es sogar ins “Neo Magazin” von Jan Böhmermann geschafft hat:

In “Sommer ´89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)” wird gemeinsam mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld eine berührende Fluchtgeschichte erzählt, die einem die Tränen in die Augen treiben kann.

Die Platte ist voll von solch Momenten. Ob der erste Song “Ankunftshalle”, die “Wagenburg” oder “Auf billigen Plätzen” – hier werden Geschichten erzählt, die Menschenschicksale in den Fokus nehmen und sich klar für ein gutes Miteinander aussprechen. Meistens ohne, aber manchmal auch mit erhobenem Zeigefinger machen Kettcar deutlich, dass sie sich eher beim “Wir” sehen als beim “Ich”. Sie sind sich dabei ihrer Rolle durchaus bewusst und nehmen sich wie gewohnt selbst aufs Korn: “Das Beste ist immer der Feind des Guten. Wir spürten die Blicke und hörten sie rufen”. Und sie bekennen sich immer noch als Independent-Band, die das Mainstream-Radio kritisch sieht: “Wenn Du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser”. Kettcar kritisieren die deutsche “Mannschaftsaufstellung” und haben wieder mal den Revolver der Mitmenschlichkeit entsichert (letzter Song: “Den Revolver entsichern”). Was also ist das neue Kettcar-Album? Eine Bekenntnis zu vermeintlich blinden Willkommenskultur à la Merkel gegen das völkische Gedankengut der AFD? Ja, nein, aber!

Kettcar sind, was sie immer waren. Eine Band, die sich mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, welche die Menschen bewegen. Fast schon prophetisch wurde bereits in “Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt” vor vielen Jahren beklagt, dass ein neuer Spieler beim FC Barcelona jetzt 800 Millionen koste. Die nunmehr gezahlten Neymar-Millionen sind da nicht weit von weg:

 “Ich vs. Wir” knüpft dort an und liefert neue Themen. Die Frage, die sich Kettcar jedoch auch selber stellten, lautet dabei aber immer noch “Warum eigentlich Indie-Charts, Digger?” und nicht Songs für alle?

Kettcar bleibt insgesamt auch mit “Ich vs. Wir” eine linke und aufklärerische Band. Man weiß dabei, dass man auf der richtigen Seite steht; so richtig mainstreamfähig ist es aber gerade nicht. Willkommen in der “Ankunftshalle” zum Flug nach Jamaika. Kettcar geben einem dabei wie immer Halt.

Kettcar spielen ihr neues Album “Ich vs. Wir” exklusiv und ausschließlich auf vier Konzerten in diesem Jahr. Nächstes Jahr geht es auf große Deutschlandtour. Am 8. Februar auch im Capitol in Hannover. Alle Daten hier: www.kettcar.net

Text: Anis Ben-Rhouma

Pressefoto: Andreas Hornoff

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