Klassische Literatur einmal anders: „Der Schimmelreiter“ als Graphic Novel

Klassische Literatur einmal anders: „Der Schimmelreiter“ als Graphic Novel

Generationen zukünftiger Schüler dürfen aufatmen: Künstlerin und HBK-Professorin Ute Helmbold hat Theodor Storms wohl bekanntestes Werk illustriert und als Graphic Novel in modernem Gewand auferstehen lassen. Die Originalzeichnungen sind ab jetzt in der Tatendrang-Galerie ausgestellt.

„Herr Gott, nimm mich; verschon die anderen!“ – so endet der Hauptteil von Storms Literaturklassiker aus dem Jahre 1888 über die tragische Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien. Seit Jahrzehnten sorgt die düstere Novelle bei Jugendlichen auf dem Weg zum Schulabschluss für lange Gesichter. Kaum jemand, der sich nicht mit Unbehagen an den verzweifelten Gesichtsausdruck des Deutschlehrers erinnert, der versucht, seinen pubertierenden Zuhörern Qualität und Stellenwert des Werkes befreiflich zu machen – meist vergeblich.

Prof. Ute Helmbold (rechts) und Roberta Bergmann von Tatendrang-Design.

Prof. Ute Helmbold (rechts) und Roberta Bergmann von Tatendrang-Design.

Doch eine Person entging diesem Schicksal: Ute Helmbold, Künstlerin und Professorin für Kommunikationsdesign an der HBK Braunschweig. Und abgesehen davon, dass aus ihr trotzdem etwas geworden ist (Hallo, Frau Schmidt!), hat sich das vermeintliche Versäumnis ihrer Lehrer als Glücksfall entpuppt. Denn so konnte sie im Jahr 2012 vollkommen unbefangen an das Werk herangehen und es anschließend unter dem noch frischen Eindruck der bildgewaltigen Sprache Theodor Storms auf einzigartige Weise zeichnerisch interpretieren.

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Original- zeichnung

„Das Buch hat so viele Bilder in mir produziert, dass ich angefangen habe, zu zeichnen“. Bei einer winterlichen Reise an die Schleswig-Holsteinische Nordsee überzeugte sich Ute Helmbold anschließend selbst von der kargen Landschaft und der rauen Witterung, deren Schilderungen Storms Erzählung so eindringlich-düster untermalen. Dabei traf sie zudem einen befreundeten, ortsansässigen Verleger, der sich sogleich von der Idee einer Graphic Novel begeistern ließ. So kam es schließlich zur Realisierung.

Die erfahrene Künstlerin ging hierbei einen besonderen Weg, denn sie wollte nicht bloß erzählerische Höhepunkte abbilden, wie es bei Buchillustrationen allgemein üblich ist, sondern die gesamte Geschichte bildlich darstellen. „Der Begriff ‚Graphic Novel‘ hat mich dazu gebracht, ihn einfach mal wörtlich zu nehmen: Also eine Novelle herzunehmen und parallel eigenständige Bilder gleichberechtigt neben den Text zu stellen.“ Dabei hat Helmbold die wörtliche Rede aus dem Fließtext genommen und als Verbindungselement zwischen Bild und Text platziert. „Dadurch entstehen quasi drei Ebenen, auf denen man das Buch lesen oder betrachten kann.“

041Auf diese Weise bietet sich dem Leser eine ganz besondere Möglichkeit, Storms Spätwerk neu zu erfahren: So ist es möglich, einerseits den Text zu lesen und andererseits die Geschichte anhand der nahezu lückenlosen Illustrationen, die durch die wörtliche Rede zum Leben erwachen, noch greifbarer zu erfahren. Oder eben beides zugleich. „Die Novelle hat dadurch eine komplett neue Struktur erhalten.“

086Und somit eine künstlerische Frischzellenkur, die gerne Schule machen kann, wenn es darum geht, Literaturklassiker zeitgemäß zu präsentieren. Aber auch „Der Schimmelreiter“ an sich hat diese Neuauflage redlich verdient: Denn die Erzählung vom zwiegespaltenen und vom Ehrgeiz zerfressenen Machtmenschen, der meint, über den Dingen zu stehen und alles kontrollieren zu können, aber dadurch letztlich alles mit sich in den Abgrund reisst, hat bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Die Ausstellung „Ute Helmbold – Originalzeichnungen zur Graphic Novel Der Schimmelreiter“ läuft noch bis zum 29. Juni bei Tatendrang-Design, wo das auf nur 200 Exemplare limitierte Werk neben den Originalzeichnungen auch käuflich zu erwerben ist.

Text und Fotos: Stephen Dietl

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