Kolibri_Ghost: Sascha Dettbarn im Interview

Kolibri_Ghost: Sascha Dettbarn im Interview

Bildender Künstler, Kurator, freischaffender Designer, Musiker und – Achtung, Eigenwerbung – Podcaster bei Kulturblog38: Sascha Dettbarn ist ein kreatives Multitalent. Auch innerhalb seiner vielfältigen Professionen schlägt der aus Salzgitter stammende Braunschweiger regelmäßig neue Wege ein. So auch im Musikalischen: Mitte der 2000er mit “The Princess and the Pearl” einen Namen gemacht, steht er seit drei Jahren mit Malte F. Kettler als Folk-Duo Deerwood auf den Bühnen der Region. Da ihn die Muse jedoch häufiger küsst, als das Bandleben eine Umsetzung erlaubt, begibt er sich regelmäßig auf Solo-Pfade: Kolibri_Ghost, so der Titel seines neusten Projekts.

Hallo, Sascha! In aller Kürze: Was ist Kolibri_Ghost?

Mit unserer Folk-Band Deerwood mussten mein Band-Kollege Malte und ich in den vergangenen Jahren gesundheitsbedingt öfter eine Auszeit nehmen. In diesen Phasen sammelten sich beim mir viele musikalische Ideen. Daraus ist Kolibri_Ghost entstanden. Damit lebe ich inzwischen alles aus, was nicht in das Schema von Deerwood passt: Von Progressive Rock und Ambient über Electronica und Break Beats bis hin zu radiotauglichem Pop. Es ist ein musikalisches Soloprojekt zum Erforschen meiner Stimmungen.

Woher stammt der Name Kolibri_Ghost? Und dann auch noch in der ungewöhnlichen Schreibweise?

Ich bin irgendwann damit aufgewacht und habe wirklich keine Ahnung, was er bedeutet. Und Kolibris mag ich wahrscheinlich, weil auch ich klein und hektisch bin. Kolibri – der Espresso in Tierform. (lacht)

Die Songs sind instrumental sehr breit besetzt, deinen Gesang untermalen epische Klangteppiche, es finden sich Einflüsse nahezu aller Stilrichtungen. Wie produzierst du das?

Das mache ich alles im Heimstudio. Ich habe mir als Jugendlicher Gitarre- und Bassspielen beigebracht, später auch Tasteninstrumente, Synthesizer und digitale Musikprogramme. Die Ideen ergeben sich bei mir aus spielerischem Musizieren. Ich experimentiere z.B. mit einem Synthesizer, es ergibt sich ein Beat und dann spiele ich darauf eine Gitarrenspur ein. Manchmal wird ein Song in einer Nacht fertig, mal dauert es Monate. Das ist wie bei der Malerei.

Kolibri_Ghost ist ziemlich melancholisch, besonders im Vergleich zu deiner Folk-Musik mit Deerwood. Ist das die dunkle Seite des Sascha Dettbarn?

Deerwood ist ganz klar auf Konzerte ausgelegt, wir wollen unterhalten. Aber auch meine früheren Musikprojekte wie “The Princess and the Pearl” oder “ecoustic” waren bereits recht düster. Mich zieht es eigentlich schon immer stark in diese Richtung. Irgendwann hatte ich sogar eine Hardcore-Band. Die Melancholie ist natürlich auch an den Entstehungsprozess gekoppelt: Ich sitze allein Zuhause, meist nachts. Da ist man sehr nah bei sich selbst.

Kolibri_GhostWas inspiriert dich, wie entsteht ein Song?

Manchmal in den banalsten Momenten. Meine Freundin und ich wollen beispielsweise einkaufen gehen, ich habe bereits die Jacke an, sie braucht noch eine Weile. Also nehme ich mir noch mal kurz die Gitarre. Meist fällt mir genau in so einem Moment ein Riff oder eine Melodie ein. Dann hole ich schnell das Handy raus und nehme es auf, um es nicht wieder zu vergessen. Manche Ideen ergeben sich aber auch erst bei stundenlangem Musizieren.

Verarbeitest du dabei auch ganz bewusst lebens- oder stimmungsgeschichtliche Erlebnisse?

Ja, und in den Texten steckt in der Regel auch die meiste Arbeit. Früher habe ich hauptsächlich “I fucking hate you”-Texte geschrieben, nach dem Motto: Alle sind böse und keiner versteht mich. (lacht) Doch in den letzten Jahren hatte ich die Erkenntnis, dass man sich nicht immer als Opfer sehen darf, sondern sich auch ständig selbst hinterfragen muss. Kolibri_Ghost ist dabei das Positivste, was ich bis dato geschrieben habe. Es ist übrigens sehr schwer, positiv zu schreiben, ohne kitschig zu sein. Wie man sich solchen Themen nähert, hat letztlich mehr mit Schriftstellerei als mit Musik zu tun.

Hast du musikalische Vorbilder?

Natürlich findet alles, was man mag und konsumiert, Eingang in das eigene Schaffen. Spürbar beeinflusst haben mich Radiohead, Muse, Eels, Arms and Sleepers usw. Aber auch Klassiker wie Leonard Cohen, Nick Cave und The Doors. Die Inspirationen sind aber immer eher abstrakt.

Kolibri_Ghost ist “work in progress”, du hast bereits angekündigt, es mit weiteren Songs zu ergänzen. Ist das jetzt überhaupt schon ein Album?

Im vorletzten Jahr habe ich in einer Bandpause bereits ein Soloalbum unter dem Namen “My glorious Shipwreck” aufgenommen. Später merkte ich jedoch, dass es für mich als Album noch nicht richtig funktioniert – einzelne Songs davon jedoch schon. Also habe ich die besten Songs herausgepickt und mit neuem Material ergänzt. Das Ergebnis steht jetzt auf der Online-Plattform “Bandcamp”. Zwar ist es noch kein abgeschlossenes Album, doch ist es für den Hörer unpraktisch, sich jeden Song einzeln kaufen und herunterladen zu müssen. Also habe ich mich entschlossen, alle bisherigen Songs als Album einzustellen und es mit der Zeit zu ergänzen. Man kann es als Album verstehen, allerdings nicht im Sinne eines abgeschlossenen Konzeptalbums. Es ist einfach alles, was ich unter dem Label Kolibri_Ghost produziere. Und es ist “pay what you want”! Jeder bezahlt so viel, wie ihm das Album wert ist.

Im Song “Sleep” heißt es “hate is only for the unloved /digging holes and hiding symbols in the ground / they only know how to retaliate in neverending circles “. Ist das ein politischer Song?

Letztlich ist alles immer auch politisch. Und natürlich beeinflussen mich aktuelle gesellschaftliche Begebenheiten. Es geht mir aber um die grundlegende die Frage, warum man der Welt mit Hass begegnet. Das ganze Album ist ein Plädoyer für Liebe und Verständnis. Dabei versuche ich, nicht in Kategorien zu denken. Ich schreibe über den Mensch an sich, bevor er sich zu irgendeiner Gruppe zählt, bevor er seinen Stimmzettel abgibt. Mir geht es um die Verantwortung, die man sich selbst gegenüber hat. Darum, sich ständig zu hinterfragen. Das zieht sich durch das ganze Album: Eine Mischung aus existenzialistischen Philosophien, Zen-Kalendersprüchen und Ü-30-Sein. (lacht)

Planst du mit Kolibri_Ghost auch Live-Auftritte?

Es ist in erster Linie ein Studio-Projekt; das bietet mir die meisten kreativen Möglichkeiten. Doch würde es mich auch sehr reizen, einmal allein auf der Bühne zu sein, da ich bisher nur mit Bands im Rampenlicht stand. Allerdings sind viele Songs nicht dafür konzipiert. Da müsste ich also viel mit Laptops und Loop-Maschinen arbeiten. Dafür muss das Projekt aber erst noch reifen.

Und warum nicht mit einer Band? Selbstproduzierende Musiker wie Trent Reznor machen ja vor, wie man elektronische Soloprojekte in eindrucksvolle Live-Konzerte mit voller Besetzung verwandelt.

Das könnte ich mir auch gut vorstellen. Allerdings braucht es dafür erst mal Leute, zwischen denen die Chemie stimmt. Gute Gitarrenspieler gibt es wie Sand am Meer. Aber dass man sich darüber hinaus auch versteht und bereichert, ist viel seltener.

Du bist ja in erster Linie als bildender Künstler aktiv, hast Freie Kunst an der HBK studiert. Warum überhaupt Musik, warum der Spagat zwischen bildender Kunst und Musik?

Ich betrachte das gar nicht als Spagat. Gestaltungswunsch ist die Quelle allen Schaffens. Der Wille, etwas aus dem Nichts in das Sein zu holen, ist universal. Mich reizt es genau so sehr, ein Bild zu malen, wie ein gutes Gespräch im Podcast festzuhalten oder einen Song zu schreiben. Ich war übrigens Musiker bevor ich Maler war. Letztlich ist alles nur eine Form von Ausdruck, die Kanäle dazu sekundär.

Was bedeutet Braunschweig für deinen Schaffensprozess?

Das Umfeld hat natürlich einen Einfluss auf das Leben und somit auch auf den Schaffensprozess. Aber einen direkten Regionalbezug sehe ich bei meiner Kunst nicht. Ich bin bei meinen Schaffensprozessen meist für mich allein und unabhängig.

Wie beurteilst du die kulturelle Situation in Braunschweig? Oft heißt es, es gebe nicht genug Ausstellungsfläche für Künstler und Auftrittsmöglichkeiten für Musiker.

Da ist erst mal die Frage, was man unter “genug” versteht, und ob es überhaupt jemals genug sein kann. Braunschweig ist halt immer ein bisschen zu klein, um „in“ zu sein. Aber das kann man auch als Chance betrachten. Man lernt schnell, wer wo sitzt und wie man etwas machen kann. Es ist definitiv nicht der Nabel der Welt, aber es geschieht dennoch viel; man kann hier noch etwas beeinflussen. Darüber hinaus ist es immer einfach, sich zu beschweren und die Schuld für das eigene Scheitern woanders zu suchen. Wenn man bloß darauf wartet, dass irgendjemand etwas für einen macht, beginnt man selbst nicht damit. Ich weiß ja auch nicht, ob jemand meine Songs kauft. Für mich ist nur wichtig, dass ich sie mache und in die Welt entlasse. Man hat kein Anrecht auf die Wirkung seiner Handlungen, sondern nur auf seine Handlungen. Aber das hat man, und das macht einen zum Künstler.

Was haben wir in nächster Zeit von Sascha Dettbarn zu erwarten?

Von Deerwood erscheint bald das dritte Album. Für Kolibri_Ghost sind bereits neue Songs in der Pipeline. Und ich bin natürlich weiterhin am Malen. Auch muss ich irgendwann mal ein Buch schreiben. (lacht) Ansonsten Meditieren, Sport und gute Dinge. Und sich dabei selbst nicht zu ernst nehmen!

Sascha, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Stephen Dietl

Titelbild: Christin von Behrbalk

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