Zu Fuß den Künstlern auf der Spur: „Kunst – hier und jetzt“

Zu Fuß den Künstlern auf der Spur: „Kunst – hier und jetzt“

Zum sechsten Mal fand an diesem Wochenende das Kunstfest der offenen Ateliers in Braunschweig und der Region „Kunst… hier und jetzt“ statt. Mehr als 80 Künstlerinnen und Künstler gewährten in ihren eigenen Ateliers oder an temporären Orten Einblick in ihr künstlerisches Schaffen. Sechzehn unterschiedliche Touren steuerten fachkundig geführt zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Bus die verschiedenen Stationen an. Wir entschieden uns für Tour „A“ unter Führung von Bianca Strauß – das spannende Kulturevent von Konsumverein und Braunschweigischer Stiftung hat uns nicht enttäuscht!

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Los ging es mit Iris R. Selke, die in der Galerie einRaum5-7 im Handelsweg u.a. drei Werke aus ihrer aktuellen Serie „Krieg in Braunschweig“ (2015) präsentierte. Die erste Fotomontage zeigt Bundeswehrsoldaten in Angriffsstellung auf dem Domplatz. Im Zentrum des Platzes steht nicht der Braunschweiger Löwe, sondern ein Lamassu von Nimrud. Zahlreiche antike Statuen der Fabelfigur aus dem Zweistromland sind im Irak zuletzt Opfer der Zerstörungswut des IS geworden. Daneben: ukrainische Panzer vor dem Gewandhaus und eine Predator-Drohne über dem Deutschen Haus. „Was wäre wenn?“ – die 1966 geborene Künstlerin entwirft ein überraschend unblutiges und dennoch explizites Szenario, unheilvoll und beklemmend und in dieser Form ein interessanter Beitrag zum jungen Phänomen der „eingefrorenen Konflikte“, siehe Ukraine oder Kaukasus. Natürlich auch mit dabei im einRaum: Selkes Selbstporträts, mal nach Vorbild der alten Meister, mal kritisch-zeitgenössisch: „Ich will keine Revolution starten, aber ich will an der Obrigkeit kratzen“, so Selke.

Weiter ging es in der Galerie Tatendrang, der Ateliergemeinschaft in der Breiten Straße. Roberta Bergmann, Illustratorin und Mitglied des Braunschweiger Tatendrang-Trios gewährt einen Blick hinter den Galerie-Vorhang und auf die gemeinsame Arbeitsstätte. In der Galerie gibt es die charakteristischen Collagen von Bergmann zu sehen sowie großformatige Gemälde. Letztere nehmen Bezug zu Songs und Songtexten, eines der vielen aktuellen Projekte der umtriebigen Künstlerin. Auch neu: Puppen, die Bergmann „frankensteinmäßig“ zerlegt und neu zusammenfügt. Außerdem wird Bergmann im kommenden Jahr – parallel zum zehnjährigen Tatendrang-Jubiläum – das Sachbuch „Grundlagen des Gestaltens“ fertigstellen.

Um die Ecke in der Scharrnstraße sind gleich zwei Künstler ansässig, die beim diesjährigen Kunstfest ihre Ateliers der Öffentlichkeit zugänglich machten. Als erstes öffnete Fotograf Uwe Brodmann die Tür zu seinem Studio. Zurzeit beschäftigt sich Brodmann mit einer Serie zum Thema Krieg und Kriegsgedenken. Berauschende Landschaftsstudien aus den Dolomiten zeigen ein vermeintliches Naturidyll – historisch ein hochalpines Schlachtfeld zwischen italienischen und österreichischen Stellungen im Ersten Weltkrieg. Ein weiteres Motiv Brodmanns: Soldatenfriedhöfe, Mahnmale und Denkmäler. Nach wie vor aktuell: Brodmanns Projekt „Migration – Integration“. Es wird im kommenden Jahr mit zwei Ausstellungen, verbunden mit einer Tanzperformance unter Leitung von Brodmanns Ehefrau Gerda Brodmann-Raudonikis, weitergeführt. Beeindruckend: die mächtige Profi-Studioleuchte an der Decke. „Alles analog“, wie Brodmann bei der Vorführung des Starkstrom-Ungetüms unterstrich. Hier hat ein echtes Stück Industriekultur nicht wie sonst den Weg in Brodmanns Sucher, sondern in sein Zuhause gefunden.

Ein paar hundert Meter weiter ging es zum Abschluss über einen Hinterhof in das Atelier von Hans-Georg Assmann. Der erfolgreiche Braunschweiger Maler wird seinem Ruf als Individualist gerecht – und als künstlerisches Ausnahmetalent. Seine aktuellen Werke gehen auf ein ausführliches Akt-Studium in den 1970er Jahren zurück, es hat Assmann ein Gefühl für die Gestaltung des Raumes gegeben. Hinzu kommen ein außerordentliches Gefühl für Farbe und Material. Seine Werke vermitteln eine unmittelbare, intuitive Gestaltungskraft und sind doch akribisch vorbereitet und konsequent durchkomponiert. Assmanns Malerei überzeugt bereits auf den ersten Blick – die Vielschichtigkeit und Tiefe seiner Werke, ihr oftmals monatelanger Entstehungsprozess, werden aber erst bei eingehender Betrachtung sichtbar. So fordert das Werk den Betrachter… der Künstler auch: „Wenn ich längere Zeit an einem Werk sitze, dann lohnt es sich auch, das Werk länger anzuschauen“, stellt Assmann klar. Niemand mag widersprechen – niemand kann widersprechen.

Text: Jan Engelken
Fotos: Stephen Dietl

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