Mitgefühl statt Tabus – Podiumsdiskussion zum Thema Sterbehilfe im Haus der Wissenschaft

Mitgefühl statt Tabus – Podiumsdiskussion zum Thema Sterbehilfe im Haus der Wissenschaft

„Der letzte Feind, der zerstört werden muss, ist der Tod“, so steht es im Roman „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling geschrieben.

Wird der Tod in den Medien thematisiert, werden meist Begriffe wie Angst, Trauer, Furcht, Verlust und Schmerz damit assoziiert. Dass der Tod eine conditio humana, eine natürliche Bedingung des Menschseins darstellt, wird meist außer Acht gelassen. Umso befremdlicher wirkt es, dass wir gerade dieser Natürlichkeit des Todes mit einer verklemmten Künstlichkeit begegnen, die ihresgleichen sucht.

Eine Frage, die sich dabei auch stellt, lautet: Wie viel Raum darf das Denken an einen Zustand, den wir nie bewusst erleben werden, überhaupt einnehmen? Scheinbar genug, betrachtet man Lebensversicherungen, Testamente und Patientenverfügungen. Das Geschäft mit dem Tod boomt, insbesondere wenn man sich die Werbungen einiger Bestattungsinstitute à la „Beerdigung für nur 999,99 €“ ansieht.

Publikum

Reges Interesse an einem schwierigen Thema

In der Hoffnung, über den Schatten meiner anerzogenen Moral zu springen und den Tod nicht mehr tabuisieren zu müssen, sondern diesem Zustand so sachlich wie möglich begegnen zu können, verschlug es mich sowie mehr als 70 weitere Gäste am 27. März um 19 Uhr in das Haus der Wissenschaft in Braunschweig. Dort wurde über das Thema „Assistierter Suizid, Sterbehilfe und Sterbebegleitung“ referiert. Die Veranstaltung der Hospizarbeit Braunschweig e.V. sollte dazu dienen, die rechtlichen, ethischen, medizinischen und gesetzgeberischen Aspekte dieses Themas zu beleuchten.

Moderator

Moderator Kreuzberg

Bei den vier Referenten handelte es sich um Dr. Heinrich Kintzi (Generalstaatsanwalt), Dr. Carola Reimann (Bundestagesabgeordnete, SPD), Dr. Rainer Prönneke (Palliativarzt im Marienstift) und Pater Johannes Witte (Dominikaner und Krankenhausseelsorger). Moderiert hat die Veranstaltung Ulrich Kreuzberg, der im Hospiz an der Broizemer Straße für die ambulante Hospizarbeit zuständig ist. Im Laufe der Veranstaltung wurden vom Moderator und später vom Publikum Fragen an die Referenten gestellt, welche diese versuchten, bestmöglich zu beantworten.

Die erste Frage, was die Betroffenen – wo wir wieder bei der negativen Konotierung dieser Begriffe wären – unter Sterbehilfe verstehen, richtete sich an Prof. Dr. Prönneke. Dessen Antwort fiel recht eindeutig aus. Er unterteilte die Vorstellung über Sterbehilfe in zwei Kategorien: Die Hilfe beim Prozess des Sterbens und die Hilfe zum Sterben als Tötungshilfe. Weiter, so Prönneke, sei es Aufgabe eines Arztes, den Sterbenden Linderung zuzusichern und für den Kranken da zu sein. Aktive Sterbehilfe sei jedoch nur in Holland, Belgien und der Schweiz zulässig.

Pater

Dominikanerpater und Seelsorger Johannes Witte

Als nächstes äußerte sich Pater Johannes und ging insbesondere auf einen Situationswechsel ein, der einträte, wenn Patienten und deren Angehörige plötzlich mit dem Tod konfrontiert werden. Meist, so der Pater, sind es plötzliche Situationen, die beide Seiten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führen. Am wichtigsten sei es, sich ein gemeinsames Bild des Menschen zu machen und dem Willen des Patienten nachzukommen, auch wenn dieser darin bestehe, das Therapieziel zu ändern. Damit meinte Pater Johannes den Wechsel von einer kurativen zu einer palliativen Therapie. Dies bedinge auch der Respekt dem Kranken gegenüber, dessen Wunsch zu akzeptieren und diesen nicht bis zum Ultimo zu behandeln. Die größte Angst der Patienten vor dem Tod bestehe nämlich darin, dass dieser sich endlos hinziehen und unerträglich schmerzhaft gestalten könne.

Kintzi

Generalstaatsanwalt Kintzi

Anschließend erhob sich der Generalstaatsanwalt Dr. Heinrich Kintzi augenzwinkernd mit den Worten „Ein Staatsanwalt spricht immer im Stehen“. Trotz oder gerade wegen seines Auftretens der Sympathieträger des Abends. Dann entschuldigte er sich für die Neutralität, mit der er über dieses Thema referieren müsse, allerdings sei er ja als Anwalt eingeladen worden. Er widmete sich vor allem den rechtlichen Fragen. Zunächst ging er darauf ein, was man unter indirekter Sterbehilfe verstehe. Diese umfasse medizinische Maßnahmen, die zulässig seien, um Schmerzen zu lindern; z.B. die Gabe von Opiaten, auch wenn sich diese Maßnahmen als lebensverkürzend erweisen sollten. Demnach steht also die Leidensminderung im Mittelpunkt der Therapiefindung.

Unter der aktiven Sterbehilfe versteht man laut Kintzi die Tötung auf Verlangen, wie z.B. die gezielte Gabe von tödlichen Mitteln. Diese sei jedoch strafbar und daher medizinisch in Deutschland untersagt. Er stuft diese Thematik als besonders heikel ein, da gerade der geschichtliche Hintergrund der Euthanasie in Bezug auf den Nationalsozialismus nicht zu vernachlässigen sei. An erster Stelle in Deutschland stehe der Lebensschutz der Patienten.

Reimann

Carola Reimann, MdB

Anschließend wandte sich Dr. Carola Reimann von der SPD an das Publikum. Sie verdeutlichte, dass sie sich für fraktionsoffene Abende und offene Debatten bezüglich der Thematik der Sterbehilfe einsetze. Je länger man ihr zuhörte, desto mehr stellte man fest, dass von der Frau, die vor der Bundestagswahl noch an sämtlichen Bäumen hing, bei mir nicht mehr hängen blieb, als die Forderung nach offenen Debatten. Es blieb bei mir eine Ernüchterung zurück; zugegeben, ich hatte mir mehr versprochen.

Die nächste Frage richtete sich wieder an den stets mit wachen Augen dreinblickenden Dr. Kintzi. Der Generalstaatsanwalt wurde gefragt, welche rechtlichen Konsequenzen ein Suizid hätte. Kintzi stellte klar, dass ein Suizid in Deutschland, egal ob dieser „erfolgreich“ beendet wurde oder nicht, straffrei sei, solange der Suizident die Tatherrschaft habe. Übernähmen jedoch Freunde oder Helfer die Tatherrschaft, so machten diese sich strafbar.

Proenneke

Palliativarzt Prönneke

Einen weiteren interessanten Aspekt warf Dr. Prönneke ein. Die schweizerische Institution „Dignitas“ würde damit werben, ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Allerdings sei es in jüngster Vergangenheit dazu gekommen, dass der Institution Räume gekündigt wurden, woraufhin diese die Patienten das tödliche Mittel auf dem Parkplatz der Institution einnehmen ließ. Eine wie ich finde schockierende Maßnahme. Dr. Prönneke ergänzte, dass er es verurteile, den Tod als ein Geschäft zur Gewinnmaximierung zu nutzen.

Neben der Organisation „Dignitas“ gäbe es in der Schweiz noch eine Institution namens „Exit“, welche von ehrenamtlichen Mitarbeiten betrieben würde. Weiter stellte Dr. Prönneke die Frage in den Raum, was die Ärzte und Angehörigen tun könnten, um solche Reisen ins Ausland zu verhindern. Er glaube, dass die Aussicht auf ein sanftes Sterben durch Einschlafen viele Patienten zu solch einer Fahrt verleite. An die Angehörigen appellierte er, den kranken Patienten zu signalisieren, dass sie bereit seien, sie auszuhalten und sie auf diesem Weg zu begleiten, da ein Hauptargument der Kranken wohl darin bestehe, dass sie sich ihren Angehörigen nicht zumuten wollen. Schließlich sei auch der Prozess des Sterbens ein Abschließen mit dem Leben. Im Folgenden betonte Carola Reimann wieder, wie sehr sie sich doch für Gruppenanträge und fraktionsoffene Debatten einsetze. Ich habe ein déjà vu. Sie auch?

Anschließend kam ein Beitrag von Pater Johannes, der mir nach diesem Abend im Kopf hängen blieb. Er plädierte dafür, den Wunsch des Sterbenden zu verstehen und empfände es als sehr wichtig, Äußerungen des Patienten wie „Eigentlich möchte ich sterben“ nachzuvollziehen. Denn diese seien ein ganz wichtiger Schritt aus der Sprachlosigkeit des Leidens. Oft sei der Wunsch nach dem Tod ein Signal, hinter dem sich nicht nur ein scheinbarer Ausweg, sondern auch eine Palette von anderen Nöten verberge. Einige dieser Nöte seien die Angst, die Kontrolle zu verlieren, die Angst Angehörigen zur Last zu fallen und die Angst als Bedürftiger nicht gut genug versorgt zu werden. Pater Johannes erzählte, dass der Wunsch von Patienten nach dem Tod meist kein konstanter sei, sondern Schwankungen unterliefe. Aufgrund dieser Meinungsschwankungen warf er auch das Stichwort „Altersdepression“ in den Raum. Es sei bekannt, dass die Suizidalität besonders bei Teenagern und älteren Menschen sehr hoch ist. Gerade unter Berücksichtigung dieser Erkenntnis sei es wichtig, sich mit den Patienten genau zu beschäftigen, auch wenn dies leider nicht immer möglich ist, um den Ursprung des Wunsches nach dem Tod genauestens zu ergründen und zu verstehen.

Mein persönliches Fazit des Abends ist, dass mich besonders die Ansichten von Pater Johannes nachdenklich gestimmt haben. Es macht mich betroffen, dass nicht alle im Sterben liegenden Patienten die Möglichkeit haben, sich mit Angehörigen über das Thema auszutauschen, weil viele Angehörige aufgrund einer tiefen Unsicherheit heraus das Thema tabuisieren oder nicht genug auf die Wünsche des Familienmitgliedes eingehen. Verständnis und Offenheit sollten unsere moralischen Fesseln sprengen, denn wären wir in einer solch schwierigen Situation, so wären wir wohl auch über jedes noch so kleine Stück Normalität im Umgang mit der Natürlichkeit unseres Todes dankbar. Es ist wichtig, unsere eigenen Bedürfnisse und Verlustängste zugunsten des Wunsches unseres sterbenden Verwandten oder Freundes aufzugeben, und diesem auf seinem letzten Weg die Unterstützung zuzusichern, die jeder von uns verdient.

So wichtig eine Auseinandersetzung mit einem solch schwierigen Thema auch sein mag, so wichtig ist es auch, dass wir nicht vor lauter Gedanken an den Tod vergessen, zu leben. Denn sicher ist auch, dass wir dem Tod nie begegnen. Solange wir leben, ist er nicht da. Und wenn wir gestorben sind, war er bereits da. Demnach ist der Tod nicht unser Feind, den es zu zerstören gilt, sondern ein natürlicher Teil des Lebens, eine conditio humana, die es zu akzeptieren gilt. Denn nur dort wo Tod ist, beginnt auch neues Leben.

(Jasmin Rychlik)

Fotos: Peter M. Glantz

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