„Nachts sind alle Katzen grau“ – keine Chance für Schwarzweiß

Kunst ist frei, unabhängig, braucht keinen Zweck; Design erfüllt eine Funktion, ist Gebrauchsgegenstand, ist kommerziell: so lauten die Klischees, die aus Kunst und Design zwei Gegensätze machen – Gegensätze, die im Elfenbeinturm akademischer Theorien bisweilen zu unversöhnlichen Doktrinen zementiert werden.

Aber dieser Elfenbeinturm, häufig genutzt sowohl für fachliche als auch persönliche Stellungskriege, ist nur die eine Seite der akademischen Medaille. Die andere Seite ist die studentische Praxis, die auch an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste HBK tagtäglich vermeintliche Fach- und Genregrenzen einreißt – Grenzen, die im Lehralltag einer interdisziplinären Kunsthochschule mit gemeinsamen Seminaren und einer geteilten Lebenswelt für die Studierenden so gut wie nicht existent sind. Wer könnte das Feld zwischen den Disziplinen Kunst und Design besser beschreiben als sie?

007

Marie Dann – „Zitate & Poesie zu Henrietta Labeau: Das Ende der Scham“

Es ist also kein Zufall, dass die aktuelle Ausstellung „Nachts sind alle Katzen grau“ auf das Engagement einer studentischen Gruppe zurückgeht, die damit ein konstruktives und wichtiges Statement zum Verhältnis beider Disziplinen in der Galerie der HBK präsentiert. Kein Zufall zwar, aber in diesem Rahmen dennoch etwas ganz Besonderes, denn das Studierendenprojekt ging siegreich aus einem hochschulinternen Wettbewerb hervor. Ein Zeichen dafür, dass mittlerweile auch die Hochschule unter Interdisziplinarität nicht nur fachliche Koexistenz, sondern echte Zusammenarbeit versteht und auch honoriert. Dass die Galerie der HBK vermutlich erstmals explizit und öffentlich für ein hochschulinternes Gemeinschaftsprojekt von Designern, freien Künstlern und Kunstwissenschaftlern als Ausstellungfläche genutzt wird, unterstreicht diesen Eindruck.

Wer sich von dieser Ausstellung allerdings die eine ultimative Antwort über die Grenzen der Disziplinen Kunst und Design erhofft, wird natürlich enttäuscht – er kann sich damit wieder der Quadratur des Kreises oder ähnlichen Projekten widmen. Aber die Aussteller geben doch klare Hinweise: „In der Nacht sind alle Katzen grau“… und konsequenter Weise werden die Studiengänge der 14 beteiligten Studierenden bewusst nicht genannt: „Jeder Betrachter muss das Verhältnis von Design und Kunst am jeweiligen Exponat für sich selbst bestimmen“, meint Timo Hoheisel, Student der Freien Kunst und mit mehreren Objekten an der Ausstellung beteiligt, die sich konzeptionell mit dem Thema Nachrichten und Medienwelt auseinandersetzen.

Timo Hoheisel - "Tagesschau"

Timo Hoheisel – „Tagesschau“

011

Ina Hengstler – „“Fundstücke“

Design- und Kunststudentin Ina Hengstler stellt die Fotoserie „Fundstücke“ aus, die sich mit dem Doppelakt des Sammelns und Archivierens beschäftigt: das Sammeln eines Objekts sowie die zusätzliche Archivierung in einem Bild und die damit einhergehende Überführung in eine zweidimensionale Fläche. In der Eröffnungsrede erläutert Hengstler die Intention des Projekts: „Unser Vorhaben ist ein experimenteller Prozess, der damit auch noch nicht abgeschlossen ist, sondern euch die Möglichkeit gibt, euch Gedanken zu machen: wann ist Kunst Design, wann ist Design Kunst? Bedarf es dieser Frage überhaupt? Müssen wir darüber nachdenken, wie können wir darüber nachdenken? Da drinnen werdet ihr nicht die Antwort finden, sondern die Möglichkeit, genau darüber nachzudenken, vielleicht darüber ins Gespräch zu kommen.“

Yashar Mazidi - "Aquarium"

Yashar Mazidi – „Aquarium“

So wird aus der Not theoretischer Definition und analytischer Unterscheidung die Tugend des praktischen Handelns, des Generierens von Ideen, der Assoziation – sowohl bei der Konzeption der Ausstellung und der Exponate als auch beim Betrachten der Werke durch die zahlreichen Besucher der Vernissage. „Es ist tatsächlich ein Prozess. Am Anfang hatten wir eine andere Position, als wir sie jetzt haben. Das ist eben auch das Interessante, es ist alles im Fluss“, meint Kunstwissenschaftlerin Jaqueline Krone. Krone präsentiert eine Fotografie, „ein Spiel aus Glas, Licht, Farbe und Malerfilz“, die das Thema Farbtheorie reflektiert. Dieses Thema wurde als gemeinsamer Ausgangs- und Kristallisationspunkt für den gestalterischen Prozess der Projektgruppe beschlossen. Denn das Randgebiet zwischen den Disziplinen Kunst und Design ist zwar gestalterisch lebendig, bunt und vielfältig, aber konzeptionell betrachtet eben auch Niemandsland, eine schwer zu fassende Grauzone eben – wo also ansetzen? Einfach beim Thema Farbtheorie, meint Krone: „Man geht von einem Punkt aus, damit man Halt findet und dann sprudeln die Ideen.“

Jens Isensee - "Objektiv"

Jens Isensee – „Objektiv“

027

Melis Sivasli – „560-480 nm Wäsche“

So ging es auch Designerin Melis Sivasli, die sich ausgehend von der Farbtheorie mit dem Thema Greenwashing auseinandergesetzt hat, einer PR-Strategie, die Unternehmen v.a. mit gestalterischen Mitteln einen umweltbewussten und verantwortungsvollen Anstrich gibt. „Ich habe das Thema ein bisschen ausgereizt und geschaut, ob sich Politik vielleicht auch grünwaschen lässt.“ Dazu hat sie verschiedene Grüntöne zusammengestellt, die mittels Diaprojektor auf das Bild eines türkischen Spitzenpolitikers projiziert werden. Sivaslis Fazit zu dem gemeinsamen Ausstellungprojekt: „Interdisziplinarität funktioniert eigentlich am besten, wenn sie von der Studentenschaft organisiert ist. Es gab in diesem Projekt keine Barrieren im Kopf, es war einfach ein ganz offenes Plenum, in dem alle Arbeiten gegenseitig respektiert wurden.“

Auch Ina Hengstler ist begeistert: „Das Tolle an diesem Projekt an der Grenze zwischen freier Kunst, Design und Kunstwissenschaft ist eigentlich die Tatsache, dass die Fachzugehörigkeit überhaupt keine Rolle gespielt hat.“

Jaqueline Krone, Ina Hengstler und Timo Hoheisel (v.l.n.r.)

Jaqueline Krone, Ina Hengstler und Timo Hoheisel (v.l.n.r.)

Ein Niemandsland und unwirtliches Grenzgebiet? – Nicht an der HBK, wo die Studierenden eine kreative Spielwiese kultivieren, in der jeder seine gestalterische Heimat finden kann. Eine Grauzone? – Vielleicht im akademischen Elfenbeinturm, aber nicht im Studienalltag an der HBK und erst recht nicht in dieser Ausstellung: „Nachts sind alle Katzen grau“ malt nicht schwarzweiß, sondern zieht mit besonderem Sinn für interdisziplinäre Nuancen und Zwischentöne alle Register der gestalterischen Farbpalette.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

„Nacht sind alle Katzen grau“
Bis zum 21.01.2015 in der Galerie der HBK
Johannes-Selenka-Platz 1
Öffnungszeiten: Mo-So: 13-18h, Mi: 13-20h

Ein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar