„Neu ist für uns schon Tradition“ – Die Frischzellenkur des BBK geht weiter

Im Torhaus des BBK Braunschweig in der Humboldtstraße 34 sowie im gegenüberliegenden Torhaus am Botanischen Garten präsentieren sich unter dem Titel „Neu im BBK“ bis zum 9. November neun Nachwuchskünstler aus den Reihen des Vereins der Öffentlichkeit.

„Neu im BBK ist schon eine Ausstellungstradition bei uns“, so BBK-Vorstand Michael Ewen in seinem Grußwort an das zahlreich erschienene Publikum der Vernissage am Abend des 9. Oktober. In Abständen von ca. zwei Jahren bietet der BBK seinen neuen Mitgliedern die Möglichkeit, ihre Werke vor Ort auszustellen. Noch – denn beim gegenwärtigen Zulauf neuer Künstler wird man den Turnus wohl verkürzen müssen. Eine Verjüngung des Vereins durch gezieltes Netzwerken mit Studierenden der Hochschule für Bildende Künste, mit anderen Kunsteinrichtungen sowie mit der Stadt Braunschweig hat die Attraktivität des BBK für Nachwuchskünstler in letzter Zeit deutlich erhöht.

007Das hat dazu geführt, dass in diesem Jahr nicht nur im BBK-Torhaus, sondern auch im gegenüber liegenden Torhaus der Freunde des Botanischen Gartens e.V. ausgestellt wird – weil sonst der Platz für neun Künstler gefehlt hätte. Dabei sind noch nicht einmal alle neuen Mitglieder des BBK vertreten; aber bereits Anfang letzten Jahres musste BBK-Geschäftsführerin Julia Taut quasi die Notbremse ziehen: „Angesichts der vielen neuen Künstler habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss! Wir müssen es zu dieser Ausstellung bei den neun Künstlern belassen.“ Aber weder Künstler noch Kunstfreunde brauchen Angst zu haben, denn die zwischenzeitlich aufgenommenen Neumitglieder werden sich spätestens 2015 präsentieren können. Und der Vereinszuwachs ist nicht die einzige gute Nachricht, die Julia Taut in ihrer Einführungsrede verkünden darf: Seit kurzem hat auch das BBK-Torhaus einen „Tat-O-Mat“, den Kunstautomaten der Braunschweiger Galerie Tatendrang. Vor der Tür kann man sich aus dem umfunktionierten Zigarettenautomaten für 5€ ein Kunstoriginal im Kleinformat ziehen – für alle, denen Format oder Preis der Werke drinnen zu groß ist, die ein kleines Weihnachtsgeschenk suchen oder halt einfach so. Aber bevor es langsam in die Adventszeit geht, steht im Torhaus noch ein weiteres Highlight an: Bereits am 6. November wird das Projekt „Einblicke“ vorgestellt. Der Bildband portraitiert 82 Künstlerinnen und Künstler, in Szene gesetzt von Andreas Greiner-Napp („Erinnerungslandschaften“), der auch heute als Gast dabei ist.

084Andreas ist vermutlich glücklich über seinen schmalen Sitzplatz am Fenster, denn das BBK-Torhaus ist prall gefüllt – sowohl mit Gästen als auch mit Kunst. Deshalb werden im „Bürozimmer“ nicht nur die Gäste empfangen und Getränke ausgeschenkt, sondern es fungiert zugleich auch als Ausstellungsraum. Hier stellt der Musiker, Podcaster und Maler Sascha Dettbarn seine jüngsten Werke vor. Fünfmal „ohne Titel“, verrät uns ein Blick in den Ausstellungskatalog – und Julia Taut verrät uns, dass Dettbarn dem Betrachter so „die Perspektive auf seine Werke offen halten“ möchte, wir frei assoziieren sollen, „ohne dass unsere Wahrnehmungen durch einen Titel vorgeprägt oder gebunden sind.“ Mir fällt als erstes auf, dass Saschas Bilder größer geworden sind – und nicht nur das: „Ich konnte in diesem Jahr das Sommeratelier hier im Torhaus nutzen, wo ich viel mehr Platz hatte als sonst, deshalb sind die Bilder tatsächlich auch größer geworden“, erläutert Sascha. „Ich konnte mich hier richtig ausgetoben“. Dabei hat er nicht nur den Platz, sondern auch andere Materialien und Werkzeuge für sich genutzt: Von Ölfarbe und Bronze über Gips und Moltofill bis hin zum Unkrautbrenner.

080bEtwas ganz anderes erwartet den Besucher im angrenzenden „Gartenzimmer“. Julia Taut nennt es „prozessorientiertes Zeichnen“ und „Zeichnen um des Zeichnens Willen“. Eine gute Beschreibung für die Kunst von Ina Falkenstern, eine Kunst der Serie und der Wiederholung. Man muss in der Tat ganz nah an die 31 gerahmten Millimeterpapierseiten herantreten, um sich zu vergewissern, dass die jeweils 1344 Kreuzchen tatsächlich von Hand mit dem Fineliner aufgetragen wurden. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – kann auch fehlerlose Handarbeit an der Grenze zur Perfektion sein. Aber es ist eben auch nicht nur das Ergebnis, in dem sich die künstlerische Gestaltungsabsicht – das Menschliche – hier wiederspiegelt, es ist auch der Schaffensprozess, die Handlung selbst. Wer bei diesen Arbeitsabläufen an so etwas wie Meditation denkt, liegt bei Ina allerdings falsch: „Die Arbeit ist insofern meditativ, als dass es sehr viel Disziplin ist, sehr viel Konzentration und wahnsinnig viel Regelmäßigkeit. Aber es ist auf jeden Fall keine Entspannung. Es gibt zwar auch Momente während der Arbeit, in denen es zu einer Art Trancezustand durch die automatisierte Handlung kommt. Aber es geht auch darum, sich innerlich zu disziplinieren und durchzuhalten. Das ist mir besonders wichtig und diese Herausforderung suche ich bei meinen Arbeiten immer wieder.“

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019Weiter geht es im „Fensterlosen Raum“ mit Tobias Vergin. Ein fensterloser Raum – ein undankbarer Ausstellungsplatz? Ganz sicher nicht für die Bilder von Vergin, denn seine zumeist farbenfrohen und kontrastreichen Arbeiten erhellen den Ort auch so. Seine Technik beschreibt er als „wilde Mischung“ aus Malerei und Siebdruck. Ich kann mich, auch in Anbetracht anderer Arbeiten Vergins, nicht des Eindrucks erwehren, dass hier ein Künstler am Werk ist, der auch in seinen dunkleren Werken stets einen Moment der Komik transportiert – aber gut verpackt und ohne banal zu sein. Dessen ungeachtet kann man auch einfach in Vergins „Farbwelten schwelgen“, wie Julia Taut meint – ganz hervorragend sogar.

072Jetzt betreten wir über die schmale Holztreppe das Obergeschoss des BBK-Torhauses, wo sich u.a. Esra Oezen präsentiert. Hier wird es auf subtile Art und Weise multimedial, denn Oezen präsentiert neben Radierungen und einem Künstlerbuch auch einen Film. Dabei erweitert Oezen das Medienspektrum nicht nur in technischer Hinsicht: Sie spricht auch die Wahrnehmung des Betrachters auf vielerlei Weise an. Ihr Künstlerbuch aufzuschlagen ist nicht nur ein optisches, sondern auch ein haptisches und akustisches Erlebnis. Wer nicht zuhört und anfasst, nicht auf die fein kombinierte Materialität achtet, dem entgeht das außerordentlich Filigrane und damit auch ein Teil der grafischen Qualität dieser Arbeit.

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042Im „Obergeschoss Raum 2“ finden sich Werke von Madeleine Gorges, die wir bereits auf der BBK-Jahresausstellung 2014 getroffen haben. Ihr Thema ist die Einzigartigkeit des Ortes und die Spuren, die Natur und Mensch an diesen Orten hinterlassen. Zu diesem Zweck legt sie beispielsweise Radierungen mit Ortsmotiven an eben jenen Orten aus. Durch Betreten und Witterung werden die Zinkplatten zu Spurensammlern. Und dadurch, dass ein zunächst visuelles Medium mit plastischer Materialität angereichert wird, entsteht ein höchst authentisches, unverwechselbares Artefakt.

129Nun steht ein Gang durch die milde Oktobernacht an, denn wir wechseln vom Torhaus des BBK zum Torhaus der Freunde des Botanischen Gartens, um uns die übrigen vier BBK-Neulinge anzuschauen. Im Flur des Torhauses sind die Arbeiten von Iris R. Selke ausgestellt. Die auch als Performancekünstlerin bekannte Braunschweigerin stellt v.a. Fotodrucke vor, in denen sie sich selbst in Anlehnung an die Werke alter Meister inszeniert. Wie von Julia Taut angekündigt, erkennt man tatsächlich sofort Caravaggio, man erkennt sofort Spitzweg. Die künstlerische Seriosität dieser Arbeiten wird dabei paradoxerweise maßgeblich über Iris R. Selkes Witz und ausgesprochene (Selbst-)Ironie erzielt, die sie in ihre Werke einfließen lässt.

089bDer „1. Raum links“ beherbergt eine große Auswahl an Arbeiten von Heike Czerwonka-Dörges, die im Raum Gifhorn lebt und gestaltet. Sie arbeitet mit Folien, die sie teilweise beidseitig bemalt und bearbeitet. Die auf der Rückseite glänzenden und auf der Vorderseite satinierten, nahezu durchsichtigen Folien führen im Zusammenspiel mit der Bemalung in meist hellen und warmen Farben zu einer „geradezu transparenten Luzidität“ (Julia Taut). Durch die Bearbeitung der Folie mit Pinsel, Lappen oder Fingern löst Heike Czerwonka-Dörges zudem die satinierte Struktur der Folie an verschiedenen Stellen auf und erzielt eine zusätzliche, durchscheinende Wirkung mit ihrer – bisher – meist nicht-gegenständlichen Kunst. „Ich habe lange Zeit vermieden, nach Themen zu arbeiten und bin eigentlich erst durch den BBK an Themen herangeführt worden. Dieser Blick nach außen hat mir wertvolle Anhaltspunkte für mein eigenes künstlerisches Schaffen geliefert“, sagt Czerwonka-Dörges.

107Im „Hinteren Raum“ gibt uns Christin von Behrbalk einen Einblick in ihr vielfältiges künstlerisches Betätigungsfeld. Ins Auge sticht dabei die Serie „stitched“, durch Stickereien verfremdete, alte Porträtfotografien. Apropos Auge: Christin schreckt auch nicht davor zurück, die Augen eines der unbekannten porträtierten Frauengesichter mit Garn zu versehen oder brutal formuliert: auszustechen. Aber das hier ist überlegtes kreatives Handeln und kein Gewaltritual: „Viele finden meine Arbeiten morbide und gruselig. Ich habe aber ein liebevolles Verhältnis dazu, ich lebe keine kranken Phantasien aus“, stellt Christin klar. Ihr Thema ist die Vergänglichkeit, der „Kreislauf aus Schaffen und Abschied, Erinnerung und Wehmut“ – aber ohne sich daran zu weiden. Alte Möbel, alte Fotos – alle erzählten auf ihre Art eine Geschichte und blieben doch stumm, so Christin. Diesen Geschichten spürt sie nach und versucht, den Menschen in diesen Geschichten auf künstlerische Weise näher zu kommen. Sie schärft den Blick für diese unbekannten Personen, indem sie den Fokus gezielt vom Gesicht weg lenkt – denn häufig glauben wir, mit einem Blick ins Gesicht des anderen den Gegenüber erfasst zu haben, seine Identität lesen zu können. Dabei werden Gesicht und Identität einfach gleichgesetzt. Dagegen verweist die vermeintliche Anonymisierung und Entindividualisierung der dargestellten Personen durch die Stickereien vielmehr auf das Wesen des Menschen jenseits der Körperlichkeit.

127Die letzte Station im Torhaus des Botanischen Gartens gehört dem Maler Dmitrij Schurbin, Kurator des ARTGESCHOSS 2014 in Wolfenbüttel. Er stellt eine Serie vor, in der er sich dem Jazz widmet, einer Musik, die er selbst ganz besonders liebe. Große Jazz-Künstler hat er auf seine eigene Art und Weise interpretiert. Hat er dabei auch Jazz gehört? „Natürlich“, antwortet Dmitrij, dessen Bilder die musikalische Inspiration zu dieser Serie überzeugend vermitteln. Aber wie sieht es mit der künstlerischen Inspiration aus, welches sind seine Einflüsse, seine Vorbilder? „In meinem Studium in Moskau hat mich diese Frage beschäftigt, jetzt nicht mehr. Wenn man bestimmte Vorbilder hat, denkt man in Klischees: Wie hätte dieser Künstler das jetzt gemacht? Damit verliere ich aber mein kreatives Individuum, dann verliere ich mich selbst. Ich mache das wie ein Künstler, von dem ich neulich gelesen habe. Er nannte seines Stil einfach nur ‚Ismus‘. So mache ich das auch“, verrät Dmitrij lachend.

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Nach dem absolut empfehlenswerten Rundgang kann man sich eigentlich nur den Worten von BBK-Vorstand Michael Ewen anschließen: „Es sind sehr viele unterschiedliche künstlerische Positionen vorzufinden, die den BBK sicherlich bereichern werden.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

Ausstellung „Neu im BBK“
Bis zum 9. November 2014 im Kunsthaus BBK, Humboldtstraße 34
Künstlergespräch mit Sascha Dettbarn & Iris R. Selke am 19.10./14 Uhr
Künstlergespräch mit Christin v. Behrbalk & Madeleine Gorges am 26.10./14 Uhr

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