Neu in der Hamburger Schule? – Bands aus der Hansestadt rocken wieder in die Republik

Neu in der Hamburger Schule? – Bands aus der Hansestadt rocken wieder in die Republik

Tocotronic, Blumfeld und Die Sterne haben würdige Nachfolger gefunden: Wenn man Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen hört, möchte man die Welt umarmen.

Zu Beginn der 90er Jahre kamen aus der Hansestadt neue Töne, die eine ganze Generation beeinflussen sollten. Ein eigenes Genre wurde geboren: Die “Hamburger Schule” war zum zentralen Begriff für intelligente Gitarrenmusik mit deutschen Texten geworden. Neben den kürzlich beschriebenen Wurzeln der deutschen Punkrockszene ist die Hamburger Schule sicherlich eine der wichtigsten Musikrichtungen im Independent-Bereich geworden. Inklusiv dabei: Der Genresprung von Bands wie “…But Alive” hin zu “Kettcar” oder den frühen “Tomte”-Alben hin zu den Soloalben von “Thees Uhlmann”, der schon einmal als deutscher Bruce Springsteen bezeichnet wurde.

Kaum geboren, hat das Gründungsmitglied Tocotronic auch gleich die selbstironische Hymne zum neuen Genre geschrieben. “Ich bin neu in der Hamburger Schule”, singen sie auf ihrer zweiten Platte, um im Nebensatz gleich die eigene Musik auf die Schippe zu nehmen: “…und ich kenn mich noch nicht so gut aus. Ich bin gerade in die erste Klasse gekommen und ich weiß noch nichts genau.” Diese selbstironischen aber auch befindlichkeitsfixierten Texte sind zu durchgängigen Mustern in vielen Songs von fast allen Bands der Hamburger Schule geworden, auch wenn das projizierte Musikschubladen-Denken hier wohl auch ein gutes Verkaufsinstrument von Plattenfirmen und Musikzeitschriften ist.

Tocotronic haben nach vielen Studioalben mit dem “Roten Album” (frei nach den Beatles) im letzten Jahr endgültig Kultstatus erreicht. Seitenlange Debatten in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen sowie Platz Eins in den deutschen Charts sprechen für sich. Als Gründerbands der Hamburger Schule gelten dabei neben Tocotronic natürlich auch Blumfeld und Die Sterne. Jochen Distelmeyer, ehemals Frontmann von Blumfeld, ist mittlerweile solo unterwegs. Auch Frank Spiker von Die Sterne schreibt nun alleine. Aber wer bespielt jetzt die alten Anhänger der Hamburger Schule?

Zahlreiche Bands haben sich daran versucht. Ob dabei die Motivation “Mitschüler” zu werden oder die oktroyierte Zuordnung seitens der Musikindustrie in das neue Schema das ausschlaggebende Moment war, kann hier nicht beantwortet werden. Klar ist aber, hier sind hervorragende Bands und Label entstanden. Ein aktuelles Beispiel ist der von “Tapete Records” herausgebrachte Sampler “Falscher Ort. Falsche Zeit.” Hier werden zahlreiche Bands versammelt, die nie den ganz großen Durchbruch erreicht haben. Bands wie Huah! und viele andere präsentieren einen Einblick in die alte Generation der Hamburger Schule. Ein musikhistorisch spannendes Projekt. “Tapete Records” sind – ähnlich wie “Grand Hotel van Cleef” mit Bands wie Kettcar und Tomte – zur Speerspitze einer musikalischen Entwicklung geworden.

Da sind zum einen Die Höchste Eisenbahn, die mit ihrem Debut und einer vorangegangenen EP einen interessanten Versuch gestartet haben: Befindlichkeitsfixierte Musik, die sich gar nicht mehr so traurig anhört. Für Menschen, die mit der kryptischen Tiefe von Tocotronic, Kettcar und Tomte nichts anfangen können, sehr empfehlenswert. Und dann ist da tatsächlich noch eine neue, oder besser gesagt neu formierte Kombo, die mittlerweile schon ganze drei Studioalben bei “Tapete Records” rausgebracht hat.

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen haben außergewöhnliches geschafft: Ihre Platten sind in Musik gepresste Lyrik für Mittdreißiger, die schon einiges erlebt haben, aber doch noch Hoffnung haben, dass alles gut wird. “Die Liga” gibt dabei tatsächlich berechtigten Anlass zur Hoffnung. Das zu Beginn dieses Jahres erschienene Album “Rüttel mal am Käfig. Die Affen sollen was machen.” hat bereits mit dem Titel Kultcharakter erreicht. Songs wie “Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort” oder “Der größte Zechpreller der Stadt” zeigen, was die aus “Superpunk” hervorgegangene Band ausmacht: Deutscher Post-Punk oder eben Hamburger Schule, irgendwie eingeklemmt zwischen Reihenhaus und Altbauwohnung einerseits und weltoffener Gesellschaftskritik andererseits.

Die Liga hat einen Blick für die Feinheiten des Lebens, und hier wird wieder eine Sache deutlich, die so prägend und zentral für die Hamburger Schule ist: “Lyrics matter!” Die Texte sind zentral. Selbstironische Passagen wie “Ich gebe zu, ich bin gerne voll. Plattenbörse auch ganz toll.” vom Album “Alle Ampeln auf Gelb” durchziehen alle drei Platten. Auf dieser Scheibe findet sich auch der Hit “Kennst Du Werner Enke?”, eine Hommage an den deutschen Schauspieler, der mit Filmen wie “Zur Sache, Schätzchen” und “Nicht Fummeln, Liebling” große Beliebtheit erlangte. Die Band verneigt sich vor ihm, allein den Song zu hören, macht Lust, die Filme zu schauen und in der Altbauwohnung oder dem frisch eingerichteten Partykeller zu tanzen – auch gern allein. Die Liga der gewöhnlichen Gentleman ist groß. Wenn man ihre Songs hört, möchte man die Welt umarmen. Die neue Klasse der Hamburger Schule hat die Versetzung bravourös gemeistert.

Text: Anis Ben-Rhouma

Titelbild: Martin Morris

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