Zwischen Rührung und Aufruhr: Nils Landgren und Michael Wollny bei Kultur im Zelt

Zwischen Rührung und Aufruhr: Nils Landgren und Michael Wollny bei Kultur im Zelt

Cat Stevens‘ „Moonshadow“, Stings „Fragile“, Mr. Misters „Broken Wings“, Kris Kristoffersons „Please, don’t tell me how the story ends“ – das ist Pop, Pop, Pop. Gewiss: schöner Pop. Nils Landgren: alter Schwede, was für ein Posaunenspieler! Michael Wollny, Pianist, ein sogenannter „Junger Wilder“, den manche in einem Atemzug mit Keith Jarrett und Herbie Hancock nennen – das ist Jazz, Jazz, Jazz. Wie geht das zusammen? Geht das überhaupt? Wer nimmt Schaden?

Um das Ergebnis und das Konzertende vorweg zu nehmen: Niemand. Stehende Ovationen im nahezu ausverkauften großen Zelt. Und warum? Na klar, man re-interpretierte ja nun nicht nur Pop-Klassiker. Vor allem aber, weil die beiden Jazz-Hochkaräter ein paar kluge Grundüberlegungen anstellten. Erstens: Es kann nicht darum gehen, den aktuellen Entwicklungsstand des Jazz vorzuführen. Zweitens: Es muss aber auch gezeigt werden, was Jazz alles sein kann. Und drittens: Man muss die Distanz zu den Zuhörerinnen und Zuhörern überwinden.

Und was heißt das praktisch? Viel Melodie, Anknüpfung an Bekanntes, Improvisationen hochgradig komplexer bzw. geradezu abgründiger Natur und schließlich Aufmunterung an das Publikum zu lockerer rhythmischer Mitarbeit per Hand und Fuß. Es ist das Einfache, was so schwer zu machen ist. Und das geht eben nur mit Ausnahmeerscheinungen wie Landgren und Wollny. Dass Landgren ein musikalischer Tausendsassa ist, der keine Berührungsängste kennt, ist bekannt. Er ist aber vor allem eins: ein Gefühlsmensch. Er will berühren, anrühren. Wenn er mit seinem leisen, etwas angerauten Tenor „How fragile we are!“ singt, spürt man förmlich, dass wir auf dünnem Eis gehen. Zarte Melancholie durchweht seine Liebeslieder. Dazu dieser wunderbar weiche Posaunenton.

Das sind dann Steilvorlagen für Wollny. Er kennt sich ja bestens aus in der romantischen Musik und vermag Landgren bei seinen Gefühlsausflügen – nahezu in der Musik versunken – bestens zu begleiten. Aber wer ihn sonst in steter Unruhe auf seinem Klavierschemel herumrutschen sieht, weiß: es brodelt in ihm. Landgren gibt ihm viel Raum, das auszuleben. Und so wird innerhalb kürzester Zeit z. B. aus Willie Cobbs Bluesklassiker „You don’t love me“ ein rasender Ausflug in die Möglichkeiten der Zerstörung aller Bluesschemata in melodischer, rhythmischer, tonaler Hinsicht. Fremde musikalische Welten tauchen kurz auf: Einfallsreichtum und Virtuosität Wollnys sind umwerfend.

Was wiederum Landgren zu großer Expressivität auf der Posaune herausfordert: Überblastechnik, Mehrstimmigkeit, schräge Glissandi und hohes Tempo. Keine Konkurrenz der Musiker, keine Eitelkeiten, sondern Begegnung auf Augenhöhe. Ein eindrucksvoller Abend, für den man gerne Schweiß tropfen ließ.

Text: Klaus Gohlke

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