Fotografie im Sucher: Die Ausstellung „Other Shots“ in der Offspace-Galerie Flur11

Kein fetter Schriftzug, keine breite Schaufensterfront – keine gewöhnliche Galerie! Der Flur11 ist eine sogenannte „Offspace-Galerie“ und das bedeutet im Verständnis des Trägers Diskurthek e.V. „ein Projektraum zur Ausstellung junger Positionen im Bereich Bildender Kunst“. So einfach, so gut, so sehenswert – zumindest für alle, die beim Gedanken an eine Ausstellungseröffnung nicht gleich instinktiv den kleinen Finger abspreizen und die Sektkorken knallen hören. Wir waren bei der Eröffnung der Ausstellung „Other Shots“ am 2. Oktober in der Jahnstraße 11 dabei.

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Das Organisatoren-Team des Diskurthek e.V.

Für die Organisatoren vom Diskurthek e.V. Felix Koberstein, Arne Schmidt, Ole Blank und Max Weinland ist „Other Shots“ bereits die dritte Ausstellung seit der Eröffnung des Flur11 zu Beginn dieses Jahres. Dass dieses kreative Raumexperiment bewusst hart an der Grenze zwischen öffentlicher und Privatsphäre verläuft, merkt man bereits, bevor man die in Ausstellungsfläche umfunktionierten Wohnräume im Hochparterre überhaupt betritt: Wer sich im WRG – wie die Bewohner ihr Quartier, das westliche Ringgebiet, bevorzugt nennen – nicht auskennt, für den ist Hausnummernsuche angesagt.

So auch für Stephen und mich. Wir landen zunächst im lauschigen Hinterhof der Jahnstraße 11, der mit Tisch und diversen Sitzmöglichkeiten von vornherein Gesellig- und Gemütlichkeit signalisiert und mit Fahrrad-Agglomeration und Grill gleichzeitig studentisches Flair ausstrahlt. Am Tisch sitzt Lena Reisner, die uns an diesem Abend sofort freundlich willkommen heißt – unsere erste Gesprächspartnerin ist gefunden, der Tisch äußerst einladend und der Herbstabend angenehm warm, wir nehmen also Platz.

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Jasmin Meinold, Lena Reisner und Kristina Thrien (v.l.)

Lena ist Kulturwissenschaftlerin und hat die aktuelle Ausstellung kuratiert, zusammen mit der HBK-Studentin Jasmin Meinold und Kristina Thrien, ebenfalls Kulturwissenschaftlerin und zurzeit Volontärin am Braunschweiger Museum für Photographie. „Alle Kuratorinnen haben Erfahrung mit Fotografie und eine große Affinität zu dem Medium“, erläutert Lena die Zusammensetzung des Ausstellungstriumvirats. Die Mitarbeiterin der dOCUMENTA (13) möchte zusammen mit Jasmin und Kristina außerhalb der Hochschule für Bildende Künste kuratorisch tätig werden und Erfahrungen sammeln. Schon Lenas Wortwahl lässt darauf schließen, dass die drei dabei im Flur11 ein sehr durchdachtes, wenn auch eher ungewöhnliches Konzept verfolgt haben.

094„Es war uns wichtig, nicht allein bei der Fotografie zu bleiben, sondern uns für andere Medien zu öffnen und ein Netzwerk von Bezügen herzustellen, z.B. mit filmischen Arbeiten, die das Thema Fotografie reflektieren.“ Die Kuratorinnen knüpfen aber nicht nur ein inhaltliches Netzwerk, sie verstehen sich auch auf das klassische Networking. Deshalb haben sie gezielt Künstlerinnen und Künstler aus Braunschweig (Alex Heide, Meike Redeker, Erik Arcadi Seth, Anton Soloveychik, Rizki Resa Utama) und Hildesheim (Francisco Vogel) mit Nachwuchskünstlern aus Köln (Linn Phyllis Seeger) und Berlin (Ann Schomburg, Vidal & Groth) zusammengebracht.

144bZwischenzeitlich haben sich die Stuhlreihen um unseren Holztisch gefüllt und immer mehr – v.a. junges – Publikum trudelt in der Abenddämmerung ein, um die Ausstellung zu besuchen, dazu ein Bier oder ein selbstgemachtes Süppchen zu verköstigen und im Offspace oder davor einen Schnack mit Kommilitonen und Freunden oder den Künstlern zu halten. Unsere Outdoor-Runde hat sich um Kuratorin Kristina Thrien, den Diskurthek e.V. in voller Besetzung und den Künstler Francisco Vogel erweitert. Vogel beschäftigt sich damit, „was die Fotografie mit unserer Wahrnehmung macht“. Mit seinen Fotografien und Fotogrammen „Die schwarze Dose“ und „staub“ (mit Anke Thesing) nähert er sich dieser Frage auf künstlerische Weise. „Man glaubt, Fotografie sei die Wahrheit, dabei ist es nur eine Wirklichkeit“, schildert Vogel seinen kritischen Ansatz, den er auch auf das Medium selbst ausweitet: Neben dem genormten, industriell gefertigten Analogfilm, der mit seinen Formaten und Materialien unsere Wahrnehmung des Mediums bis in die Digitalfotografie bestimmt, nutzt er daher beispielsweise auch die selbstgefertigte Lochkamera.

074Weiterhin emsiges Stühlerücken an unserem Tisch, Frederike Vidal und Judith Groth kommen dazu. Die beiden Berlinerinnen bilden das Künstlerduo Vidal & Groth und haben sich intensiv mit dem titelgebenden „Shot“, dem Begriff Schuss als Metapher, auseinandergesetzt. Zu diesem Zweck reifizieren die beiden den Schnappschuss, holen ihn in die Gegenständlichkeit zurück – und zwar in den Schießstand, zu einem künstlerischen Experiment mit Durchschlagskraft. Entstanden ist folgerichtig eine „Skulptur gewordene Metapher“. Transparente, teils farbige Kunststoffblöcke haben die Künstlerinnen mit Schrotkugeln beschießen lassen. Drall, Streuung und Wucht der kleinen schwarzen Projektile hinterlassen beeindruckenden Spuren im Material: Strahlen und Kanäle, Trichter und Krater. Unwillkürlich denkt man dabei an Forensik und Ballistik, Gerichtsmedizin und Einschusswinkel. Ist „Schusswechsel“ gar ein künstlerischer Angriff, eine Attacke? Nein, meint Judith Groth. Ebenso wie ihr Ensemble „En garde“, das – ungeachtet des Titels – die Themen Schutz und Verteidigung transportiere, sei auch der Charakter von Schusswechsel „eher defensiv“.

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087Neben Francisco Vogel und Vidal & Groth sind im Flur11 ebenfalls zu sehen: Alex Heide „Floor Piece 1“, Meike Redecker „focus“, Erik Arcadi Seth „Kontaktabzüge“, Anton Soloveychik „Venezia Viva“ & „Obscura“, Rizki Resa Utama „The Happy People Series“, Linn Phyllis Seeger „Eden“, Ann Schomburg „Dancing with the Skunk“. Zur Finissage am 18. Oktober ab 17:00 Uhr gibt es dann ein Wiedersehen mit den beteiligten Künstlern und Ann Schomburg wird darüber hinaus ihre Arbeit „Idling Mobile“ vorstellen.

155Die Ausstellung „Other Shots“ ist trotz medialer Vielfalt thematisch kohärent und im besten Sinne „rund“, ohne langweilig, berechenbar oder banal zu sein. Die gezeigten Exponate verweisen handwerklich auf unterschiedlichste Art und Weise aber konzeptionell klar und nachvollziehbar auf den geteilten Ausstellungsfokus der neun beteiligten Künstlerinnen und Künstler sowie der drei Kuratorinnen: die bisweilen kritische Auseinandersetzung mit dem Wesen der Momentaufnahme zwischen Ästhetik und Wahrheitsfindung. Auf dieser Suche weniger analytisch, sondern synthetisch – also über das Medium hinaus – vorzugehen, macht „Other Shots“ zu einer sehenswerten Ausstellung, die sich in Anbetracht ihrer Größe außergewöhnlich umfassend mit dem Thema Fotografie auseinandersetzt.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

Ausstellung „Other Shots. Junge Kunst und Fotografie“
Bis zum 19. Oktober im Flur11, Jahnstraße 11
„Zwischen Öffentlichem und Privatem“ Führung mit Künstler Anton Soloveychik am 8.10. um 19h
„Flur11 — Blick Hinter die Kulissen“ offenes Gespräch mit den Gründungsmitgliedern des Diskurthek e.V. und den Kuratorinnen der Ausstellung am 17.10. um 19h
„Finissage“ mit den Künstlerinnen und Künstlern und Präsentation von Ann Schomburg am 18.10. ab 17h

Ein Kommentar

  1. Wolf Menzel Bildermacher

    hallo stephan, hallo jan,

    ich freue mich sehr, das ihr euch so reinhängt. dieser blog ist nun mal wichtig.
    wichtig, weil eine öffentlichkeit geschaffen wird, die in den lokalen medien untervertretten ist und somit zumindest (noch) im kleinen einen ausgleich erreicht. die kulturschaffenden wollen sich zeigen aber auch gezeigt werden und das macht ihr. sicher höchst selektiv aber mit der chanse auf mehr. danke dafür…
    gruß.wolf

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