Perspektiven für Kunst im öffentlichen Raum: Ein bunter, glitzernder Scherbenhaufen

Perspektiven für Kunst im öffentlichen Raum: Ein bunter, glitzernder Scherbenhaufen

Am vergangenen Dienstag fand die zweite Braunschweiger Podiumsdiskussion mit dem Titel „intervention & irritation“ im Roten Saal des Kulturinstituts statt.

Gibt es überhaupt eine Perspektive für Kunst im öffentlichen Raum in Braunschweig? Der letzte Kunstparcours liegt einige Jahre zurück, der Einmarsch der Christel-Lechner-Figuren in die Innenstadt erscheint eher als Deko-Offensive und überhaupt scheint Kunst in Braunschweig eher eine private Indoor-Angelegenheit zu sein.

IMG_2793Das alles hätte man in Ruhe im Kreis von Experten aus Bildender Kunst, Kunsttheorie und Verwaltung erörtern können. Aber anstatt mit lokalem Fokus von der Gegenwart in die Zukunft zu blicken, lenkte Moderatorin Dr. Christine Eichel (Bild links) das Gespräch zunächst eine gute Stunde lang in Richtung Vergangenheit, in Richtung Münster und Düsseldorf. Mit erheblicher Verzögerung wurde dann endlich das Augenmerk auf die Situation in Braunschweig gerichtet und es entwickelte sich eine intensive Diskussion zwischen Dr. Anja Hesse, Leiterin des Kultur- und Wissenschaftsdezernats, und Prof. Bogomir Ecker von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig HBK.

Dabei wurde klar, dass zwischen zwei zentralen Akteuren bei der IMG_2800Gestaltung unseres öffentlichen Raumes ein höchst gespanntes Verhältnis herrscht. Ecker (Bild rechts) bemängelte ein fehlendes Konzept der Stadt, um die HBK einzubinden und hätte vor sechs Jahren von der Stadt Braunschweig lieber einen innerstädtischen Showroom für die HBK gehabt als das abgelegene raumLabor in der Hamburger Straße 267, das Scheitern dieser Zusammenarbeit hielt er für vorprogrammiert – in Anbetracht einer jüngst bestens besuchten BBK-Jahresausstellung im raumLabor eine durchaus kontroverse These.

IMG_2794Der Frust über die missglückte Zusammenarbeit im raumLabor war auch Kulturdezernentin Anja Hesse (Bild links) anzumerken. Aber auch in Hinblick auf die gescheiterte HBK-Nutzung von Flächen der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof lässt sie sich von Ecker nicht den Schwarzen Peter zuschieben. Sie betont das städtische Engagement für die HBK und sieht die HBK in einer Bringschuld gegenüber der Stadt: Die HBK ist zur Gestaltung der Stadt herzlich eingeladen, aber die künstlerische Initiative soll von ihr selbst ausgehen. Eckers Forderung nach einem städtischen Konzept zur Einbindung der HBK weist sie zudem harsch zurück – beim anwesenden HBK-Publikum kommt das gar nicht gut an.

So stellte sich die Zusammenarbeit zwischen Stadt und HBK im Lauf der Diskussion als eine Geschichte gescheiterter Großprojekte dar. So ist es aber nicht, denn viele kleine HBK-Veranstaltungen, z.B. studentische Vernissagen, bereichern die Stadt Braunschweig unabhängig von der Stadtverwaltung. Allerdings finden solche Veranstaltungen meist unter dem Radar von Verwaltung und Bürgern statt. Aber Kunststudenten können keine entsprechend breite Öffentlichkeit für ihre Projekte schaffen, das wäre Aufgabe der sehr defensiven HBK-Pressearbeit. Und so bleiben die vielen kleinen Aktivitäten selbst für den kunstinteressierten Bürger häufig unsichtbar. Aber es gibt auch Gegenbeispiele, wie das jährliche HBK-Sommerfest mit dem HBK-Rundgang, den Jour Fixe und das Studierendenmagazin KRISTEL.

Andrea-Katharina Hanke, Markus Ambach

Andrea-Katharina Hanke und Markus Ambach

Die übrigen Podiumsgäste kamen in der Spätphase der Diskussion kaum mehr zu Wort: Der Münsteraner Input von der dortigen Stadträtin Dr. Andrea-Katharina Hanke wurde von vornherein nicht als politischer Benchmark sondern als kulturelle Städtereise genutzt, zudem musste sich Hanke aus Zeitgründen früher verabschieden. Von Künstler Markus Ambach und seinem Werk erfährt man leider relativ wenig – aber ist die Kunst wirklich in der Gesellschaft angekommen, wie Ambach meint, „dort wo sie immer hinwollte“? Sind Guerilla-Aktionen und die Wiederaneignung des öffentlichen Raums nicht vielmehr künstlerische Formen der Systemkritik?

An dieser Stelle schaltet sich der Züricher Kulturtheoretiker Prof. IMG_2797Christoph Schenker (Bild rechts) ein. Dem Top-down-Verständnis von Kunst im öffentlichen Raum als Kreativmaßnahme und im Dienst der Stadtverwaltung setzt er seine breitere Auffassung von „Public Art“ entgegen, die auch subversive und Bottom-up-Kunstformen integriert. Und er gibt den wichtigen Hinweis, dass Kunst im öffentlichen Raum auch als Diskursraum gesehen werden müsse – sogar als diverse, häufig in sich geschlossene Diskurssysteme, möchte man hinzufügen: Stadt und HBK scheinen häufig das Gleiche zu wollen, aber schlicht aneinander vorbeizureden.

Für Ecker liegt die Perspektive des hiesigen öffentlichen Raums in einem städtischen Fünf- bis Siebenjahresplan, der sich Zeit für Kurskorrekturen und Abstand von der Eventkultur nimmt. Hesse sieht die Kommune in Zukunft als „Ermöglicher“ und setzt bei der künstlerischen Gestaltung Braunschweigs auf den Sachverstand und das überregionales Renommee von Kuratoren.

Die HBK scheut den städtischen Einfluss und möchte ihre Unabhängigkeit wahren, gleichzeitig fordert Ecker die Stadt auf, nochmals das ganz große Rad zu drehen. Diesen vermeintlichen Königsweg scheint die Stadt verlassen zu wollen und sucht nach neuen Wegen der Kooperation, allerding nach wie vor im Top-Down-Modus und belastet mit der Hypothek mehrerer gescheiterter Projekte.

Die Kollisionen von Stadt und HBK haben einen bunten, glitzernden Scherbenhaufen hinterlassen. Er ist die wertvolle Grundsubstanz für ein Kaleidoskop, das alle Facetten unserer Stadt sichtbar werden lässt – daran muss weiter gearbeitet werden!

Kommentar: Der Preis der Kunst im öffentlichen Raum

Die HBK ist eine Hochschule voller kreativer Individualisten. Das ist gut für die künstlerische Vielfalt aber schlecht für die Institution HBK, ein fehlendes gemeinsames Leitbild ist die Folge.
Daraus muss die Stadt Braunschweig lernen, sie muss Anreize schaffen, um Studierende und Lehrende direkt in die Gestaltung des öffentlichen Raumes mit einzubeziehen. Die Stadt muss den Austausch mit den Kreativen selbst suchen und nicht mit der Institution HBK. Und es geht darum, Zeichen der Wertschätzung für Kreativarbeit in Braunschweig zu setzen.
Ein Ausrufungszeichen der Wertschätzung wäre die Auslobung eines jährlichen städtischen Preises für studentische Arbeiten an der HBK. Voraussetzung: Die Arbeiten müssen zur künstlerischen Ausgestaltung der Stadt praktisch oder theoretisch beitragen und sie müssen im Rahmen von HBK-Lehrveranstaltungen entstehen. Auf diese Weise schafft man Anreize, um die Auseinandersetzung mit der Stadt Braunschweig in die Lehre zu integrieren.
Dieser Wettbewerb kennt nur Gewinner, denn er weckt Interesse bei Studierenden und Lehrenden, für die Stadt aktiv zu werden. Auf der anderen Seite wird so Stadtverwaltung und Bürgern die künstlerische Arbeit an der HBK vor Augen geführt. Im Preisgericht sollte dann nicht nur die Kulturverwaltung, sondern auch das Stadtmarketing vertreten sein, ein prominenter, externer Juryvorstand sorgt für überregionale Öffentlichkeit.
Für die HBK-Kreativen ist das Thema Braunschweig die Möglichkeit, mehr Bürger zu erreichen und Parallelen in den gemeinsamen Lebenswelten herzustellen. Auch für die Institution HBK bietet die Stadt Braunschweig als Lebens- und Arbeitsschwerpunkt ein bisher kaum beachtetes Identifikationspotenzial, das auch nach innen sinnstiftend und einend wirken kann.

Text und Fotos: Jan Engelken

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