Zu Besuch im südlichsten Zipfel des Braunschweiger Landes: Thorsten Henke vom „Portal zur Geschichte“ Bad Gandersheim im Gespräch

Zu Besuch im südlichsten Zipfel des Braunschweiger Landes: Thorsten Henke vom „Portal zur Geschichte“ Bad Gandersheim im Gespräch

Seit kurzem ist das Portal zur Geschichte der südniedersächsischen Kleinstadt Bad Gandersheim frisch gebackenes Mitglied im Arbeitsausschuss Tourismus Braunschweig e.V. (ATB). Im Interview erzählt Thorsten Henke, Kunsthistoriker und Leiter der Einrichtung, warum sich Bad Gandersheim nach Braunschweig orientiert, und was die beschauliche „Roswithastadt“ kulturell zu bieten hat.

Hallo, Herr Henke. Wenn man hört, dass das Portal zur Geschichte Bad Gandersheim das neuste Mitglied im ATB ist, stellt sich natürlich sofort die Frage: Wieso der ATB? Oder anders: Was hat Bad Gandersheim mit Braunschweig zu tun?

Bad Gandersheim liegt im südlichsten Zipfel des Braunschweiger Landes, die beiden Städte verbindet eine jahrhundertelange Geschichte. Wir orientieren uns als hiesiges Portal zur Geschichte über die ZeitOrte der TourismusRegion BraunschweigerLAND e.V. nach Braunschweig, weil wir dort historisch hingehören und gemeinsame Wurzeln besitzen – und eben im Rahmen der ZeitOrte im Braunschweiger Land eine wichtige Position einnehmen.

Daher also auch die Mitgliedschaft des Portals zur Geschichte im ATB?

Genau. Wir möchten in Braunschweig sichtbarer sein, vor allen Dingen an den entscheidenden Institutionen und Gewerben, die Touristen ins Braunschweiger Land holen. Der Weg ist ja nicht weit, Bad Gandersheim bequem innerhalb einer Dreiviertelstunde mit dem Auto zu erreichen. Und historisch ergänzen sich die beiden Städte einfach wunderbar. Bad Gandersheim ist ein sehr interessantes Ausflugsziel für Touristen in der Region.

Das Rathaus (links) am Martkplatz Bad Gandersheims.

Das Rathaus (links) am Martkplatz Bad Gandersheims.

Was genau sind denn die gemeinsamen Wurzeln Bad Gandersheims und Braunschweigs?

Bad Gandersheim spielt für die Entstehungsgeschichte Braunschweigs eine wichtige Rolle, denn hier liegt die Wiege der Ottonen. Liudolf und Oda, Stammeltern der Ottonischen Kaiser und Könige, gründen dieses Stift im 9. Jahrhundert. Und als sich im Spätmittelalter die Welfen ausbreiten, unternehmen sie von Bad Gandersheim aus ihre Expeditionen in den Harzraum. Daher versuchen sie, das Stift dauerhaft unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie ihre Töchter und Schwestern als Äbtissinnen einsetzen. Dies hatte dann bis zur Auflösung des Stifts im Jahre 1810 bestand. Doch auch danach blieb Gandersheim ein wichtiger Standort im Herzogtum Braunschweig, und auch heute verbindet uns viel: sei es über die Landeskirche Braunschweig oder auch die Arbeit von Braunschweiger Stiftungen, die sich bis nach Bad Gandersheim engagieren und das Portal zur Geschichte unterstützen. Auch haben wir hier Objekte aus dem Landesmuseum Braunschweig: archäologische Funde aus dem Hoch- und Spätmittelalter wie z.B. Töpfe, Kämme und Schreibgriffel.

Der Innenraum der Bad Gandersheimer Stiftskirche.

Das Kirchenschiff der Bad Gandersheimer Stiftskirche, im Volksmund auch als Gandersheimer Dom bezeichnet.

Was hat das Portal zur Geschichte vor Ort zu bieten?

In der Hauptausstellung in der Stiftskirche präsentieren wir die Geschichte des Stiftes Gandersheim mit kunstgeschichtlichen Objekten, in erster Linie Textilien, Reliquien und Holzskulpturen. Und in Brunshausen dienen die Klosterkirche sowie das ehemalige Sommerschloss von Elisabeth Ernestine Antonie als Ausstellungsräume.

Ausstellung „Starke Frauen – Feine Stiche“ in der Klosterkirche Brunshausen.

In welchem Rahmen kann man sich das ansehen?

Es ist im Prinzip ein ganz normales Museum, dienstags bis sonntags von 11-17 Uhr geöffnet. Wir haben natürlich auch Führungen durch Stiftskirche und Stadt sowie durch Kloster und Sommerschloss, aber auch spezielle Themenführungen, beispielsweise zu Roswitha von Gandersheim (* um 935; † nach 973), der ersten deutschen Dichterin.

„Barocke Sammelleidenschaft“ im Sommerschloss Brunshausen.

Was kann man in Bad Gandersheim noch erleben? Warum sollte man den Weg aus Braunschweig auf sich nehmen?

Zum einen natürlich die traditionsreiche Geschichte, die in der Stadt allgegenwärtig ist. Bad Gandersheim ist ein Schatz, den es zu entdecken lohnt. Wir haben aber auch jedes Jahr wichtige kulturelle Veranstaltungen. Zum Beispiel die Domfestspiele im Sommer, die vor der Stiftskirche seit über 50 Jahren mit einem sehr vielfältigen Programm das Stadtbild prägen – was für Braunschweig der Karneval, ist für Bad Gandersheim die Domfestspielzeit quasi als fünfte Jahreszeit. Dann natürlich die jährliche Verleihung des Roswitha-Literaturpreises. Auch gibt es hochkarätige Konzerte in der Stiftskirche. Zudem lassen wir einmal im Jahr einen Textilkunstmark stattfinden. Da hatten wir dieses Jahr über 40 Aussteller aus der ganzen Bundesrepublik, teilweise auch aus dem europäischen Ausland. Und wir vom Portal zur Geschichte sind eben für die Geschichte zuständig, die hier vielerorts greifbar ist.

Der "Kaisersaal" in der Gandersheimer Abtei mit umfangreicher Gemäldesammlung.

Der „Kaisersaal“ in der Gandersheimer Abtei mit umfangreicher Gemäldesammlung.

Was macht das Braunschweiger Land allgemein für Kulturinteressierte aus?

Die Dichte an Orten, die oftmals auch miteinander verschränkt sind und zusammenhängen. Angefangen mit der Romanik, die hier stark präsent ist. Und als Stammland der Ottonen, der sächsischen Könige, ist es ein wichtiger Standort mit bedeutender Kultur.

Und umgekehrt: warum würden Sie empfehlen, nach Braunschweig zu reisen?

Zum einen natürlich, weil Objekte aus Gandersheim heute immer noch in Braunschweig sind: beispielsweise das Gandersheimer Runenkästchen in Burg Dankwarderode, die Bronzeleuchter und Kreuze – das ist im 19. Jahrhundert abgegeben worden. Und zudem ist Braunschweig eine kulturell unglaublich dichte Stadt, die durch ihre sehr breit aufgestellte Museumslandschaft und viele andere kulturelle Einrichtungen besonders reizvoll ist – das macht Braunschweig aus.

Herr Henke, vielen Dank für das Gespräch!

Text und Fotos: Stephen Dietl

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