Iggy Pop: Der Altmeister des Punkrock in der “Post Pop Depression”

Iggy Pop: Der Altmeister des Punkrock in der “Post Pop Depression”

Vor 40 Jahren erschien mit “Metallic KO” die letzte halboffizielle Veröffentlichung von Iggy and the Stooges vor ihrer Auflösung. Die Scheibe ist eine Ansammlung von rauen, bisher in dieser Form unveröffentlichten Klassikern der amerikanischen Punkrockpioniere. Dazu ist es noch live eingespielt. So ist der Eröffnungsklassiker “Raw Power” stilgebend für den Sound dieser Zeit. Mr. James Newell Osterberg Jr., alias Iggy Pop, zelebrierte in dem Album noch einmal all das, was die Stooges so prägend gemacht hat: Laut, dreckig, ungestüm und wütend klingt die Platte, die mit Erscheinung im Jahr 1976 auch das Abschlussdokument der Bandgeschichte werden sollte – vorerst. Zum Record Store Day 2016 erscheint das Album in streng limitierter Auflage als grau-metall-farbiges Vinyl in neuer Auflage. Doch in diesem Jahr macht der Altmeister des dreckigen amerikanischen Punkrock vor allem durch ein neues Solo-Album auf sich aufmerksam.

Es ist viel passiert im Musik-Business: Die Stooges kamen im Jahr 2003 wieder zusammen, nahmen erneut Alben auf und Iggy Pop hat im Frühjahr dieses Jahres bereits sein 17. Solo-Studioalbum veröffentlicht: “Post Pop Depression“. Lässt man seine beiden letzten “experimentell-chansonesquen” Arbeiten (“Préliminaires” und “Après”) außer Acht und sieht man vom 2013er Stooges Album “Ready to die” ab, so sind doch seit dem letzten Output “Skull Ring” gut und gerne 13 Jahre vergangen. Produzent von “Post Pop Depression” ist kein geringerer als Josh Homme (Queens of the Stone Age, Eagles of Death Metal), dessen Kollaboration bzw. Produktion – neben der Übernahme einiger musikalischer Parts (Gitarre, Bass, Vocals) – mehr als eindeutig in das Werk einfloss. Homme ist unter anderem durch den Auftritt der Eagles of Death Metal im Pariser Bataclan während der terroristischen Anschläge in Paris auch weit über die an Musik interessierten Kreise der Öffentlichkeit bekannt geworden. Weitere Mitstreiter sind Dean Fertita (Queens of the Stone Age, The Dead Weather) und Matt Helders (Arctic Monkeys). Iggy hat also wieder eine schlagfertige Crew zusammengestellt.

Es ist dementsprechend auch eine starke und solide LP geworden, in der sich – wie so oft bei Mr. Pops Arbeiten – auch der Zeitgeist widerspiegelt (“New Values”, “Blah Blah Blah”, “Instinct”, “American Cesar”). Da musikalisch derzeit allerorts verstärkt zurückgeblickt wird, wird auch auf “Post Pop Depression” vor allem der Retrospektive gefrönt. Schon die Eröffnung “Break into your Heart” erinnert an monumentale Werke der Marke Desert-Rock. Beigaben sind flirrende Synthesizer-Klänge und Klaviere, die dem Song hohen Wiedererkennungswert geben. Mit “Gardenia” folgt ein klassischer 80er, bei dem auch David Bowie seine Hände mit im Spiel gehabt haben könnte. Man achte speziell auf den Backgroundgesang von Homme. “American Valhalla” hat ein Vibraphone-Intro, um im weiteren Verlauf mittels abgeklärten Basslaufs sowie Synthesizer eine trockene (Wüsten-)Rockatmosphäre zu schaffen. Es wird im sanften ¾-Takt dahin geglitten, womit das Kollektiv eine erste klare Marke setzt. Die Stimmung von “American Valhalla” greift “In the Lobby” auf, knüpft nahtlos daran an, um schließlich im Chorus heftig zu rocken. Der Song wagt den Tanz auf der Rasierklinge, driftet aber niemals ins Hektische ab. Hier stechen deutlich die Gitarrenduelle hervor. Das Zusammenspiel beider Songs kann man getrost als ersten Höhepunkt des Albums bezeichnen.

Es folgt als Abschluss der ersten Albumhälfte “Sunday” mit Disko-Funk-Beat, der von Beginn an kräftig stampft. Gitarre und Rhythmusabteilung nehmen volle Fahrt auf und treiben den Song gnadenlos voran. Ein weiblicher Background sorgt für Atmosphäre. Blechbläser und Streicher lassen den Song für Pop-Verhältnisse äußerst harmonisch ausklingen. “Vulture” eröffnet die zweite Seite mit Akustikgitarre und Glockengeläut, eine Art Klagelied, in das sich Iggy stimmlich voll reinhängt. Begleitet wird er von elektrischer Gitarre, einer Prise Rhythmus und einem Chor, der leichte Ethno-Einflüsse durchschimmern lässt.

Mit “German Days” lässt Iggy alte Zeiten in West-Berlin aufleben. Mit knochentrockenem Bass und spärlichem Schlagzeug sowie Klavier und flirrender Gitarre wird “Champagner auf Eis” gehuldigt und elegisch dem Leben zwischen Hauptstraße und Ku‘damm gedacht. Im zweiten Teil des Songs entwickelt sich zudem ein Drive, der schließlich souverän mit kleinen Breaks in einer großen Rock-Geste mündet. In entspannter Stimmung geht es mit “Chocolate Drops” dann schon fast dem Ende entgegen, wobei Gitarren, Klavier sowie die Rhythmus-Sektion gekonnt ein “Americana-Feeling” verbreiten. “Paraguay” als Abschluss nimmt dann ganz ruhig den Faden des Gesamtkonzepts “Post Pop Depression” auf und gibt teilweise im Erzählstil in klassischer Midtempo-Manier noch einmal den Rocker. Begleitet von Klavier und Chor erzeugt der Song eine Grundstimmung, der man sich völlig hingeben möchte. Man kann ihn ganz klar als den zweiten Höhepunkt des Tonträgers bezeichnen. Der Song besitzt eine ungeheure Größe und spiegelt das ganze Können der Beteiligten wider.

Im Ganzen: Well done, Mr. Pop! Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit Homme, die weder aufgesetzt noch künstlich wirkt. So sagt Homme über Pop im Interview mit dem britischen Guardian: „Lemmy is gone. Bowie is gone. He’s the last of the one-and-only’s.“ Bleibt zu fragen, was auf dieses Album folgen soll. Vom brachialen Sound der Stooges auf “Metallic KO” bis zur jetzigen “Post Pop Depression” war es ein langer Weg für den Altmeister. Die zentrale Frage am Ende bleibt: Ist damit jetzt alles gesagt?

Text: Anis Ben-Rhouma / Sebastian Bode

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