Satireverfilmung mit genialem Dreh: “Er ist wieder da”

Satireverfilmung mit genialem Dreh: “Er ist wieder da”

“Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch gar nicht tot! Mindestens zweimal am Tag sagt er mir hallo! Aber das ist noch nicht das Schlimmste, Mann. Viel grausamer ist, dass er jetzt auch grinsen kann!”

Auf seinem legendären ersten Soloalbum hat Jan Delay mit “www.hitler.de” einen Meilenstein antifaschistischen Songwritings gesetzt. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen, die vor einem Jahr durch die PEGIDA-Aufmärsche erstmals öffentlich sichtbar wurden und sich seitdem massiv zuspitzen, gewinnt die intensive Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus leider wieder an notwendiger Bedeutung. Mit der Verfilmung des Buchs “Er ist wieder da” von Timur Vermes traut sich Regisseur David Wnendt (“Die Kriegerin”, “Feuchtgebiete”) also einiges zu. Die Frage dabei: gelingt ihm der Spagat zwischen Satire und ernsthafter Betrachtung? Oder anders gefragt: darf man überhaupt über Hitler lachen?

Im internationalen Filmgeschehen hat man diese Frage sehr schnell mit “Ja” beantwortet. Bereits während der Terrorherrschaft der Nazis schuf Charlie Chaplin mit “Der große Diktator” den Klassiker der Nazi-Satire. Ihm folgten zahlreiche, vor allem britische und amerikanische Regisseure und Produktionen, von Mel Brooks bis hin zum Crowdfunding-Projekt “Iron Sky”. Auch Filmsequenzen wie die herrliche “Muskatnuss”-Szene in “Scharfe Kurven für Madame” (“Grand Restaurant”) mit Luis de Funès zeigten immer wieder, wie gerne man sich im Ausland über den “Führer” amüsierte.

In Deutschland tat man sich mit der satirischen Annäherung an Adolf Hitler naturgemäß schwerer. Auch wenn bekannte Entertainer oder Künstler wie Harald Schmidt oder Walter Moers bereits vor Jahren den “Führer” parodierten: den Weg auf die große Leinwand fand zunächst die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema, “Der Untergang” ist dabei sicherlich die bekannteste. “Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler” war 2007 die erste Hitler-Parodie mit breiter öffentlicher Resonanz. Der Film mit Helge Schneider in der Hauptrolle musste sich jedoch massiver Kritik stellen – nicht nur wegen der brisanten Thematik, sondern auch wegen der künstlerischen Umsetzung. Die Verfilmung des Spiegel-Bestsellers “Er ist wieder da” ist also durchaus ein mutiger Schritt.

Die Romanvorlage ist eine rein fiktive Satire, die den “Führer” am Ort der ehemaligen Neuen Reichskanzlei nach einer Zeitreise in der Gegenwart aufwachen lässt. Nach und nach versucht er mittels moderner Medien die Weltherrschaft zu erlangen. Seine Werkzeuge sind ein williger Regisseur, das Privatfernsehen und Youtube. Das Buch ist eine brüllend komische Satire über die Mechanismen moderner Medienpolitik und den heutigen Internet-Hype. Insbesondere das Hörbuch – gesprochen von Christoph Maria Herbst, der auch im Film eine zentrale Rolle spielt – ist zu empfehlen: eine lockere Abendunterhaltung mit nicht sonderlich viel Tiefgang, ganz im Gegensatz zum Film.

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Im Film bedient sich Regisseur Wnendt eines genialen künstlerischen Kniffs: eingebettet in die Geschichte des Buches lässt er seinen “Führer” mit dem Regisseur Sawatzki durch das heutige Deutschland tingeln. In Szenen, von denen man nicht genau weiß, ob sie real oder fiktiv sind, spricht Hitler-Darsteller Oliver Masucci am Brandenburger Tor Passanten an und malt Touristenportraits auf einem Marktplatz in Süddeutschland. Oder er fährt mit Katja Riemann, die die Geschäftsführerin eines privaten Fernsehsenders spielt, im offenen Cabrio durch Berlin. Dabei spielen sich erschreckende Szenen ab: Menschen, die vorm Kiosk sitzen, grüßen den vorbeifahrenden “Führer” mit ausgestrecktem Arm. Und tief in der brandenburgischen Provinz besucht er eine Kneipe mit offensichtlich nationalistischem Publikum. Er fragt einen der Kneipenbesucher, ob dieser dem “Führer” wieder folgen werde. Seine Antwort: “Ihnen würde ich wieder folgen!”

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Highlights des Films sind u.a. der Besuch des “Führers” bei einer NPD-Demo, der Besuch in der NPD-Zentrale in Berlin-Köpenick und eine Szene, in der Christoph Maria Herbst als Filmproduzent in seiner Senderzentrale sitzt und alle Felle wegschwimmen sieht – eine grandiose Persiflage auf den “Untergang” mit Bruno Ganz. Am Ende bekommt der Film mit viel Witz und teilweise etwas holpriger Story jedoch eine unerwartete, sehr ernste Wendung. Ein ähnlicher Dreh, wie es Charlie Chaplin in “Der große Diktator” mit seiner abschließenden, plötzlich ernsten Rede und seinem Appell an die Menschlichkeit vollbringt. Chaplin hatte während der Filmarbeiten realisiert, dass es nicht reicht, nur über Hitler zu lachen. Trotz Satire war eine ernsthafte Auseinandersetzung notwendig. So sagt auch Wnendts Hitler: “Was wollen sie denn? Ich habe doch alles vorher gesagt, was ich vorhatte.”

So könnte dieser Film auch der Start einer leider wieder notwendigen Debatte über die tiefe Menschenverachtung des Nationalsozialismus sein. Aber darf man nun über Hitler lachen oder nicht? Ein Historiker antwortete jüngst: “Ja, wenn es gut gemacht ist.” “Er ist wieder da” von David Wnendt ist sehr gut gemacht.

Text: Anis Ben-Rhouma

Fotos: Constantin Film

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