Schrottgrenze kommen “Pretty in Pink” mit neuem Album zurück

Schrottgrenze kommen “Pretty in Pink” mit neuem Album zurück

Die Hamburg-Peiner geben mit “Glitzer auf Beton” ein klares Statement zu einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft ab.

20. Januar 2017: Der Tag wird wohl immer in Erinnerung bleiben als ein dunkler Freitag, an dem Donald Trump amerikanischer Präsident wurde. Ob bewusst oder unbewusst wählten Schrottgrenze und ihr Hamburger Label Tapete Records genau dieses Datum zur Veröffentlichung ihres neuen Albums „Glitzer auf Beton“. Auch wenn beide Ereignisse auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, so ist doch bemerkenswert, dass der die amerikanische Demokratie quasi köpfende US-Präsident – so zeigt es jedenfalls “Der Spiegel” auf seinem Titel – anscheinend ein komplett anderes Weltbild hat als die Freiheit besingenden Hamburg-Peiner mit ihrem neuem Album. Doch dazu später mehr.

LP_TR_352_SCHROTTGRENZE_Glitzer_Auf_Beton_RGB_2Nachdem “Schrottgrenze” 2015 mit ihrer Werkschau “Fotolabor 1995-2015″ nach einer langen Pause bereits ein Lebenszeichen von sich gaben, haben die Jungs, die ihre Ursprünge im Peiner Land haben und jetzt in Hamburg leben und arbeiten, nachgelegt: “Glitzer auf Beton” ist ein neues ganzheitliches Album geworden, das allein schon durch die Optik auf sich aufmerksam macht. Insbesondere die in Pink gepresste limitierte Sonderauflage ist dabei ein echtes Schmankerl in jeder Plattensammlung. Doch bevor hier zu sehr auf Äußerlichkeiten geschaut wird: Auch Musik und Texte sind überzeugend.

Besonders hervorzuheben ist dabei vorweg die musikalische Entwicklung der Band. Angefangen mit feinstem Deutschpunk, der auf der ersten Single “Unehrlich, verlogen und stinkfaul” sowie dem gerne von der Band heute verschwiegenem Debutalbum “Auf die Bärte fertig los” geradezu zelebriert wurde, haben sie bereits auf der 1996 erschienenen Split-EP “Hauptsache Peter” zusammen mit “Combat Shock” (die ehemalige Band des “…but Alive”-Gitarristen Hagen van der Viren) sanftere und nachdenkliche Töne anklingen lassen. Hier klingen schon die späteren “Schrottgrenze” durch. So heißt es in “Von vornerein verwählt” lakonisch: “Ein jeder will sich heut verkaufen. Auf das wir morgen im Rosa-Pussy-Pop ersaufen”. In einem weitaus positiveren Sinn, als es wohl damals gemeint war, tun das Schrottgrenze mit “Glitzer auf Beton” jetzt auch.

Ein alternativer Albumtitel wäre daher sicher auch “Pretty in Pink” gewesen. Die Platte klingt wie eine Art Hommage an den namensgleichen alten Teeanager-Film aus den 80er Jahren, der mit seinem Soundtrack und zahlreichen Hits aus dem New Wave-Genre für Aufmerksamkeit sorgte. Die vorab herausgebrachte Single “Sterne” ist mit dem dazu gehörigen Video ein Highlight. Insbesondere der Basslauf fesselt sofort und der Refrain mit den klaren Worten “Lieb doch einfach, wen Du willst” klingt erfrischend positiv. So geht es in vielen Songs auf der Platte weiter. Auch der titelgebende Song “Glitzer auf Beton” ist ein deutliches Bekenntnis zur Freiheit der Liebe.

So wirkt die ganze Platte quasi wie ein Konzeptalbum, das Liebe und Freiheit in den Mittelpunkt stellt. Highlight ist dabei der “Januar Boy” – ein Song über Abschied, ein mögliches Wiedersehen und die Sehnsucht nach der großen Liebe und Nähe zu ihr. Vieles klingt dabei nach New Wave: Klare Gitarren, Refrains zum Mitsingen und nachdenkliche Texte. Bands wie Joy Division, New Order und vor allem die Talking Heads hätten ihre wahre Freude an “Glitzer auf Beton”. Aber auch die deutlichen Einflüsse von The Cure sind erkennbar. So klingt “Spuren von Dir” wie ein in Deutsch gefasstes und neu vertontes “Lullaby”. Die melodischen Punkrock-Einflüsse bleiben dabei aber trotzdem weiter bestehen, zum Besispiel beim Song “Dulsberg”, einem anscheinend etwas trostlosen und unbekannten Stadtteil Hamburgs, oder bei “Zeitmaschinen”, einem klaren Poppunksong, der bereits auf “Fotolabor 1995-2015″ erschien. Das Album ist also alles in allem eine runde Sache. Nur was hat das Ganze jetzt mit Donald Trump zu tun?

Schrottgrenze 2 (credit Chantal Weber)_2“Glitzer auf Beton” ist quasi ein in Vinyl gegossenes Bekenntnis zu einem Gesellschaftsmodell, das Selbstbestimmung, Demokratie, alternative Lebensformen und vor allem die sexuelle und individuelle Freiheit in den Mittelpunkt rückt. Positionen, die angesichts des – mittlerweile auch durch Wahlen sichtbaren – Erfolges  von Rechtspopulisten und Rechtsextremen öffentlich zur Disposition gestellt werden. Wenn man so will, beteiligen sich Schrottgrenze damit auch an einem “Kulturkampf” über die Art und Weise, wie wir zukünftig leben wollen. Man möchte den Populisten und Extremen auf der rechten Seite mit “Glitzer auf Beton” entgegenschallen: “Wir sind nur Kinder. So wie die anderen auch. Das Glotzen und Staunen wird uns nicht zerlegen. In uns schlagen starke ‘Trans Soul Rebel Hearts'”. So geben Schrottgrenze dazu auch auf der Innenschutzhülle der LP ein klares Statement zur derzeitigen Situation in Deutschland ab: P.S. Fck AfD.

Text: Anis Ben-Rhouma
Fotos: www.tapeterecords.de [©Chantal Weber]

flattr this!

Hinterlasse einen Kommentar