Über die Gesichter der Frauen – Serge Roon im Gespräch

Schauspieler, Intendant, Antiquar und Schriftsteller: Serge Roon, Betreiber des Antiquariats im Handelsweg, über seinen Laden, sein Leben und die Liebe. Und über sein aktuelles Buch.

In deinem früheren Leben warst du Theaterintendant. Wie bist du dazu gekommen?

Ich bin von Haus aus Theaterregisseur und habe mich ganz normal beworben. So wurde ich Intendant des Schlosstheaters Celle. Man kann sich aus verschiedenen Positionen heraus als Intendant bewerben. Auch als Dramaturg oder Verwaltungsdirektor. Oftmals sind es aber Regisseure, die auch Intendanten werden, da man als Regisseur ohnehin schon in einer künstlerischen Leitungsposition ist.

Dann hast du das Regiehandwerk also ganz klassisch studiert?

Noch klassischer, nämlich quasi von der Pike auf: Ich habe als Schauspieler angefangen und mich in verschiedenen Positionen innerhalb des Theaters hochgearbeitet. Später war ich als Dramaturg tätig und wurde relativ schnell auch Regisseur. Das ist dann 30 Jahre lang mein Beruf gewesen. Intendant war für mich im Grunde nur eine Zwischenphase. Aber Regie – das war immer mein Traum.

Du warst aber nicht nur in Celle tätig.

Nein, begonnen habe ich am Staatstheater Karlsruhe als Schauspieler. Dann war ich am Düsseldorfer Schauspielhaus, an dem ich auch den Sprung in die Regie geschafft habe. Anschließend wurde ich Oberspielleiter am Staatstheater Pforzheim. Später habe ich noch in Rotterdam und an einigen Theatern in der Schweiz gearbeitet. Insofern war es also einfach eine Laufbahn als freier Regisseur. Ich mochte die Freiheit, war neugierig und wollte wissen, wie die Welt aussieht. Der Höhepunkt war schließlich Mitte der 90er die fünfjährige Intendanz in Celle. Dabei hat man aber auch eine Menge Kram am Hals, den man nicht so schätzt. Umgang mit Behörden, Umgang mit der Obrigkeit; man muss kulturpolitisch viel machen. Mich interessiert hingegen die Kunst, nicht das ganze Brimborium drumherum. Um das mal zurückhaltend zu formulieren… *lacht*

Und das hast du dann bis zum Rentenalter gemacht?

Nein, nicht ganz. Dieser Job zermürbt einfach sehr. Ich hatte später noch kleinere Aufträge als Schauspieler und Regisseur. Zuletzt 2012 für das Theater Fanferlüsch. Doch jetzt ist es auch wirklich vorbei, ich habe die Kraft nicht mehr. Aber ich hatte schon seit meiner Studentenzeit den Traum, im Alter ein kleines Antiquariat zu eröffnen. Denn Lesen und Büchersammeln waren schon immer meine Nebenleidenschaften. Und genau so ist es dann auch gekommen.

Was hat dich nach Braunschweig verschlagen?

Wie das eben so ist: Die Liebe. Da war eine Frau und dann bin ich halt in Braunschweig gelandet. Und irgendwann ist die Frau weg aber man sitzt immer noch hier. Und in meinem Alter – vor ca. 10 Jahren – so um die 60 rum… Braunschweig war okay, es gibt Schlimmeres. Dann bin ich einfach hier geblieben und das ist auch prima so.

Und hier hast du auch mit dem Schreiben begonnen?

Ja. Zwar hatte ich zuvor schon kleinere Stücke verfasst, zum Beispiel für den Suhrkamp Verlag. Aber erst hier in Braunschweig habe ich mir vorgenommen, ein richtiges Buch zu schreiben.

004Wie würdest du einem Fremden dein Antiquariat beschreiben?

Es ist weder ein klassischer Bücherladen noch ein klassisches Antiquariat. Ich sammle Dinge, die Geschichten erzählen. Mein Antiquariat ist sozusagen ein narrativer Raum; es geht immer ums Erzählen – wie in der Literatur. Ich mag „enigmatische Felder“: Ich mag das Rätsel, ich mag kleine Objekte, die eine Aura haben, die ein anderer nicht sieht, ich mag Bücher, die ein anderer nicht kennt, ich mag Dinge, die jenseits des Mainstreams orientiert sind. Ich hatte den Eindruck, dass es das in dieser Weise in Braunschweig nicht gibt. Eine kleine Adresse, bei der merkwürdige Dinge zu finden sind, wie zum Beispiel eine Erstausgabe von Joyce und dazu irgendein winziges silbernes Etui. Kleinigkeiten, die meine ästhetischen Bedürfnisse befriedigen – ein phantasmagorischer Raum. Normale Menschen denken vielleicht, das ist Müll. Aber der Kenner sieht, dass es ein bisschen sortierter ist und ein gewisses Grundniveau besitzt. Es ist kein Trödelladen. Mich interessiert nicht das Kaufen oder Verkaufen. Stattdessen lerne ich lieber interessante Leute kennen. Denn wer verliert sich schon in so einen Laden? Und das ist der eigentliche Reiz.

Und wer verliert sich in deinen Laden?

066Das ist wirklich querbeet. Vom zehnjährigen Kind bis zum neunzigjährigen Opa findet sich alles ein. Aber es kommen natürlich hauptsächlich Leute, die sich in irgendeiner Weise für das Schaufenster interessieren. Und auch wenn 99% der Menschen souverän vorbeigehen und es ignorieren: Derjenige, der guckt, wird meist auch neugierig. Und das ist eine Selektion, an der mir ohnehin liegt.

Wo findest du die Objekte?

Immer wenn ich unterwegs bin, zum Beispiel auf Flohmärkten. Du musst Dinge sehen, die andere nicht sehen. Das Entscheidende ist der Blick. Es kann sogar sein, dass man etwas auf der Straße findet.

Ist das Antiquariat nun auch das letzte große Projekt, das du zu stemmen vorhast?

Mit 70 hat man nicht mehr viele Projekte, da verengt sich das verbleibende Zeitfenster ein bisschen. Und jetzt diese beiden Bücher zu schreiben, war auch noch mal ein ziemlicher Kraftakt. Das große Faszinosum der letzten Jahre war für mich das Schreiben. Der Laden macht zwar Spaß, aber die eigentliche künstlerische Faszination war für mich die Frage, ob ich auch mal ein richtiges Buch schreiben kann.

Wann hast du mit dem ersten Buch begonnen?

Es gab da vor ein paar Jahren einen Auslöser, einen Krankenhausaufenthalt, eine Nahtoderfahrung. Und da kam mir die Idee, einfach mal mein Leben niederzuschreiben. Es ging mir aber auch um das Schreiben selbst. Denn Schreiben ist eine Flucht aus dem Alltag. Eine Distanz zur Realität. Ich schätze die Realität nicht sonderlich. Und solch eine Flucht ist immer auch ein Versuch, die Realität zu ignorieren. Wenngleich dabei andererseits natürlich auch der Blick auf sie geschärft wird. Wie als Theaterintendant kann ich so die Realität zeitweise nach meinem Willen umformen, bin mein eigener Schöpfer: Was ich sage, geschieht.

Du besitzt einen sehr eigentümlichen Schreibstil, eine Art Bewusstseinsstrom, der weitgehend auf klassische Konventionen, wie z.B. Punkte, verzichtet. Hast du da literarische Vorbilder?

Nein, beim Schreiben geht es immer darum, sich zu fragen, ob man überhaupt in der Lage ist, eine eigene Idiomatik zu entwickeln, einen eigenen Stil. Was passiert, wenn ich selbst anfange zu schreiben? Und wie kann man überhaupt das eigene Leben fassen? Wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken? Man merkt es, wenn man nur einen Brief schrieben will: Oft hört es sich fremd an, nicht nach den eigenen Gedanken. Schreibe mal vier Sätze, sodass du das Gefühl hast, mitzuteilen, was du wirklich denkst und sagen willst.

Das heißt, Schreiben ist für dich in erster Linie eine Art Selbstexperiment?

Ja, vor allem, um mich selbst noch mal zu finden. Um etwas zu finden, das meine Authentizität im eigentlichsten Sinne sein könnte. Das macht ja auch letztlich jeden Literaten aus: Einen einzigartigen Stil zu entwickeln, den jeder erkennt. Und da ich nicht von Haus aus Schriftsteller bin, war es eine ziemlich große Herausforderung.

Und ist das Experiment geglückt?

Das muss natürlich in erster Linie der Leser entscheiden. Aber für mich selbst kann ich sagen, es geschafft zu haben. Und es ist – das wird mir auch von der geringen Zahl meiner Leser bestätigt – schon unzweifelhaft mein Stil. Und darum ging es mir.

Dein aktuelles Buch „Die Gesichter der Frauen“ ist aber nicht dein erstes Werk. Was ging ihm voraus?

Das erste Werk war der Versuch, eine Autobiographie zu schreiben. Dabei wurde mir jedoch klar, dass ich das im konventionellen Sinn nicht richtig finde. Das Leben hat keine Kontinuität. Und ich glaube auch, dass das Denken keine Kontinuität hat. Es ging also darum, was eigentlich in meinem Kopf geschieht. Daher nun die etwas eigenwillige Zeichensetzung: Punkte kenne ich nicht, verstehe ich nicht – das Denken hat keine Punkte.

Und dann wurde mir auch klar, dass jeder Aspekt im Grunde eine eigene Form verdient. Es gibt Geschichten, die sind rein narrativ und die kann man auch so erzählen. Dann gibt es aber auch Erfahrungsmomente, die lassen sich nicht schreiben wie eine Erzählung. Dann gibt es verdichtete Momente, da ist vielleicht eine lyrische Form notwendig. Ein andermal ist ein Dialog die richtige Form.

Daher wird das Buch „Lucky Man“, das im Herbst erscheint, eine Art Collage. Denn so erleben wir unser Leben im Nachhinein: Episodenhaft. Und woran erinnern wir uns überhaupt wirklich? Wir vergessen, wir lügen, wir interpretieren. Insofern ist auch die Trennung zwischen Fiktion und Nonfiktion sinnlos. Denn im Grunde erleben wir uns eher fiktional. Wir erfinden uns in unserem Leben permanent neu. Wir haben keine wirkliche Realität, sondern tun nur so. Wir sind an jedem Tag, in jeder Situation und im Umgang mit jedem Menschen anders.

Und auch wenn du dich über die Jahrzehnte immer wieder neu erfunden hast – vom Schauspieler und Intendanten bis zum Antiquar und Schriftsteller – würdest du dennoch eine Kontinuität in deinem Leben sehen?

Ja, die Euphorie des Wollens. Der Mensch muss wissen wollen! Das ist seine erste Pflicht. Er kann nicht einfach mit sich selbst zufrieden sein, er muss sich phantasieren. So wie ein Kind sich erträumt. Es hat noch keine Vorstellung dessen, was Realität sein könnte. Es spielt und träumt. Erwachsene vergessen leider, dass sie eigentlich träumende und spielende Kinder sind – und es auch bleiben sollten. Und wenn ihnen das nicht gelingt, dann werden sie zu diesen grämlichen Erwachsenen, die man in der Regel trifft und die immer schon zu wissen meinen, wie die Welt funktioniert. Und das ist tödlich. Man muss hingegen immer wieder wie ein Kind sagen „Das verstehe ich überhaupt nicht! Erklärt mir das!“. Denn die Welt ist rätselhaft und unglaublich aufregend. Leider gibt es sogar Menschen, die sich langweilen. Das ist für mich eine absurde Vorstellung. Aber die Menschen langweilen sich in der Regel und glotzen dann Fernsehen.

Nun lautet der Titel deines aktuellen Buches „Die Gesichter der Frauen. Liebesgeschichten“, aber es ist natürlich mehr als nur eine Sammlung von Liebesgeschichten.

Ich bin schlussendlich ein Mann. Und Frauen spielen in unserem Leben nun mal eine bedeutende Rolle. Und zwar von Anfang an. Das beginnt schon mit der eigenen Mutter. Es ist ein bedingungsloses Verhältnis, man ist ihr als Kind a priori ausgesetzt. Und dann gibt es irgendwann etwas, von dem man sagt „das andere Geschlecht, was ist das?“. Anschließend haben wir unsere ganzen Beziehungen, den Partnerwahnsinn, so wie das eben üblich ist. Doch es wird nur immer rätselhafter, je älter man wird. Ich hatte so viele Beziehungen, habe so viele Frauen kennengelernt, so viel Literatur gelesen, weibliche Rollen inszeniert und mit Schauspielerinnen gearbeitet… mein Gott, ich müsste doch die Frauen kennen! Doch nix da, ich habe keine Ahnung! Das muss man sich auch mal eingestehen.

Versuchst du dennoch, mit deinem Buch auch ein Resümee zu ziehen?

Zum Teil. Natürlich schon ein bisschen aus der Sicht des alten Herrn, der es hinter sich hat. *lacht* Man hat ein wenig Distanz, sieht es etwas entspannter. Frauen und Sexualität haben nicht mehr die Bedeutung. Man nimmt nicht mehr Teil, der Blick der Frauen streift einen nicht mehr, wie das vielleicht früher noch der Fall war.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich durch die Stadt ging und plötzlich wusste „Jetzt bin ich alt“. Ich wusste das ganz genau an einem ganz bestimmten Nachmittag. Weil mich plötzlich die Frauen nicht mehr angesehen haben. Die Frauen hatten mich vorher immer im Blick. Und plötzlich nicht mehr. Das war ein Schock. Ich bin dann halbtot in einem Café gelandet und habe gedacht „Jetzt bist du also alt…“. Es war merkwürdig, dass es plötzlich so glasklar erschien. Sicher war es vorher auch schon ein wenig so, aber da hatte ich es noch nicht richtig wahrgenommen. Doch an diesem Nachmittag wurde mir klar: Die Frauen sehen mich nicht mehr als einen attraktiven, potentiellen Partner. Jetzt bin ich sozusagen ein Opa. Das war ein harter Schnitt.

Jetzt muss ich natürlich aus Eigeninteresse fragen, wann das war. Wie lange habe ich noch?

005bErfreulicherweise war es relativ spät. Es war so mit Mitte 60. Da war plötzlich Schluss. Vorher konnte man noch ein bißchen so tun als ob. Das ist die eigentliche Definition des Alters: Die Tatsache, dass das andere Geschlecht – sofern du nicht reich oder berühmt bist – dich nicht mehr als potentiellen Partner betrachtet. Dann spielst du nicht mehr mit. Und das muss man erst mal verarbeiten.

Ist das denn tatsächlich so? Es gibt doch auch in deinem Alter viele Frauen, die einsam sind und sich nach einem Partner sehnen.

Das ist etwas anderes. Dann findet das Natürliche in einem Raum der Angst, der Melancholie und der Tragik statt. Das hat nichts mehr mit dem eigentlichen Feld des sexuellen Interesses und der Begierde zu tun. Da geht es dann nur noch darum, nicht allein zu sein. Und das ist traurig, trostlos und banal.

Dennoch hast du Anfang des Jahres „Die Gesichter der Frauen“ veröffentlicht. Ist dieses Werk komplett autobiographisch?

Nein, nichts ist komplett autobiographisch. Was ist Fiktion, was ist Nonfiktion? Wie soll man da differenzieren? Natürlich hat es mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Jede Geschichte schildert selbstverständlich auch Erfahrungsmomente. Aber vielleicht verdichten sich in einer Gesichte die Erfahrungen von vielen Erlebnissen. So funktioniert Kunst.

In welchem Zeitraum spielen die Geschichten?

Ungefähr innerhalb der letzten zehn Jahre. Ich kann jetzt nicht mehr aus der Perspektive eines 40-Jährigen schreiben – das habe ich schlicht vergessen. Was ich in diesem Buch verarbeite, ist mir noch als konkreter Erfahrungswert präsent. Und das muss es auch, sonst kann man nicht ehrlich schreiben, fängt an zu konstruieren und zu erfinden.

Gibt es in dem Buch eine Episode, die dir besonders am Herzen liegt?

Nein, da gibt es keine Hierarchie. Jede Geschichte ist anders, so wie auch jede Frau anders ist. Mit jeder Geschichte und jeder Frau stürzen wir in einen vollkommen neuen Erfahrungshorizont. Das ist überhaupt das entscheidende Problem der Leute. Sie begreifen nicht, dass der Andere, ein neuer Partner, auch immer ein radikal anderer ist. Stattdessen stellen sie Vergleiche an.

In der kürzesten deiner Geschichten schilderst du die Beziehung zu einer Frau, die du nach langer Zeit wieder siehst und die kurze Zeit später an Krebs stirbt. Ist das…

… nein, da wollen wir nicht sentimentalisch argumentieren, nur weil das Wort „Krebs“ fällt! Das vertieft die Erfahrungswelt nicht. Das nenne ich „sentimentalisch“. Als bekäme es deswegen Bedeutung. Dem ist aber nicht so. Man kennt das: Irgendjemand redet von Krebs und plötzlich werden alle ganz still. Nein! Krebs ist nicht weniger banal als alles andere.

In der letzten Geschichte hilft dir deine Tochter bei der Antwort auf eine Partneranzeige, die du dann aber doch nicht abschickst. Hast du es seitdem noch mal probiert?

Nein.

Warum nicht?

Weil es vorbei ist. Im Gegenteil: Es wäre ein Albtraum, jetzt noch mal etwas mit einer Frau anzufangen. Es wäre auch ungerecht. Was soll sie denn mit mir? Ich bin alt, müde, kaputt und zerstört. Das wäre nur wieder dieses verzweifelte Klammern, um nicht allein zu sein. Man muss auch die Würde haben, mit seiner eigenen Einsamkeit souverän umzugehen. Das Schlimmste ist dieses Anklammern, wie man es in so vielen Beziehungen sieht. Paare wissen schon längst, dass sie nichts mehr miteinander zu tun haben, aber haben nicht den Mut zu sagen „Es ist vorbei, lass uns einfach in Frieden auseinandergehen!“. Das bekommen doch fast alle nicht hin.

Nun kennst du ja auch schon seit einigen Jahren die Braunschweiger Kunst- und Kulturszene. Was hältst du von ihr?

Ich sage es ganz hart: Sie ist nicht besonders aufregend. Sie ist emsig und umtriebig und sie macht relativ viel, aber substantiell fragt man sich schon: Wo geschieht denn wirklich etwas, von dem wir alle sagen würden „Donnerwetter, da muss man hin!“? Wann war das letzte Mal etwas, das die ganze Stadt in Aufregung versetzt hat? Und das müsste eigentlich sein.

Aber ich möchte Braunschweig jetzt auch nicht runtermachen. Es tut sich schon relativ viel und wahrscheinlich auch das, was man von mittleren bis kleinen Städten – Braunschweig hat nun mal diesen Kleinstadtcharakter – erwarten kann.

Dennoch wäre es beispielsweise Aufgabe des Staatstheaters, in dieser Hinsicht mehr zu leisten. Und auch die HBK versagt da völlig. Wenn ich mich an die Zeit in Düsseldorf zurückerinnere mit Joseph Beuys… da war die Hölle los. Tag und Nacht Gespräche in allen Kneipen. Wo ist hier in Braunschweig Tag und Nacht Gespräch, was kulturelle Phänomene angeht? Und auch die städtische Kulturpolitik ist mager, höchst konventionell und langweilig. Da könnte und müsste man in dieser Stadt erheblich mehr machen.

Liegt das vielleicht auch am Nachwuchs?

Die Jugend tut mir leid. Die haben alle Angst vor der Zukunft. Die müssen irgendwie zusehen, dass sie so schnell wie möglich durchkommen und irgendwie noch was vom Kuchen ergattern. Das ist erbarmungslos und war in meiner Jugend noch nicht so. Mal abgesehen davon, dass alle Menschen heute Angst haben. Wir hatten noch nie ein Jahrzehnt, das so sehr von Angst zerfressen war. Und die kommt ja auch nicht von Ungefähr. Die Angst ist konkret und ganz real, sie ist berechtigt. Früher im Kalten Krieg war die Welt einfacher, wenn natürlich auch idiotisch. Die Bedrohung war überschaubar. Heute ist alles imaginär. Gibt es noch einen Feind? Ja, alles ist Feind! Und wenn nicht, erfinden wir uns einen. Der Druck auf die Jugend ist sehr groß und die Angst wächst.

Abschließend eine klassische Interviewfrage: Warum sollte ein junger Mensch dein Buch – das Werk eines gealterten Mannes – über „Die Gesichter der Frauen“ lesen, in dem dieser bloß seine Erfahrungen der letzten zehn Jahre thematisiert?

Weil es lehrt, dass die Liebe alterslos ist. Dass in der Liebe etwas wohnt, was absolut neutral ist. Als hätte es mit allem anderen nichts zu tun – und so ist es auch. Zwischen einem 17-Jährigen und einem 77-Jährigen gibt es überhaupt keine Differenz darüber, was Liebe ist. Es gibt auch kein Alter in der Frage, was der Tod ist. Kein Alter in der Frage, was Schmerz ist. Das sind ewige Themen und vollkommen alterslos.

Und letztlich sind es einfach schöne Kurzgeschichten, die man, wenn man ein bisschen aufmerksam liest, vielleicht sogar mag.

Serge Roon, vielen Dank für das Gespräch!

Text und Fotos: Stephen Dietl

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