Soul im Zeichen der untergehenden Sonne – Gregory Porter und Band erobern die Herzen im ZeitHaus Wolfsburg

Soul im Zeichen der untergehenden Sonne – Gregory Porter und Band erobern die Herzen im ZeitHaus Wolfsburg

Tut mir leid, über Kopfbedeckungen wird hier nicht geredet, auch nicht über schwere Kindheit, späte Karriere. Das überlässt man besser den Laut-Sprechern und Hype-Generatoren, die sich seit einem Jahr „wie ein kleiner Junge auf Weihnachten“ auf diesen Auftritt bei Movimentos in Wolfsburg freuten. Kann man nicht noch dicker auftragen?

Yes, you can. „Gregory Porter – der Jazz-Superstar!“, „Eine schier unglaubliche Verbindung von Soul und modernem Jazz!“, „Mr. Porter, wie sieht es eigentlich aus mit Groupies?“. Zum Verzweifeln schlimm.

Glücklicherweise erdete Porter mit seiner Band recht schnell. Allerdings nicht problemlos. Zum einen ist das ZeitHaus ein recht schwieriger Auftrittsort. Das Missverhältnis von Sitz-, Halbsitz-(Treppe) und Stehplatzangeboten macht unbehaglich. Eine Art Klassengesellschaft tut sich auf. VW steht für Innovation, Kreativität und Flexibilität. Das sollte man auf Konzerte dieser Art anwenden. Konkret: Ortswechsel. Mehr Sitzplätze, bitte!

Aber auch der Sound war zu Beginn recht matschig und die tief stehende Sonne beeinträchtigte die Musiker. Spätestens mit „No Love Dying“ und „Liquid Spirit“ stabilisierte sich jedoch der Auftritt und Porter konnte seine spezifische Art von Soulmusik zelebrieren.

Viel historisches Erbe wurde deutlich: Bill Withers in den Vokalrepetitionen etwa, Marvin Gaye in der Rhythmisierung und Gestaltung des Vortrags, viel Stevie Wonder und Ray Charles in den Kompositionen. Aber alles stimmlich tiefergelegt im Bariton und mit einer eigentümlichen Phrasierung.

Gregory Porter und Band. Foto: Manuel Weber.

Gregory Porter und Band. Foto: Manuel Weber.

Jazz? Wozu nun diese Hype-Vokabel? Weil der Pianist zu „Wolfcry“ Prokofjew zitiert und dissonant verfremdet? Weil ein Saxofon dabei ist? Nein – anspruchsvolle, hervorragende Soulmusik war das, die auch vor Pop („Hey Laura“) und politischer Botschaft („Motorcity is burning“) nicht zurückschreckte. Die begeisterte, weil sie Melodien lieferte, die nachvollziehbar-singbar, aber nicht plump waren.

Porter ist dann stark, wenn er Uptempo-Nummern singt, die viel Druck in der Stimme verlangen. Und auch dann, wenn er völlig zurück genommen Balladen vorträgt. Sie sind so intensiv, dass auch das Gerede an der Bar verstummt. In den eher moderaten Nummern wirkte Porter wenig aufregend. Und auch seine Band konnte da nur teilweise raushelfen. Zweifelsohne war Yosuke Sato am Altsaxofon der Kracher des Abends. Nur – muss jedes Solo speedig angelegt sein? Warum nicht mal eine auf wenige Töne reduzierte Improvisation über eine Balladenmelodie? Das führte viel tiefer in die Musik als bloße Artistik! Und Chip Crawford am Piano verlor sich in den Uptempo-Nummern doch recht schnell in konventionellen Floskeln. Emanuel Harrold am Schlagzeug und sein Rhythmus-Kollege Aaron James am Bass waren eine solide Bank, beide hatten aber zu wenig Freiraum.

Fazit: Ein letztlich begeisterndes Konzert, das Übertreibungen aller Art nicht bedarf.

Text: Klaus Gohlke

Titelfoto: jazzecho.de

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