Warning: htmlentities(): charset `!' not supported, assuming utf-8 in /www/htdocs/w0120210/wp-content/plugins/proper-widgets/the-widgets/proper-article-widget.php on line 42
Kreativ Kraft schöpfen und dazu eine Menge Druck – Stipendiatenausstellung im Allgemeinen Konsumverein | kulturblog38.net
Warning: htmlspecialchars(): charset `!' not supported, assuming utf-8 in /www/htdocs/w0120210/wp-content/themes/sahifa/functions/theme-functions.php on line 1407

Kreativ Kraft schöpfen und dazu eine Menge Druck – Stipendiatenausstellung im Allgemeinen Konsumverein

Kreativ Kraft schöpfen und dazu eine Menge Druck – kann diese Mischung zu künstlerischem Erfolg führen? Tut man Künstlern damit etwas Gutes?

Im Fall der beiden Stipendien „Idee“ und „Abdruck“ ganz sicher, denn genau darum geht es der Braunschweigischen Stiftung, dem Initiator der Stipendienprogramme. Mit Druck ist auch mitnichten Leistungsdruck gemeint. Gemeint ist das Werkstipendium „Abdruck“, mit dem gezielt Künstler gefördert werden, die sich mit dem Thema Druckgrafik auseinandersetzen. Für das mit 4000 Euro dotierte Stipendium stellt die Städtische Galerie Wolfsburg mit ihrer Druckwerkstatt die idealen Räumlichkeiten und in Person von Christoph Baranski auch kompetenten Expertenrat zur Verfügung. Ebenfalls mit 4000 Euro dotiert sind die beiden „Idee“-Vorhabenstipendien. Hinter „Abdruck“- und „Idee“-Stipendien steckt ein gemeinsamer Gedanke: ausgewählte Künstlerinnen und Künstler in der Region Braunschweig fördern, ohne zusätzlichen Leistungs- und Erwartungsdruck zu schaffen. Vielmehr möchte man ihnen für ein Jahr den Druck von den Schultern nehmen. Druck, der sich häufig aus dem Konflikt zwischen einem Leben für die eigene Kunst und der Kunst des finanziellen Überlebens ergibt.

045Dr. Anne Mueller von der Haegen erklärt das Anliegen der Stipendien: „Die Stipendien sollen v.a. Künstlern, die dem üblichen Stipendienzirkus entwachsen sind und kontinuierlich das harte Brot des Kunst machens weiterverfolgt haben, eine Atempause verschaffen. Neu nachdenken, neue Wege gehen, lange Geplantes oder Angedachtes verwirklichen“. Von der Haegen hat die Ausstellung im Auftrag der Stiftung kuratiert und die Künstler während des Stipendiums begleitet. Gleichzeitig ist sie als erste Vorsitzende des Allgemeinen Konsumvereins auch Gastgeberin der Ausstellung und kann an diesem Eröffnungsabend neben den drei Stipendiaten und vielen Kunstfreunden u.a. Geschäftsführer Axel Richter sowie Susanne Schuberth und Friedemann Schnur von der Braunschweigischen Stiftung in den Räumen Hinter Liebfrauen 2 willkommen heißen. Auch mit dabei: Prof. Susanne Pfleger, Direktorin der Städtischen Galerie Wolfsburg. Pfleger lobt die Zusammenarbeit mit der Braunschweigischen Stiftung im Rahmen des neuen „Abdruck“-Stipendiums: „Wir wollten eine Brücke zwischen Braunschweig und Wolfsburg schlagen und das ist uns sehr gut gelungen. Unsere Region möchte bis 2020 eine Referenzregion für Arbeits- und Lebensqualität sein – mit dem Stipendium „Abdruck“ tragen wir einen kleinen Teil dazu bei.“

046

105Die erste „Abdruck“-Stipendiatin ist die Braunschweiger Künstlerin Hanna Nitsch (40), die v.a. für ihre Keramikobjekte, Tuschezeichnungen sowie Foto- und Videoarbeiten bekannt ist. Jetzt hat sie erstmals die Möglichkeit, die Druckgrafik als künstlerisches Medium erproben. Ganz im Sinne des Stipendiums, denn dieses Stipendium „spricht vor allem Künstler an, die schon lange ihren Weg gehen und möglicherweise noch nie mit Druckgrafik gearbeitet haben, dieses Medium aber für ihre Arbeit erschließen wollen“, so Kuratorin von der Haegen. Hanna Nitschs Arbeitsauffassung kommt das entgegen, denn die Medien, mit denen sie arbeitet, sind für sie gleichzeitig Studien- und Forschungsobjekte: „Die interessante Frage ist, welches Medium was leisten kann. Kann mein Werk den Anspruch an das Medium erfüllen?“ Unabhängig vom Medium steht bei Nitsch ein Thema im Vordergrund: „Es geht bei mir immer um Identitätsbildung. In fast allen meinen Werken bewegt sich eine Kunstfigur, ein Avatar durch eine Parallelwelt.“ Eine Parallelwelt, die gespickt ist mit Bezügen zur Realität, von der individuellen bis zur kollektiven Identitätssuche, vom Porträt bis zum Nationalismus. Wer ihre Drucke betrachtet, fühlt sich an graphic novels oder an storyboards von Filmsets erinnert, wobei Nitsch in ihren Druckserien bewusst mit der Erzählstruktur spielt. Indem sie die Stringenz der Handlung aufbricht, relativiert sich die Frage nach einem geteilten Sinnzusammenhang der Druckserie und die grafische Qualität des einzelnen Drucks wird in den Vordergrund gestellt.

101

110Hier gibt es durchaus konzeptionelle Überschneidungen mit Thomas Bartels, einem der beiden „Idee“-Stipendiaten. Auch der Braunschweiger Bartels (54) setzt sich seit langem mit dem Medium Film auseinander, sein Ansatz ist jedoch noch analytischer, noch medienspezifischer, noch abstrakter. Während Nitsch mit verschiedenen Medien ein Thema transportiert, ist Bartels‘ Thema das Medium selbst. Kein Wunder, dass am Ende einer derart langen und vertieften Auseinandersetzung mit dem Medium Film die Dekonstruktion steht. Der Künstler, der u.a. bei den beliebten Braunschweiger Lichtparcours vertreten war, hat im Allgemeinen Konsumverein eine „Atelierinsel“ errichtet, wobei sofort vier Vergrößerungsapparate ins Auge fallen. Die modifizierten Projektoren aus der analogen Dunkelkammer schicken mittels kleiner Spiegel abwechselnd Lichtstrahlen an eine kleine Leinwand, auf der sich so eine Serie aus vier Bildern ergibt. „Ich sammele schon seit vielen Jahren Vergrößerungsprojektoren aus Dunkelkammern für solch ein Projekt. Das Stipendium hat mir die Möglichkeit gegeben, das Projekt zu realisieren“, berichtet Bartels. Seine Arbeit ist eine Umkehrung des Prozesses, mit dem der britische Fotograf Eadweard Muybridge im 19. Jahrhundert die Entwicklung des bewegten Bildes einleitete, der Bewegungsanimation aus Einzelfotografien: „Muybridge hat 24 Fotokameras gehabt und damit Bilder aufgenommen. Ich nehme die Vergrößerungsgeräte aus der Dunkelkammer und nehme keine Bilder auf, sondern projiziere sie.“ Gleichzeitig entsteht aus dem Arrangement der Projektoren eine bildhauerische Arbeit. Und das ist erst der Anfang: Entsprechend Muybridges historischer Vorlage wird die Zahl der Projektoren und Bildsequenzen ebenfalls auf 24 und die Lichtleistung der in den Projektoren verbauten LEDs von 5 auf tageslichttaugliche 50 Watt wachsen. Die fertige Installation wird Bartels u.a. Anfang Mai auf dem 25. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin zeigen. Neben den Projektoren bevölkert Bartels „Atelierinsel“ ein Tisch, auf dem der Künstler unverwirklichte Projektideen, Skizzen und Notizen der vergangenen Jahre unter Glas collagiert hat. Am Ende wird daraus ein Buch werden, eine Retrospektive in eigener Sache, mit der Bartels „feststellen wollte, was mich beschäftigt hat und welche Konstanten es gibt. Es ist sehr spannend, was sich da für Querverbindungen herausgestellt haben, die ich nie bewusst wahrgenommen habe.“ Darüber hinaus hat Bartels das Stipendium nutzen können, um sich Gedanken zu machen, wie sich seine Kunst adäquat über eine eigene Website transportieren lässt: „Meine Filme zum Beispiel erzählen anders, nicht narrativ sondern assoziativ, mehr traumhaft. Das stellt gewisse Ansprüche an das digitale Medium. Meine Versuche zu diesem Thema stelle ich auf einem Screen dar. Das ist eine Diskussionsgrundlage, um mit einem Programmierer über die technische Realisierung zu reden.“

024

127Neben Bartels konnte sich Michael Nitsche (53) aus Braunschweig über ein „Idee“-Stipendium freuen, das ihm die Möglichkeit gab, seine bildhauerischen Arbeiten größer und komplexer zu gestalten. Entstanden ist u.a. die beeindruckende Skulptur „Harlekin, zwei Aras“. Seine „erschreckend abgründigen“ und gleichzeitig „vertraut poetischen Figuren“ (von der Haegen), die auf der Suche nach der Einheit von Mensch, Tier und Natur kultische und rituelle Elemente zitieren, haben wir bereits vorgestellt. „Ich bin einfach immer wieder interessiert, diese Polaritäten auszuschöpfen und auszuloten: das Schöne im Hässlichen, das Hässliche im Schönen; das alltägliche Reale mit dem außergewöhnlichen Irrealen zu verbinden und daraus eine besondere Welt zu erschaffen“, erläutert Nitsche den Motor seines künstlerischen Schaffens. Seine künstlerische Position? „Ich bin halt ein klassischer Bildhauer. Es geht mir um lebensnahe Formulierungen von Körperlichkeit und auch Sinnlichkeit. Dafür habe ich meine Materialien gefunden: Fell, Kunstfell, Altkleider, Perlen und andere Accessoires und eben auch echte Präparate, die ich einbaue und dann mit Paraffin überziehe.“

015

Wie von Kuratorin von der Haegen angekündigt, sind in dieser Ausstellung in der Tat drei sehr unterschiedliche künstlerische Positionen versammelt. Das erzeugt einerseits Spannung und Abwechslung beim Betrachter und belegt andererseits die nötige künstlerische Aufgeschlossenheit bei der Stipendienvergabe. Einziger Wermutstropfen: die Besucher konnten sich nur an einem Wochenende davon überzeugen, wie gut diese beiden neuen Stipendienkonzepte funktionieren: wer Künstlern die Möglichkeit zum Durchatmen gibt, erhält keine heiße Luft, sondern frischen Wind für die Region.

Text: Jan Engelken

Fotos: Stephen Dietl

Hinterlasse einen Kommentar