Punk lebt! – Deutsche Punkrockbands liefern den Soundtrack zur aktuellen Lage

Punk lebt! – Deutsche Punkrockbands liefern den Soundtrack zur aktuellen Lage

Auf dem aktuellen Titelcover der Musikzeitschrift Visions steht es in großen Lettern geschrieben: Punk lebt! In einer ausführlichen Roadshow durch die deutsche Musikprovinz wurde das Erscheinen des neuen Turbostaat-Albums “Abalonia” zum Anlass genommen, eine Werkschau der “neuen” deutschen Punkrockbands zu liefern: “Adam Angst”, “Love A”, “Pascow” und eben am Ende “Turbostaat” als Flaggschiff einer vermeintlich wiederbelebten Szene. Doch was ist zutreffend an dem Hype?

Ein Blick zurück hilft zur Erkenntnis, wie Historiker und Politologen sagen. Dieser Blick führt in die Geburtsstadt dessen, was – in scharfer Abgrenzung zum verschmähten Begriff Deutschpunk – gerne als deutscher Punkrock bezeichnet wird: in die Hauptstadt. Dort spielten vor kurzem im vollkommen überfüllten Astra-Kulturhaus die alten Punkrockhelden der “Terrorgruppe”. Vor über 1000 Zuschauern zelebrierten die mittlerweile fast in die fünfziger Jahre gekommen Punkrocker eine dreistündige Berliner Bühnenshow sondergleichen. Ein Feuerwerk an alten und neuen Hits, bei denen man erst während eines Konzertbesuches merkt, was für ein Gesamtwerk die “Terrorgruppe” eigentlich in ihrem langjährigen Bestehen geschaffen hat. Auch im vollkommen ausverkauften “B58” am Braunschweiger Bültenweg schrammelte die Terrorgruppe und ihre “Speziellen Gäste” am vergangenen Samstag ihre Hits raus. Dabei natürlich die zum Song geschriebene programmatische Ansage “Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland”, die Klassiker des abgrundtief schlechten menschlichen Zusammenlebens wie “Sabine”, “Tante Gerda hat Krebs” und “Opa”, der Rausschmeißgassenhauer “Wir müssen raus” und natürlich auch die neuen Songs von “Tiergarten”, die neue Platte, die erstmalig in der Bandgeschichte in die deutschen Charts gekommen ist. Neue Songs – die gleichen Themen, ließe sich an dieser Stelle durchaus ohne Kritik behaupten.

Die “Terrorgruppe” war in ihrer gesamten Bandgeschichte auch immer tief im Anti-Rassismus verwurzelt. Bereits in den 90er Jahren nach den brennenden Asylbewerberheimen in Mölln und Solingen schrie die Terrorgruppe diesen menschlichen Entgleisungen auf der Bühne ihre Antwort entgegen: “Nazis im Haus”, “Russen-Hitler”, und das bereits aufgeführte “Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland” waren deutliche Ansagen. Auf “Tiergarten” wird das fortgeführt. Das Album, das auf dem Titel das berühmt gewordene Selfie eines Affen hat, schließt sich hier nahtlos an. “Blutbürger”, “Wutmensch” und “Leider keine Zeit” greifen die Thematik über 20 Jahre nach den Anschlägen wieder auf – leider aktueller denn je. Der “Terrorgruppe” liegt dabei auch immer ein latenter Anti-Amerikanismus sowie – dabei ganz politischer Punkrock – die Aversion gegenüber dem Staat inne. Auch auf “Tiergarten” findet sich das wieder: “Winnetou” und “Wie es der Staat mag” sind hierbei als in diesem Sinn ganz klassische Stücke zu nennen. Was ist aber so neu an der deutschen Punkrockszene, der nun eine Musikzeitschrift einen Stempel aufzudrücken versucht?

Womit wir wieder bei “Turbostaat” wären. Die Band aus dem hohen Norden dürfte spätestens seit dem Auftritt bei “Circus Halligalli” auch über die typischen Genre-Grenzen hinweg vielen Menschen ein Begriff sein. Insbesondere der Auftritt bei der “Joko und Klaas”-Pro Sieben-Abendshow zusammen mit dem “Shanty-Chor Reinickendorf” aus Berlin hat deutlich gemacht, wie groß die Band mittlerweile ist. Dabei ist “Abalonia” mit der dazugehörigen Single “Wolter” bereits das sechste Studioalbum der Band aus Husum, die mit dem Song “Insel” eine Hymne an ihre Heimatstadt geschrieben haben.

“Abalonia” glänzt mit einem grandiosen Arrangement von aufeinander aufbauenden Songs, die in der von Turbostaat aufgebauten Scheinwelt – eben “Abalonia” – ihr zu Hause gefunden haben. Düstere Hymnen mit düsteren Themen dominieren die Scheibe. Die Flüchtlingsthematik wird gleich in mehreren Songs aufgenommen: “Ruperts Grün”, die Single “Wolter” und der titelgebende Track “Abalonia” beziehen klar Position auf Seiten der Vertriebenen. Doch so ganz weiß man bei Turbostaat nie, was sie genau meinen. Kryptische Texte mit viel Interpretationsspielraum sind – ganz ähnlich wie bei “Tocotronic” – ihr Markenkern. So sind die vermeintlichen Beziehungsdramen in “Die Arschgesichter”, die Kapitalismuskritik in “Der Zeuge” und das tragische Einzelschicksals des – im Übrigen zentralen Hits der Platte – “Eisenmanns” sicherlich nur eine Deutung. Was die Band genau sagen will, weiß man sicher erst, wenn man sie fragt. Doch eins ist deutlich: “Turbostaat” ist eine zutiefst politische Band. Das verbindet sie mit der “Terrorgruppe” und der politischen Kernbotschaft des deutschen Punkrocks: Wir akzeptieren die Umstände in der Gesellschaft nicht so, wie sie sind!

Daher ist die Botschaft der “Visions”, dass Punk (noch) lebt, weder eine neue, noch eine besonders innovative: Deutscher Punkrock war nie tot. Beispielsweise bespielen “Turbostaat” bereits seit 1999 Clubs, mittelgroße Hallen und Festivals in Deutschland. Bei der neu formierten und von der “Visions” gehypten Band “Adam Angst”, die mit ihrem Debutalbum tatsächlich ein Meisterwerk abgeliefert hat, singt der Sänger von “Frau Potz”, die in der Szene länger bekannt waren. Das Gleiche gilt für Genre-Größen wie die “Boxhamsters”, die Altmeister von “EA 80″, die aufgrund einer Verweigerungshaltung gegenüber jeglichem Kommerz einzig und allein ihren Bandnamen auf schwarzem Hintergrund auf ihrer Homepage stehen haben und auch für die leider aufgelösten Münsteraner “Muff Potter” und ihre Genreverwandten von “Tagtraum” aus Schweinfurt sowie eben auch für die “Terrorgruppe”. Klar ist dabei: Punk ist immer Gesellschaftskritik, und solange es Missstände in Deutschland gibt, wird deutscher Punkrock diese in ihren Songs aufgreifen.

Wer einen Überblick dazu haben möchte, kann mit dem Kauf des Samplers “Kein Mensch ist illegal” gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ein Teil der Erlöse geht direkt an “Pro Asyl” und einige von den hier genannten Bands können mit thematisch passenden Tracks gehört werden. Wer sich jedoch live davon überzeugen möchte, dass Punk (noch immer) lebt, kann sich von Turbostaat in der Hauptstadt bespielen lassen: Am 1. April (Kein Scherz) rocken die Husumer das Huxley´s in Berlin zu Boden.

Text: Anis Ben-Rhouma

Titelbild: terrorgruppe.com, Virus Films

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