Zurückhaltung im Geld-Dschungel: Terri Lyne Carrington überzeugt musikalisch, nicht politisch beim Jazzkonzert im Wolfsburger ZeitHaus

Zurückhaltung im Geld-Dschungel: Terri Lyne Carrington überzeugt musikalisch, nicht politisch beim Jazzkonzert im Wolfsburger ZeitHaus

Politische Musik ist ein eigen Ding. Agitprop-Musik schmerzt in der Regel, zu offensichtlich ist, was man beim Hören zu denken hat. Ist sie zu zurückhaltend, bleibt das Politische auf der Strecke. Die Jazz-Heroen Duke Ellington, Max Roach und Charles Mingus machten 1963 den Versuch, die prekäre Beziehung von Kunst und Kommerz, die Benachteiligung der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft überhaupt zu thematisieren. Ellington, leidgeprüft, schrieb „Money Jungle“, eine Musik, die – wie er knapp anmerkte, alles sagt, ohne etwas sagen zu müssen.

Terri Lyne Carrington, die großartige Schlagzeug-Universalistin, schrieb 50 Jahre später, stark beeindruckt von der Musikalität und politischen Aussage jener Platte, eine Cover-Version. Keine Nostalgie-Platte, sondern eine Musik, die expliziter sein will als das Original, und die musikalische Entwicklung der letzten 50 Jahre reflektiert. Folge: Ein Grammy. Der erste Grammy für eine Frau als Instrumentalistin überhaupt.

„Money jungle. Provocative in Blue“ – ist der Titel ihrer Arbeit. Nicht „Money jungle“, nicht „Money jungle project“, wie Announcement, Begleittext und WN erzählen. Man könnte das Verschweigen der Provokation ja verstehen. Carrington montiert in ihre CD Zitate und Redeauszüge, die einem Auto-Konzern nicht unbedingt schmecken müssen. Etwa: „Menschen sind nur dazu da, dass du Geld mit ihnen machst!“ Oder: „Du erzeugst Probleme, wenn du nur ans Profitmachen denkst!“ Trotzdem eine Einladung an die Musikerin mit ihrer Band. Absicht, Ahnungslosigkeit, Selbstironie des Konzerns? Wer weiß. Dem Publikum blieb dieser Hintergrund verborgen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Künstlerin selbst wortlos blieb. Schade.

Terri Lyne Carrington. Foto: Tracy Love

Terri Lyne Carrington. Foto: Tracy Love

Sie lieferte allerdings mit ihren Sidemen ein Jazzkonzert auf höchstem Niveau ab. Ellingtons Melodien wurden aufgegriffen, zitiert, dann aber schnell kaleidoskopartig gebrochen. Es war nicht ein Abend, der in Sachen musikalischer Dynamik erhellend war. Vielmehr zeigte das Quartett, wie spannend es sein kann, wenn man intelligent mit dem musikalischen Tempo verfährt, die Skala von „sehr breit, schwer“ bis „äußerst schnell“ funktional einsetzt. Und wenn dann noch eine Frau am Schlagzeug sitzt, die alle Register der rhythmischen Differenzierung beherrscht – kann man mehr wollen?

Es wurde heftig über Melodien improvisiert, dann aber schnell auch tonale Zentren verlassen, um größere Spielräume zu gewinnen. Antonio Hart an den Reeds und der Querflöte und Aaron Parks an den Tasteninstrumenten standen einander in nichts nach. Lediglich Zach Brown am Bass hatte weniger interpretatorische Freiräume. Man durchwanderte Jazzgeschichte, hörte unterschiedliche Genres. Mal Post-Bop, mal Swing, Rock, Latin-Grooves, 12 bar – Blues, alles hoch artifiziell und nicht effekthascherisch. Vielleicht das anspruchsvollste Jazzkonzert der diesjährigen Movimentos Festwochen in Wolfsburg. Aber doch auch das kühlste? Nicht nur wegen der fehlenden politischen Kontextualisierung der Musik und des völlig unprofessionellen Hinnuschelns von Ansagen zu Titeln und Mitspielern, sondern vor allem, weil etwas Futter fürs Herz fehlte – das Melodische. Herzlicher, aber nicht überschwänglicher Beifall, eine Zugabe.

Text: Klaus Gohlke

Titelfoto: Phil Farnsworth

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