Zurück in die Zukunft – Künstlerin Fehmi Baumbach geht nach Berlin

Zurück in die Zukunft – Künstlerin Fehmi Baumbach geht nach Berlin

Mit einer großen Ausstellung in der Galerie einRaum5-7 verabschiedet sich Fehmi Baumbach nach zehn Jahren fürs Erste aus unserer Region. Die gebürtige Braunschweigerin zieht es wieder nach Berlin, aber vorher wird am kommenden Freitag Vernissage gefeiert – mit Freunden, Fans und viel Publikum. Fehmis Umzug markiert einen weiteren Meilenstein in einer spannenden Künstlerbiographie, in der die Städte Braunschweig und Berlin eine zentrale Rolle spielen. Höchste Zeit für uns, um mit der humorvollen Künstlerin einen ausführlichen Plausch zu halten: über ihre Kunst und über ihr Leben als Freie Künstlerin, über die Gründe für den Umzug, über die Braunschweiger Kulturszene und ihre neue alte Heimat Berlin, und natürlich über ihre Abschiedsausstellung.

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Hallo Fehmi! Am 19. Juni findet deine vorerst letzte Ausstellung in Braunschweig statt, Titel: „Last chance to change your mind for the next ten years”. Was steckt dahinter?

Ich habe mir gedacht: wie nenne ich die Ausstellung, wenn ich jetzt wegziehe? Es ist einfach die letzte Möglichkeit, seinen Kopf noch mal umzukrempeln, bevor ich in zehn Jahren hier wieder eine Ausstellung mache.

Die Ausstellung ist aber nicht als Retrospektive gedacht?

Nein, es gibt auch aktuelle Werke. Aber ich werde ja demnächst umziehen und es wird auch einiges aus meinem Archiv zu sehen sein. Es wird außerdem eine kleine Flohmarktecke im einRaum geben. Das sind Werke, die einfach hier bleiben müssen, hier in dieser Stadt! Bei mir ist es so, dass ich immer sehr viele Werke ausstelle und auch nicht immer alles verkauft wird. Es gibt also meist auch einen gewissen Rücklauf und der wandert dann halt auf die nächste Ausstellung. Die Bilder sind ja sehr individuell und manchmal dauert es, bis sich jemand davon angesprochen fühlt und eins kauft. Meine Werke sind ja auch nicht liebreizend, kein DaWanda-Style – man muss da als Betrachter schon einen Draht zu haben.

Was erwartet die Besucher auf der Ausstellung?

Eigentlich ist es immer ein kleiner Spiegel. Meine Bilder, meine Collagen zeigen ja immer das Innere des Betrachters.

Welches ist dein Material und was machst du damit?

Mein Material ist Papier; Papier und Hirn (lacht). Also es sind Collagen. Ich zerschneide alte Kunstkataloge, Zeitungen, Magazine, Schulbücher und mache daraus neue Bilder. Appropriation nennt man das auch, also Neues aus Altem zusammenstellen.

kalkulat

kalkulat (2015)

Die Stickereien sind sehr charakteristisch für deine Collagen. Was hat es damit auf sich?

Das ist für mich die Struktur, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Angefangen hat es ganz einfach damit, dass ich eine Linie ziehen wollte und ich habe mein Lineal nicht gefunden. Dann habe ich einfach einen Faden genommen und angefangen zu nähen, um Linien zu ziehen. Das hat mir dann ziemlich gut gefallen, weil es auch sehr haptisch ist, der Collage räumliche Tiefe verleiht. Auch die Farben sind anders als die von Stiften, sie werfen durch den Faden immer noch einen Schatten. Symbolisch ist es vielleicht die Vernetzung: dass das Innen und das Außen immer kommuniziert.

Du hast auch schon andere Sachen gemacht. Wie ist dein künstlerischer Weg verlaufen?

Auch während meines Kunststudiums habe ich schon immer eine Art Collagen-Faible gehabt. Mit 20 habe ich Werkmaterial einfach nach Farben sortiert. Ich sortiere gerne – wahrscheinlich, weil ich so chaotisch bin. Ich hatte dann auch mal angefangen zu zeichnen, aber die Sachen sind mir zu naiv geworden, außerdem konnte ich bestimmte Gegenstände nicht gut zeichnen. Diese Gegenstände habe ich dann aus Zeitungen gesucht und in meine Bilder eingefügt. So hat es eigentlich auch angefangen: Ich habe gemerkt, dass ich besser ausschneiden kann als zeichnen.

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich kann nichts anderes… nein, mein Vater war auch Künstler und meine Eltern haben mich an das Thema herangeführt.

Du hast dann an der Hochschule für Bildende Künste studiert?

Ja, ich habe hier Freie Kunst studiert. Ich hätte auch Kunst auf Lehramt machen können, aber dafür bin ich nicht diszipliniert genug. Ich muss mit mir selber arbeiten, das ist meine Aufgabe, was anderes kann ich nicht. Wenn ich „fremdarbeite“, z. B. Illustrationen für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, dann ist das Arbeiten auf einer anderen Ebene: ich bekomme ein Thema zum Herausarbeiten und bin dann schon sehr diszipliniert.

Hast du künstlerische Vorbilder?

Jeff Koons (lacht)? Es gibt viele Künstler, die ich sehr mag, die aber ganz andere Sachen machen. James Turrell z.B. finde ich wahnsinnig großartig. Ich mag generell Künstler, die Objekte bauen, die Veränderungen in Räume bringen. Ich selbst bin gar kein so großer Collagen-Fan, schaue mir aber natürlich auch Künstler an, die Collagen machen, weil ich auch wissen möchte: wo stehe ich gerade? Mache ich das, was alle schon machen? Die Dadaistin Hannah Höch hätte ich gerne persönlich kennen gelernt, die finde ich auch großartig. Als ich das erste Mal ihre Bilder gesehen habe, war ich total baff.

Wir sitzen gerade im Handelsweg – ein vertrauter Ort für dich, oder?

Ja, Ich bin in Braunschweig geboren, meine Eltern haben hier im Handelsweg gewohnt, ich habe in Braunschweig meine Kindheit verbracht. Ich bin dann mit einer Hippie-Kommune nach Eilum gezogen, dann habe ich in Gardessen gewohnt, dann wieder in Braunschweig, dann in Lucklum. Mit Mitte Zwanzig bin ich dann nach Berlin „geflohen“.

Erzähl mal…

say goodbye to your hometown 2013

say goodbye to your hometown (2013)

Es war der erste April: Matratze, Musik und Anziehsachen eingepackt und nach Berlin gezogen – über Nacht, total spontan. Da war ich 25 und habe noch eine Riesenabschiedsparty geschmissen in der Goslarschen Straße. Ich hab mir damals einen leerstehenden Schuhladen gemietet und es war die Hölle, es endete in einem totalen Chaos, einem Desaster. Schlägereien ohne Ende, es wurde geklaut wie Sau. Und dann bin ich abgehauen, mitten im Studium. Ich habe dann aus Geldnot angefangen, in Berlin auszustellen. Gleich zu Anfang habe ich den Pop-Art-Künstler Jim Avignon kennen gelernt. Der hat mich gleich mitgenommen und mit mir ausgestellt.

Was war das für eine Zeit in Berlin?

Das war eine tolle Zeit, weil man im Osten von Berlin noch Ausstellungen in großen leeren Wohnungen machen konnte. Das haben wir auch gemacht. Illegal einfach die ganze Etage aufgeknackt, zwanzig Künstler eingeladen, Musik aufgelegt, provisorische Bars aufgebaut. Im Haus des Lehrers direkt am Alexanderplatz haben wir eine Etage gekriegt für‘n Appel und ein Ei und für drei Tage. Da haben wir große Partys gefeiert, auch mit Bands. Ich war damals Teil der Gruppe „The Bewegungselite“. Daraus ist dann auch ein Künstlernetzwerk entstanden, wir arbeiten immer noch zusammen.

Irgendwann ging es wieder zurück in unsere Region, warum?

Ich habe meine Tochter bekommen und ich wollte sie nicht in dem Moloch Berlin großwerden lassen. Ich wollte, dass sie zwischen Feldern, Wiesen und Wäldern groß wird. Also bin ich 2005 nach Evessen gezogen. Da habe ich mich dann für zehn Jahre ausgeruht, aber jetzt habe ich wieder Hummeln im Hintern, jetzt muss es wieder weitergehen.

Wie war es für dich, wieder in Braunschweig zu sein?

Naja, mit Kind ist es natürlich nicht ganz so einfach, sich künstlerisch zu verwirklichen. Ich habe zwar weiterhin meine Sachen gemacht, bin aber auf dem Dorf irgendwie etwas eingemuckelt. Trotzdem bin ich auch von Evessen aus in andere Städte gereist, war viel unterwegs, habe viel ausgestellt. Aber das ist schon schwierig mit Kind, man muss schon sehr laut rufen, um sich Gehör zu verschaffen. Gottseidank ging das in der Zeit irgendwann mit Myspace und später Facebook los. Das war ganz wichtig für mich, denn als Künstlerin gehst du sonst auf dem Dorf ein.

Wie vermarktest du deine Werke?

Ich bin eine echte Indie-Künstlerin und habe keinen Galeristen. Ich mache das alles selbst. Meine Werke sind auf meinen Ausstellungen und über meine Website zu sehen und zu erwerben, so funktioniert das. Als Künstlerin und Mutter ist das ein echt harter Job und manchmal wünsche ich mir auch, dass ich einen Galeristen hätte, der mir sagt: „Pass auf, mach deine zehn Bilder im Monat, ich verkaufe dir die und du kriegst ein monatliches Gehalt von 3000 Euro.“

Ist das denn eine Option für dich?

three of me

three of me. (2015)

Ich weiß es nicht. Dadurch, dass ich auch gerne in kleinen Cafés und Läden ausstelle, ist es schwierig, so etwas vertraglich zu regeln. Denn die Galerie will normalerweise die Prozente haben, egal wo ich ausstelle – falls ich überhaupt die Möglichkeit hätte, woanders Ausstellungen zu machen. Ich reise aber gerne herum und stelle überall aus, die Konditionen verhandle ich selbst. Dafür muss ich mich dann halt auch meist um die gesamte Orga und Logistik kümmern. Da wird man dann mal auf Kissen getragen, das Publikum freut sich und kauft – und mal kommt keiner und es nervt. Aber das macht irgendwo auch diesen Job aus, es wird nie langweilig. Das lässt sich auch schwer voraussagen. Es gibt Ausstellungen, da geht einfach nichts. Dann sitze ich da und heule, weil ich denke: ey ich hab kein Geld mehr, ich muss irgendwie nach Hause kommen, ich muss irgendwie Miete zahlen!

Aus welchen Gründen ziehst du jetzt nach Berlin?

Ich brauche einfach diesen spontanen Kontakt zu anderen Kreativen. Es bringt nichts, wenn ich aus der Ferne beobachte, wie sich alle treffen und Ausstellungen organisieren und ich bin nicht dabei, obwohl ich da genau mit reinpasse. Das passiert zwangsläufig, wenn man nicht vor Ort ist. Vor Ort sind es dann diese Begegnungen: “Mensch, gut, dass ich dich hier treffe, ich plane gerade dies und das…”

Und das gibt es in Braunschweig nicht?

Schon, aber ich sehe Berlin auch als meine Heimat an. Ich hab da z.B. auch aufgelegt – und ich kann da auflegen und es kommt auch jemand; und es tanzt auch jemand!

Wo liegt dann das Problem in Braunschweig? Gibt es ein Problem? Ist Braunschweig eher künstlerfeindlich? War es vielleicht früher zu deinen HBK-Zeiten besser?

Die HBK schneckt sich ja so ein, das habe ich damals schon gemerkt. Die HBK ist eigentlich ein Stadtteil, wo auch ein gewisser Sound drumherum ist. Aber selbst ich hab schon Konzerte von Freunden dort verpasst, weil ich es einfach überhaupt nicht mitgekriegt habe. Ich glaube, dass Braunschweig etwas mehr Mut vertragen könnte. Als es die Grenze noch gab, haben hier so viele wahnsinnig tolle Bands gespielt: Pixies, Alien Sex Fiend, The Fall. Da war Braunschweig Zwischenstopp auf dem Weg nach Berlin. Diese Musik hat uns zusammengerottet, es gab eine richtige Szene, die es so nicht mehr gibt, zumindest empfinde ich das so.

Ok, die Mauer ist weg. Aber ist das der einzige Grund, warum es an musikalischer Vielfalt und unterschiedlichen Musikszenen mangelt?

Ich glaube, dass die Auflockerung der Kulturszene hier ganz wichtig wäre. Dass man die Möglichkeit hat, etwas zu machen, ohne ständig Anträge ausfüllen zu müssen, die dann vielleicht sogar noch Geld kosten. In Berlin gab es irgendwann die Klubkommission. Alle Klubs haben sich in einem Verein zusammengeschlossen und sich gegenseitig geholfen, das fand ich ganz toll. Ich habe damals die Gründungsphase mitgekriegt, weil ich viel in Kneipen und Klubs gearbeitet habe und viele Betreiber kannte. Damals ging immer etwas, meist illegal. Niemand wusste von der neuen Location, nur wir. Bis die Touristen kamen, dann musste so ein Klub dann geschlossen werden. Diese Risikobereitschaft fehlt hier einfach. Und natürlich fehlen auch diese unzähligen Ecken und Nischen, die in Berlin einfach niemand auf dem Schirm hat, diese Unübersichtlichkeit.

Und aus künstlerischer Perspektive? Galerien, Ausstellungsflächen?

Ich finde den Konsumverein ganz gut, dort habe ich auch ausgestellt. Es gibt so ein paar Sachen, die ich schön finde. Dazu gehört der einRaum, der hat so etwas seltsam Spontanes, Chaotisches, und ich mag das, wenn die Vernissagen so explodieren, wenn es eigenartig wird, wenn Musik gespielt wird. Ich bin kein Fan von steifen Ausstellungen.

Das Ganze hört sich schon nach einer Flucht aus Braunschweig an…

Naja, das liegt einfach auch daran, dass ich gerne weiterziehe. Natürlich werde ich jetzt ein paar Jahre in Berlin leben, auch wegen meiner Tochter, die dort zur Schule gehen wird. Aber ich glaube, danach werde ich auch wieder weiterziehen, ich kann einfach nicht so lange an einem Ort kleben bleiben.

Hast du schon eine Planung für Berlin, was steht an?

venus and mars

venus and mars (2015)

Erstmal habe ich gerade einen Kuratorenjob auf dem Artville/Dockville-Festival in Hamburg. Da muss ich koordinieren, lade Künstler ein, auch Gernot Baars aus Braunschweig und Jim Avignon. Das Dockville findet während meines Umzugs nach Berlin statt, wo ich ab dem 1. August offiziell meine Zelte aufschlagen werde. Am 19. Juni habe ich dann hier im einRaum die Vernissage. Im Juli habe ich gleich wieder meine erste Ausstellung in Berlin, dann ist im Dezember wieder etwas geplant. Aber in Berlin ergibt sich auch schneller etwas, ich habe dort viele Kontakte, dort funktioniert mein Job einfach besser, es ist nicht so anstrengend. Und es gibt viele Möglichkeiten auszustellen und etwas zu machen, die Stadt ist groß.

Was wirst du an Braunschweig vermissen?

Die kurzen Wege (lacht). Ich bin halt hier geboren. Es gibt Leute, die ich vermissen werde, bestimmte Ecken und Stimmungen – und auch dieses Piefige. Dieses Spießig-Angstvolle werde ich schon irgendwie vermissen. Und die immer gleiche Ü30/Ü40-Party mit Rage Against the Machine natürlich… ich gehe ja nicht mit einer Träne im Auge von hier weg, sondern ich mache auch drei Kreuze, wenn ich weg bin. Deshalb ist es gerade schwierig zu sagen, was ich vermissen werde. Diese Ecke hier, den Handelsweg, werde ich auf jeden Fall vermissen, vor allem den einRaum. Das sind alte Freunde von mir und viele Leute, die hier herkommen, kenne ich auch noch von früher. Das mag ich sehr gerne, dieses Paket würde ich gerne mit nach Berlin nehmen. Aber es ist auch ganz gut, sowas hier zu haben. Ich bin eh öfter mal hier, meine Eltern wohnen in Lucklum, ich bin ja jetzt nicht komplett weg.

Auf was freust du dich ganz konkret in Berlin?

Auf die direkte Zusammenarbeit mit den Leuten, mit denen ich die letzten Jahre nur über die Entfernung zusammengearbeitet habe. Gemeinsam Pläne schmieden, Sachen machen. Und auf die Musik.

Apropos Musik: du bist auch eine immer gern gehörte DJane mit gehobenem musikalischen Anspruch und Tanzaffinität. In welche Richtung geht dein Musikgeschmack?

Ja, das geht zurück auf meine Eltern, die alte SPEX-Leser sind. Ich bin also mit der SPEX groß geworden. Als Kind habe ich mich noch dagegen gewehrt und diese Avantgarde-Musik abgelehnt, später fand ich die toll. Das einzige Problem war nur, dass wenn ich etwas neu entdeckt hatte, meine Eltern das auch cool fanden. Wir haben uns gegenseitig Kassetten aufgenommen, gemeinsam John Peel gehört. Ich habe natürlich auch mit meinen Freunden Platten gehört. Das war so ein Wochenend-Ritual: erst haben wir uns in Lucklum zum Musik hören getroffen und dann sind wir gemeinsam ins “Schlucklum” gegangen. Dort habe ich auch mit 18 das erste Mal aufgelegt. Das war sone Sixties-Zeit, da habe ich Garage und Psychedelic gespielt. Ich hatte Platten und Kassetten dabei, CDs gabs ja noch nicht und dann hatte ich ganz viele Zettel dabei. Ich hatte das alles zu Hause schon geprobt und mir Notizen gemacht. Ich war so aufgeregt, ich war fix du fertig – und das Schlucklum war so voll wie noch nie.

Manche Leute behaupten, Fehmi Baumbachs Werke seien zu preiswert. Stimmt das?

Ich habe schon viele Streitgespräche zu dem Thema gehabt. Das liegt zum einen daran, dass ich mich selbst vermarkte. Hätte ich einen Galeristen, würden die Bilder statt 100 Euro 200 Euro kosten, und mehr kannst du für solch eine Collage nicht nehmen.

Warum eigentlich nicht?

boys

boys (2015)

Ich hasse einfach diesen Kunstmarkt, der ist nicht koscher, das sind Verbrecher. Und wenn ein Bild für zig Millionen verkauft wird, da kriege ich Pickel von. Gerhard Richter sagt ja selbst: ihr seid bescheuert, was verkauft ihr meine Bilder so teuer?? Außerdem bekommt der Künstler davon relativ wenig. Und es ist eben ein ziemlich undurchsichtiges Gemauschel, wenn irgendein cooler Typ sagt, dieses Bild ist 1000 Euro wert. Dann spitzen plötzlich andere die Ohren und wollen es auch haben, zahlen 2000, 3000 Euro und so weiter, das ist totaler Quatsch. Ich bin politisch einfach anders erzogen, meine Mutter war in der DKP. Ihr könnt nicht von mir verlangen, dass ich für eine kleine Collage 1000 Euro nehme, da habe ich einfach Skrupel. Ich habe mit Jim Avignon mal ein Manifest zu unserer Partyreihe Friendly Capitalism Lounge (Capitalism is never friendly) geschrieben, dass wir mit unserer Kunst auch unsere Zielgruppe erreichen wollen. Ich finde es toll, wenn Leute sich Kunst kaufen können, die auch nicht viel Geld haben. Und ich finde es doof, wenn Leute Kunst kaufen, nur um sie weiter zu verkaufen.

Kannst du den Beruf als Freier Künstler empfehlen?

Wer das machen kann und möchte, sollte sich auf jeden Fall noch etwas anderes suchen, etwas anderes lernen, was „Vernünftiges“ quasi. Also bloß nicht auf den kommerziellen Erfolg verlassen. Es ist echt schwer in diesem Beruf, ich kämpfe viel. Manchmal läuft’s total gut und ich freue mich und denke, jetzt ist eine Regelmäßigkeit da – und dann rumms, geht’s wieder runter. Das ist sehr anstrengend, gerade mit Kind. Und ich arbeite sehr viel. Ich produziere nicht nur die Werke, sondern kümmere mich um Ausstellungen, pflege meine Homepage und meine Facebook-Seite. Man muss immer die Fahne hochhalten und sagen: hallo, ich bin noch da!

Was schaust du dir am liebsten an, wenn du Kunst betrachtest?

Das ist unterschiedlich. Ich schaue mir gerne die alten Meister an, wo ich viel entdecken kann. Gerade beschäftigt mich Bildsymbolik sehr stark, das sind immer so Phasen bei mir. Mir fällt etwas entgegen und dann beschäftige ich mich damit. Das sind meist Zufälle, das folgt keinem System. Und das Thema, was mich beschäftigt, verarbeite ich dann auch in meinen eigenen Werken.

Zumindest online gibt es eine scharfe Trennlinie zwischen Kunst und Kunsthandwerk mit dem Namen DaWanda. Was sagst du dazu?

Ich hadere immer mit dieser DaWanda- und Etsy-Sache. Ich denke immer, ich müsste sowas auch machen, um vielleicht auch so kleine Sachen von mir zu verkaufen. Ich habe eine Freundin, die mit den gleichen Materialien arbeitet, aber Deko macht. Die macht tolle Sachen und ist dick im Geschäft. Wir haben also das gleiche Material zuhause, ich mache die komplizierten, sie die eher einfachen Sachen. Aber ich kann nicht solche einfachen Sachen machen, dafür bin ich selbst zu kompliziert.

Und du würdest deiner Kunst vermutlich ungern den „Deko“-Stempel verpassen…

Richtig, und genau das ist das Problem mit DaWanda und Etsy. Wenn ich meine Sachen dort vermarkten würde, dann ist es Kunsthandwerk, dann kommst du aus der Schublade nicht mehr raus.

Ist es eigentlich noch Kunst, wenn jemand wie Richard Prince fremde Instagram-Bilder vermarktet?

Natürlich ist das Kunst. Du kannst ja aus jedem Scheiß Kunst machen. Es kommt darauf an, wie du es benennst, wo es gezeigt wird, wie es gezeigt wird.

Gibt es dann überhaupt gute und schlechte Kunst?

Zu dem Thema hatte ich mal ein Gespräch im Konsumverein mit Justin Hoffmann vom Kunstverein Wolfsburg. Wir haben uns dann vorher Sachen rausgesucht und zur Diskussion gestellt. In den USA gibt es ja das Museum OF Bad Art und von dort haben wir einige Referenzobjekte vorgestellt. Es kommt letztendlich immer darauf an, wie man es präsentiert. Du kannst eine ganze Ausstellung machen mit Scheißbildern. Gibt’s ja viele, z.B. von Jonathan Meese. Die Bilder sind scheiße, aber die Vermarktung funktioniert. Du kannst dich in die Galerie stellen, furzen und jeden Furz für 1000 Euro verkaufen – geile Idee übrigens (lacht)!

Auch die schlechte Kunst hat viele Freunde in Braunschweig. Was sollen die machen am kommenden Freitag?

Die kommen einfach auch in den einRaum. Ich werde extra eine Ecke nur mit schlechten Bildern von mir machen!

Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?

Den einRaum ab Freitag leerkaufen, ich will nichts mitnehmen! Ich lasse auch mit mir verhandeln, bei drei Bildern gibt’s Rabatt. Es gibt auch einen Spezialrabatt, wenn man alle Bilder auf einmal kauft (lacht).

Fehmi, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Jan Engelken

Titelbild: Fehmi Baumbach auf der BBK-Jahresausstellung 2014. Foto:  Stephen Dietl

Fotos: Fehmi Baumbach

Fehmi Baumbach:
Last chance to change your mind for the next ten years
20. Juni bis 5. Juli 2015
Galerie einRaum5-7
Handelsweg 5-7
Facebookevent

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